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Doping, Kommerz und großer Sport

André Hahn blickt angesichts schwieriger Begleitumstände mit gemischten Gefühlen auf Olympia in Rio

Die ersten Olympischen Spiele, an die ich mich bewusst erinnern kann, waren jene von 1976 in Montreal - ich weiß noch genau, wie ich wegen der Zeitverschiebung spät nachts vor dem Fernseher saß, die überraschende Goldmedaille der DDR-Fußballer erlebte und den Marathonsieg von Waldemar Cierpinski verfolgte.

Angesichts der öffentlichen Debatten der vergangenen Wochen und Monate ist die Vorfreude auf die Spiele in Rio diesmal aber selbst bei den größten Sportbegeisterten zumeist nur gedämpft. Anstatt interessante Sportarten vorzustellen, die nur alle vier Jahre bei Olympia mal ein wenig im Rampenlicht stehen, oder aussichtsreiche Athletinnen und Athleten zu porträtieren, gab es in vielen Medien nur ein Thema: die Dopingvorwürfe gegen Russland und die in diesem Zusammenhang erhobene Forderung nach einem Ausschluss des gesamten russischen Teams von den Spielen in Brasilien. Und natürlich standen in diesem Zusammenhang auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) im Fokus der Berichterstattung. Beide Institutionen haben sich in den letzten Jahren wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert; insofern ist manche Kritik absolut nachvollziehbar.

Ganz klar: Die Dopingvorwürfe gegen russische Sportler und Sportlerinnen, Trainer wie Trainerinnen und Funktionäre wiegen schwer. Jeder Einzelfall muss geprüft und gegebenenfalls mit entsprechenden Sperren und Strafen geahndet werden. Wer nachweisbar gedopt hat, hat bei den Spielen nichts verloren. Aber es darf weder eine Sippenhaftung für eine bestimmte Sportart noch für alle Sportler eines ganzen Landes geben.

Als vor Jahren US-amerikanische und auch deutsche Radrennfahrer des Dopings überführt wurden - unter ihnen auch Tour-de-France-Sieger -, kam niemand auf die Idee, alle amerikanischen oder deutschen Radfahrer von der Tour, den Weltmeisterschaften oder gar von Olympischen Spielen auszuschließen. Daher bin ich froh darüber, dass der Ausschluss des gesamten russischen Olympiateams nicht erfolgt ist. Die Entscheidung des IOC, trotz des großen und wohl auch politisch motivierten Drucks, auf eine völlig unverhältnismäßige Kollektivstrafe zu verzichten, verdient Respekt.

Es ist im Übrigen viel zu kurz gegriffen, die Krise des internationalen Sports nur auf die Dopingskandale zu reduzieren. Die ursprüngliche olympische Idee eines Pierre de Coubertin vom friedlichen sportlichen Wettstreit der Jugend der Welt unter dem Motto »Dabei sein ist alles« wurde nicht erst im Vorfeld von Rio pervertiert. Die immer weiter zunehmende Kommerzialisierung und undurchsichtige Vergabepraxis der Spiele, ausufernde Kosten sowie der vom IOC geförderte Gigantismus in den Austragungsorten, der weitgehende Verzicht auf soziale und ökologische Standards und nicht zuletzt die Verweigerungshaltung der Alt-Herren-Riege im IOC gegenüber durchgreifenden Reformen haben den Ruf des Sports und die Akzeptanz von sportlichen Großveranstaltungen ebenso massiv beschädigt wie die Skandale beim Fußball-Weltverband FIFA.

Auch daraus resultiert die Skepsis vieler Linker gegenüber Olympia. Doch wer anderswo aus guten Gründen Demokratiedefizite oder die Verletzung von Menschenrechten und Umweltstandards kritisiert, muss sich zumindest fragen lassen, ob es nicht besser wäre, mal praktisch zu zeigen, dass es auch kleiner, bescheidener und nachhaltiger gehen kann.

Nach den Spielen von Rio wird auch die Debatte um die künftige Leistungssportförderung in Deutschland neu entbrennen. Medaillen dürfen hier nicht das einzige Kriterium sein.

Und schließlich: Wenn von Olympia die Rede ist, werden die Paralympics, die Spiele der Menschen mit Behinderungen, leider häufig vergessen - völlig zu Unrecht, wie ich finde. Die dort startenden Sportlerinnen und Sportler leisten Hervorragendes und haben mehr Berichterstattung verdient, als ihnen ARD und ZDF zubilligen wollen. Deshalb an dieser Stelle alle guten Wünsche für Marianne Buggenhagen & Co.

Die kommenden Wochen werden trotz der schwierigen Begleitumstände hoffentlich eine Menge großen Sport bieten. Auch als Linker darf man im Übrigen seinen Favoriten die Daumen drücken. Mögen in allen Wettkämpfen die besten (und dopingfreien) Athletinnen und Athleten gewinnen!

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