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»Töte sie einfach«

Flüchtlinge in Libyen sind jeder Willkür ausgeliefert

  • Von Benno Schwinghammer, 
Misrata
  • Lesedauer: 3 Min.
Bukky Nofisaz wollte nach Europa fliehen. Doch in Libyen bekam die Nigerianerin Angst - vor schrottreifen Booten, vor Wellen, vor dem Tod.

Der Anruf, der Mohammed Kahul so fassungslos und wütend macht, ist nur ein paar Wochen her. »Der schlimmste Botschafter der Welt«, schäumt der Leiter des libyschen Auffanglagers für Flüchtlinge noch heute, »ist der tunesische!«. Kahul wollte illegale Migranten aus dem Nachbarland zurückschicken. Statt ihm zu helfen, habe der Botschafter gesagt: »Töte sie einfach, Bruder. Töte sie.«

Es sind die Ärmsten der Armen, die hier am Rand der westlibyschen Stadt Misrata in einer alten Schule untergebracht sind. Hinter Gittern, wie in einem Gefängnis. Sie sind illegal nach Libyen gereist. Viele wollten Arbeit in dem ölreichen Land finden. Andere sagen nur: »Europa«. Es hört sich an, als meinten sie das Paradies. Im Krisenland Libyen weggesperrt, sind sie weiter davon entfernt als jemals zuvor.

Sieben Tage verbrachte die Nigerianerin Bukky Nofisaz in einem Auto, um nach Nordafrika zu kommen; ins tief gespaltene Libyen, wo es Schleuser wegen konkurrierender Regierungen und einem Chaos der Zuständigkeiten leicht haben. Von hier aus machen sich die meisten Flüchtlinge auf die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer. In schrottreifen Booten.

Nofisaz hatte vor, nach Europa überzusetzen. »Aber ich traue mich nicht auf eines der Schiffe. Ich will nicht jung sterben«, sagt die schmale 26-Jährige. Also arbeitete sie wie Zehntausende andere Migranten in Misrata, dem Handelszentrum Libyens. Sie putzte, bekam etwas mehr als 100 Euro im Monat und schlief mit ihrem Mann in einer Hütte.

Bis zu der Nacht, als die Polizei an ihre Tür hämmerte. Wo ihr Mann sei. Nicht da, antwortete die Migrantin. Sie erzählt, die Sicherheitskräfte hätten ihr alles weggenommen. Den Pass, das Handy und ihr Geld. Sie hätten sie geschlagen, erzählt die Nigerianerin. Andere Frauen berichten, auf ihrem Weg nach Libyen vergewaltigt worden zu sein.

Die Flüchtlinge - fast alle kommen sie aus Afrika - sind der Anarchie und Willkür ausgeliefert. Nofisaz sitzt nun auf einer dünnen Matratze an einer kahlen Wand, in einem Raum mit mehr als 20 anderen Frauen. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Außer warten. Wenn sie Durst habe, trinke sie das Wasser aus der Toilette, sagt sie.

Währenddessen ist ein Lastwagen in der Mittagshitze vor dem Gebäude vorgefahren. Auf Hunderten Schaumstoffmatratzen steht »UKAID«, britische Entwicklungshilfe. Ein Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) beaufsichtigt die Lieferung. Es fehle den Flüchtlingen an allem, sagt er. Vor allem Kleidung und Hygieneartikel seien knapp.

In einem Schlafraum der Männer hängt ein Poster mit einer Zahnputzanleitung. Aber nicht alle Eingesperrten haben Zahnbürsten. Viele sagen, sie wollten nur noch nach Hause. Nach Ghana, Niger oder Eritrea. Der Traum von Europa scheint erloschen. Aus dem Albtraum Libyen wollen sie schnell erwachen.

»Aber ihre Regierungen scheren sich einen Dreck um sie«, sagt der IOM-Mann. So werden die Flüchtlinge zum Spielball politischer Interessen, gewalttätiger Krimineller und der Ignoranz ihrer eigenen Heimatländer. Erst einmal in diesem Jahr konnten illegal Eingereiste mit einem Flugzeug in ihre Heimatländer zurückgebracht werden, sagt Mohammed Kahul.

Wie viele Migranten in Libyen tatsächlich auf eines der Bote nach Europa steigen wollen, bleibt ungewiss. Doch die Zahlen, die nördlich des Mittelmeers gehandelt werden, Zahlen von Hunderttausenden, die bereits an der Küste auf die nächste Überfahrt warten, werden in Misrata als übertrieben angesehen. Dies verbessere aber nicht die Bedingungen im Land, sagt Kahul. Maßnahmen gegen illegal Eingereiste stehen auf der Prioritätenliste hinter dem Kampf gegen Dschihadisten und einer Einigung in dem geteilten Land. dpa

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