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Heldin Sawtschenko wird unbeliebt

In Russland verurteilte ukrainische Kampfpilotin wird zur Friedensbotin

  • Von Andreas Stein und Wolfgang Jung
  • Lesedauer: 3 Min.
Aus russischer Haft ins ukrainische Parlament: Oberleutnant Nadeshda Sawtschenko schlägt im festgefahrenen Friedensprozess in der Ostukraine neue Töne an und macht sich unbeliebt.

Barfuß und mit zornigem Blick: Ungebrochen kehrt die ukrainische Kampfpilotin Nadeshda Sawtschenko nach rund 700 Tagen in russischer Haft Ende Mai in ihre Heimat zurück. Triumphal wird sie in Kiew nach einem spektakulären Austausch gegen zwei Russen empfangen. Die Bilder der »ukrainischen Jeanne d'Arc«, wie Medien sie in Anlehnung an Frankreichs Nationalheldin nennen, gehen um die Welt.

Schnell wird klar: Sawtschenko entspricht jedoch nicht dem von der Führung in Kiew verbreiteten Bild der bescheidenen Soldatin. In der ukrainischen Innenpolitik agiert sie fast im Dauer-Kampfmodus, wie einst an der Front im Krisengebiet Donbass. Vor allem im Krieg gegen prorussische Separatisten in der Ostukraine schlägt Sawtschenko brisante Töne an.

Noch vor zwei Jahren kämpfte sie im Rang eines Oberleutnants selbst gegen Aufständische. Doch Sawtschenko wurde gefangen genommen und in einem umstrittenen Prozess in Russland wegen Beihilfe zum Mord zu 22 Jahren Haft verurteilt. Und nun dies: »Wir Ukrainer müssen uns versöhnen, in den Gebieten Luhansk und Donezk leben Ukrainer wie hier«, sagt Sawtschenko dem Radiosender Era. Sie sei zum Treffen mit den Separatistenführern Alexander Sachartschenko und Igor Plotnizki bereit.

Die Aussagen senden Schockwellen in die vom Krieg traumatisierte Bevölkerung. Schnell rumort es auch in der Politik. Nationalistische Kreise und vor allem Mitarbeiter von Präsident Petro Poroschenko, der sich von Sawtschenkos Austausch persönliche Sympathiepunkte erhofft hat, fordern eine Klarstellung von Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko.

Sawtschenko besitzt ein Parlamentsmandat der Vaterlandspartei von Timoschenko, die das Feuer auszutreten versucht. »Verhandlungen mit Terroristen haben noch nie zu positiven Folgen geführt«, meint die Parteichefin zu einem möglichen Treffen ihrer Abgeordneten mit Sachartschenko und Plotnizki. Doch es ist zu spät: Sawtschenkos Tabubruch zieht längst Kreise - und sie erhält Unterstützung von unerwarteter Seite. Frontsoldaten machen ihr in Videobotschaften Mut. »Lass dich nicht beeinflussen. Wir zählen auf dich«, heißt es darin unter anderem.

Mittlerweile wird die provokante Geradlinigkeit der 35-Jährigen auch von der Bevölkerung spürbar honoriert. Einer Umfrage des Fernsehsenders 1+1 zufolge, würde Sawtschenko bei Präsidentenwahlen vor Poroschenko und Timoschenko liegen. Die beiden Politikprofis geraten angesichts der Sympathiewerte für den »Neuling« ins Grübeln.

Sawtschenko wird sich ihrer Rolle unterdessen immer bewusster - und sie fordert Poroschenko offen heraus. Die Strukturen in der krisengeschüttelten Ex-Sowjetrepublik würden sich nur von oben ändern lassen, sagt sie in einem Interview der Deutschen Welle. Und in einer unmissverständlichen Kampfansage an Poroschenko betont sie: Ursprünglich wollte sie nicht Präsidentin werden - doch inzwischen sei sie zu dem Schluss gekommen, dass sie Staatschefin werden müsse.

Gestern noch in russischer Haft, morgen schon im ukrainischen Präsidentenpalast: Politologen werfen der Soldatin angesichts solcher Pläne Naivität vor. Sawtschenko müsse lernen, ihre Gefühle zu zügeln, kritisiert etwa der Publizist Alexej Garan. Der präsidentennahe Politologe Taras Beresowez hält die Kampfpilotin gar für eine Agentin des Kremls. Sawtschenko sei in Russland »umgedreht« worden, meint er.

Doch naiv ist die Soldatin nicht. Aussöhnung sei beiderseitig, sagt sie, und fordert Russland nachdrücklich auf, die Kontrolle der Grenze zu den Separatistengebieten an die Ukraine zu übergeben. Moskau müsse Kämpfer aus dem Donbass zurückziehen. »Russland muss nach Hause gehen«, dann sollten UN-Blauhelme die Übergangsphase absichern. Sawtschenko erhöht das Tempo - und den Druck auf Poroschenko.

Die prowestliche Führung in Kiew dürfe einen Gefangenenaustausch mit den Separatisten nicht verzögern, fordert sie - und mehr noch: Die Regierung müsse den ersten Schritt gehen. »Ich habe dem Präsidenten konkrete Handlungen für einen Austausch vorgeschlagen. Doch er spuckt auf eure Kinder, denn in Gefangenschaft sitzen ja nicht seine Kinder«, sagt sie auf einer Pressekonferenz. Sie droht mit Hungerstreik und Straßenprotesten. Parteidisziplin und Staatsräson? Davon scheint die »Kriegerin von Kiew« weit entfernt. dpa

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