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Es zählt nur, was weh tut

Eine Woche für Peter Weiss im Literaturforum im Brecht-Haus

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Raum in der Chausseestraße ist klein, eine Überfülle der Besucherschaft also rasch erreicht. Bei Stühlen, die umgehend besetzt sind, wächst eine angenehme Stimmung: Ein Trüppchen Abirrender (wer interessiert sich noch für Peter Weiss?!) erscheint plötzlich wie eine drängende Menge und also wie eine schöne Gerechtigkeit: Dieser Dichter trifft uns, er bewegt, er fordert. Peter-Weiss-Woche im Literaturforum im Brecht-Haus.

Im November jährt sich zum 100. mal der Geburtstag des 1982 gestorbenen Schriftstellers. Ingar Solty und Jörg Sundermeier kuratierten fünf Abende: die frühen Filme, die schwedische Existenz, das Wesen des Werks und dessen Perspektive. Kein Grundkurs, kein Kolloquium - ein Stimmengewirr. Präzision und Redundanz. Archiv traf Deutung, Wahrnehmung ging dem Wissen zur Seite, man war fundiert oder tastete, man plädierte, plauderte, postulierte, redete voran und auch vorbei, mal kühl, mal heftig. Alle Bedeutung des jeweiligen Abends würde einzig im Verhalten des Zuhörers danach liegen: Worüber reden? Zu welchem Buch greifen? Gibt es in mir eine Stelle, die nunmehr poröser oder haltbarer sein könnte? Wenigstens für Momente.

Zwei Abende mögen für alle stehen, kein Thema ließ sich im Grunde vom anderen trennen. Theaterregisseur Milo Rau betonte seine »Schweizer Kleinbürgerlichkeit«, als ermögliche erst die niederste Aufbruchsebene das gehörige Staunen - in puncto Weiss ein Staunen über dessen »übertriebene Spannkraft«, diesen Mut, »immer wieder Dinge zu probieren, die nicht aufgehen«. Ja, der erfolglose Maler, der unglückliche Filmemacher, der sich schleppende Erzähler, der misstrauisch bleibende Welttheaterstar, der sich »kühn hinauskatapultierte aus allen gesellschaftlichen Besänftigungspraktiken«, um endlich, mit dem Roman »Die Ästhetik des Widerstandes«, geradezu beglückend selbstzerstörerisch zu sich zu finden. Das, was ihn auffraß, gleichsam als »Erlösungskonstrukt« - so der Lyriker Hans-Jürgen Treichel.

Mit erschütternder Systematik habe sich dieser Autor in der Arbeit am Roman »zugrunde gerichtet«, schrieb vor Jahren W. G. Sebald. Essayist und Weiss-Biograf Jens-Fietje Dwars (»Und dennoch Hoffnung«) sieht im Mammutwerk jenes Gesetz des Lebens, das sich der Autor selbst gegeben habe. »So muss es gewesen sein: Er ist dafür auf die Welt gekommen«. Dwars hatte an die ersten Sätze der »Ästhetik des Widerstandes« erinnert: »Rings um uns hoben sich die Leiber aus dem Stein« - Weiss habe »uns gelehrt, den Pergamonaltar neu zu sehen«. Kunst als Stätte des geschichtlichen Kampfes; die Moderne im Spiegel der Mythen; das flehende, fiebrige, fantasierende Fleisch. Auch die Schriftstellerin Anja Kümmel (»Träume digitaler Schläfer«) erwähnte den Altar - in jenem Jahr 1937 nämlich, da der Roman beginnt, war ihr Großvater, unter Hitler, Generaldirektor der Staatlichen Museen in Berlin; ein hoch Verdienter, ein tief Verstrickter. Da ist sie: Geschichte, die den Menschen wie ein Gespenst berührt. Jedem Suchenden geht eine Frage voraus, die sich immer wieder zu uns umdreht und aus Betrachtungen der Vergangenheit zwei Worte für die Gegenwart ableitet: Und du?

Weiss, der Deutsche, der Jude. Leben, das auf einem Überleben gründete, das nicht vorgesehen war. Die Deutschen, die ihn als Autor feiern: »Vor zwanzig Jahren hättet ihr mich durch den Kamin gejagt«. Das Abenteuer der Dialektik als Lebensform: der kämpferische politische Standpunkt und die »persönliche Abgrunderfahrung« (Treichel); das »Ja« zu den »Richtlinien des Sozialismus« bei gleichbleibender Qual, »sich nicht verorten zu können«, so der Literaturwissenschaftler Jürgen Schutte. Jenny Willner, die über Weiss’ »Wortgewalt« schrieb (Gewalt des Wortes, Gewalt im Wort), verwies auf den Zweiklang von Engagement und Klage - für manche sei dieser Ton »peinlich« gewesen. »Aber wo etwas peinlich ist, da ist etwas zu ermitteln.«

Ästhetik heißt: Empfindungslehre. Um als Mensch in der Geschichte nicht selber zu einem jener Monster zu werden, die man bekämpft, bedarf es der Kunst. Sie ist wie die Utopie, ist die Anwesenheit dessen, was erst durch Abwesenheit lebendig wird. Ist der unterirdische Himmel, der nur durch Untergrabung, Unterwanderung des geschichtlich Bestehenden in Sicht kommt. In den »Notizbüchern« fragt sich Peter Weiss, ob »das Schweigen, das Aufgeben nicht ehrlicher wäre als der Drang, sich zeitlebens eine Gedächtnisstätte seiner selbst zu schaffen.« Eine Stätte - wie Dwars sagte - ganz im Sinne Nietzsches: »Man brennt etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt: nur was nicht aufhört, weh zu thun, bleibt im Gedächtnis.«

Für die Erzählerin Anke Stelling (Roman »Bodentiefes Fenster«) ist Weiss ein Impuls für »Selbsterforschung: Wie stehe ich in der Welt?« Es ist die Frage nach dem literarischen Risiko: sich in die Zeitströme einklinken, groß werden im Gedanken - und dann nur die eigene Geringfügigkeit entdecken? Weiss als »Vorbild gegen den Anti-Intellektualismus«, der in die politischen Bewegungen sickerte. »Wie kann es (wieder) gelingen, dass die Subalternen Kunst und Kultur betreiben, ohne Angst vor den Mythen?« Treffliche Frage, wie die von Milo Rau: »Wie kann der Mensch Gutes für die Zukunft tun - mit einer Schuld, die aus tiefsten Vergangenheiten bis in die Gegenwart ragt?«

Die Theorie der Weltbank sei die Individualisierung der Armut, heißt es in Volker Brauns poetischem Essay »Ein Ort für Peter Weiss«. Wie also neuerlich zum »Knoten im Netz« werden, das uns alle fängt? Wie zum Fehler in den globalen Rechnungen, die nur noch auf jenen Menschen zählen, der zu größerer Effektivität bereit ist, als ihm guttut? Jürgen Schutte fragte nach der heutigen »Einheit der Abhängigen« im Kampf gegen Ausbeuter, Jenny Willner nach dem aufrührerischen »Wir« jenseits des »Brüllens: Wir sind das Volk«. Ein »Wir«, das Zerbrechlichkeit einschließt, Sanftheit, Freundlichkeit.

Unsere Art lernt aus den geschichtlichen Perversionen leider nicht so, dass das Kapitel der Grausamkeit in absehbarer Frist ein letztes Mal geschrieben würde. Nein, wohl nie. Darum nimmt die beschwerliche Arbeit an der Kultur kein Ende, und diese Tortur einer immer weiter und immer wieder auch zurück ins akute Vergangene treibenden Fantasie - sie war für Weiss die einzig gültige Bußleistung. Die den Menschen nicht schuldlos macht, aber wenigstens ein schuldloses Werk schafft. Wie eben diesen tausendseitigen Roman »Die Ästhetik des Widerstands«. Diese Pilgerfahrt durch die Geröllhalden unserer Zeit- und Kulturgeschichte. Für Weiss eine »Wunschbiografie«, wie es Treichel im Brecht-Haus sagte, eine Walze des Willens, am Ende der Zeit auf der Seite der Opfer zu stehen. Das ist es: »das Flüstern der Traumkraft zwischen den Steinwänden«. Peter Weiss lesen - und dies Flüstern hören.

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