Von Rosemarie Schuder

Der den Krieg malte

Vor 500 Jahren starb Hieronymus Bosch. Seine Bilder klagen Gewalt und religiöse Intoleranz an

Über den Tag der Geburt von Hieronymus Bosch gibt es keine Aktennotiz. Man nimmt das Jahr 1450 an. Der Vater Antonius van Aken und drei seiner Brüder, auch der Großvater Jan sind Maler gewesen. Vater Antonius war Besitzer eines Hauses am Markt in ›s-Hertogenbosch. Diese Stadt, im niederländischen Sprachgebrauch meist »den Bosch« genannt, ist Hauptstadt der holländischen Provinz Nordbrabant und heute im Vergleich zu den großen Städten von Holland und Belgien eine mittlere Provinzstadt. Zur Zeit von Hieronymus Bosch war sie sehr bedeutend, eine Handelsmetropole mit zahlreichen Manufakturen. Geschütze wurden dort angefertigt und begehrte Messer. Man schätzt die damalige Einwohnerzahl auf 25 000.

Am 9. August 1516 starb Hieronymus Bosch dort. Die »Bruderschaft unserer lieben Frau«, der er angehörte, verbucht in ihren Akten gewissenhaft die Kosten für das Begräbnis. Sonst finden sich kaum Hinweise über seinen Lebenslauf, nur dass er geheiratet hat und ein Stück Land aus dem Erbteil seiner Frau verkauft oder verpachtet hat. Keine Tagebücher, Briefe oder andere Schriften von seiner Hand sind erhalten.

In seinen Bildern und Zeichnungen gibt Hieronymus Bosch jedoch Auskunft über sich selbst. In welcher Reihenfolge seine Bilder entstanden sind, ist ungeklärt. Nicht alle Bilder sind signiert, und nicht alle Signaturen mit seinem Namen sind seine Handschrift. Es gab viele Kopien. Das Interesse an seinen Bildern muss bereits zu seiner Zeit groß gewesen sein.

Wer in das Wesen seiner Werke eindringen will, sollte einen Zugang zu seiner Welt suchen, zu den wirtschaftlichen, politischen und militärischen Kämpfen seiner Zeit. Vier bedeutende Städte hatte das damalige Brabant: Brüssel, Antwerpen, Löwen und ‹s-Hertogenbosch. Das angenehme Leben dort beschreibt Schiller in seiner »Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung«.

Brabant genoss die üppigste Freiheit. Die Privilegien dieser Stadt wurden für so kostbar geachtet, dass viele Mütter aus den angrenzenden Provinzen zu ihrer Entbindung dorthin zogen, um ihre Kinder aller Vorrechte dieses glücklichen Fleckens Erde teilhaftig zu machen. Und da hinein nun setzten deutsche und spanische Landsknechte im Dienst des Hauses Habsburg ihre Stiefel. Und erstickten die von den Städten errungenen Freiheiten.

Eine Gruppe adliger Herren hatte den Habsburger Maximilian ins Land gerufen - gegen die aufständischen Städte. Und schon 1477, als der sogenannte Hochzeitszug des Maximilian von Habsburg zu seiner Braut Maria von Burgund stattfand - er artete in einen wüsten Eroberungs- und Plünderungszug aus -, schon in diesem Jahr 1477 beginnt der Kampf der Niederländer um die Freiheit vom Hause Habsburg. Die stolzen, selbstbewussten und wohlhabenden Bürger, wollten das Land in ihrem eigenen Interesse verwalten und gedeihen lassen. In diesem Kampf ist Hieronymus Bosch zu suchen.

Als eine klassische literarische Quelle über die damaligen Vorgänge in den Niederlanden und über Erzherzog Maximilian, der König und später Kaiser wurde, gilt immer noch der »Ehren-Spiegel« des Hauses Habsburg, geschrieben im Auftrag des Bankhauses Fugger in Augsburg. Wir kennen keinen »Ehren-Spiegel« des Strumpfwirkers Jan Coppenhole, der das Signal zum Aufstand gegen die Habsburger gegeben hat. Signal für Gent, Brügge, Brüssel und auch für ›s-Hertogenbosch. Nicht nur Sieger schreiben Geschichte, mit Entstellungen, Unterstreichungen und Auslassungen, Geschichte wurde auch im Namen von Bankherren geschrieben.

Künstler verewigen Geschichte auf ihre Weise. Hieronymus Bosch gehörte zu jenen, die dies durchaus unverschlüsselt taten, Ungeheuerliches aufdeckten und anprangerten, eingebettet in die Geschichten der Bibel.

Dämonen dominieren viele seiner Bilder, Flammen züngeln, Chaos, Brandschatzung, Verwüstung. Gramgebeugte, vergeblich Schutz suchende Menschen irren umher. Das Verschmelzen von selbst erlebter grausiger Wirklichkeit mit dem Martyrium Christi zeigt sich beispielsweise im Gemälde »Die Dornenkrönung«. Ein schäbig grinsender, Gottes Sohn auf dem Leidensweg antreibender Mann im Rock der Söldner zu Zeiten des Malers (und eben nicht in der Rüstung römischer Legionäre) trägt ein Amulett um den Hals, auf dem der schwarze Habsburger Doppeladler deutlich erkennbar ist. Man kann davon ausgehen, dass die Zeitgenossen des Künstlers Botschaft sehr wohl verstanden. Gesichert ist, dass Philipp II. das anstößige Bild, wie bereits andere zuvor und auch danach, requirieren ließ; er verbannte es 1574 in den Escorial, vor aufmerksamen Augen verborgen.

Da in den Bildern von Hieronymus Bosch immer wieder eigenartige dämonische und teuflische Wesen zu finden sind, gibt es die weit verbreitete, irrige Ansicht, der Maler habe Illustrationen zum sogenannten Hexenhammer geliefert. Zwei Dominikaner, Heinrich Institoris und Jakob Sprenger, hatten dieses Strafgesetzbuch der Inquisition verfasst. Der »Hexenhammer« löste eine Unzahl von Hexenprozessen und Hexenverbrennungen aus. Selbst die von Rom abgefallenen, die evangelischen »Ketzer«, benutzten das fürchterliche Gesetzeswerk, um ihrerseits »Ketzer« zu bekämpfen.

Zu Sprenger noch ein Wort: Er war Prior des Dominikanerordens in Köln, dem Hauptsitz der Ordensprovinz Teutonia. Diese Provinz umfasste Gebiete am Mittel- und am Niederrhein, bis weit hinein in die Niederlande. So unterstand auch die Dominikanerniederlassung in ‹s-Hertogenbosch dem Prior von Köln. Er wurde nach ›s-Hertogenbosch gerufen, um dort ungehorsame Ordensangehörige zu bestrafen. Der Inquisitor musste sich in die Klosterniederlassung seines Ordens mit Waffengewalt Einlass verschaffen. Der aufsässige Geist der Niederländer hatte sogar vor kirchlichen Mauern nicht Halt gemacht.

Gegen die mit dem Eroberer verbündete Geistlichkeit gab es in ‹s-Hertogenbosch eine starke, ganz entschiedene Abneigung bei einer Vereinigung, der auch Hieronymus Bosch angehörte - bei der »Bruderschaft unserer lieben Frau«. Vermutlich war diese der Sammelpunkt der niederländischen Unabhängigkeitsbewegung, eine Keimzelle des niederländischen Staates, denn auch die berühmten Familien der Egmont, Hoorn, Zevenberghen waren Mitglieder. Ihr Wahlspruch lautete: Sicut lilium inter spinas. Wie die Lilie unter Dornen.

Unbestreitbar ist: Hieronymus Bosch hasste die Dominikaner. Und niemand vor ihm hat je Mitgliedern dieses Predigerordens Gesichter gegeben, in dem das Innerste so nach außen gekehrt ist. In der »Kreuztragung« ist der Maler in der Menschendarstellung bis an die äußerste Grenze des Möglichen gegangen, ohne hinwegzuführen zu tierischen Verzerrungen. Die Mimik der Jesu umringenden, alten Männer offenbart Heimtücke, Häme, Hetze. Ein aufgerissener Mund schreit Verleumdungen heraus. Dagegen Christus, der unter dem Kreuz zusammenzubrechen droht - ein sanftes Gesicht, die Augen sind geschlossen. Und doch sieht er. Denn unter den bösen Männern ist Veronika, etwas abseits und ihren Kopf abwendend. Sie hält das Schweißtuch, das später um das Haupt Jesu gelegt wird, in den Händen. Ausgebreitet wie eine Fahne. Auf ihm ist bereits das Abbild Jesu zu sehen - mit geöffneten Augen. Er kann die Mörder und die Helfer der Mörder erkennen. Wie der Maler die Peiniger seiner Landsleute und Unterdrücker von Freiheit und freiem Geist, Liebe und Lust.

Angemerkt sei hier noch: In der Darstellung der Würde ausstrahlenden, aus der wütenden Menge herausfallenden Veronika im Bild »Kreuztragung« zeigt sich die Achtung von Hieronymus Bosch vor dem weiblichen Geschlecht. So auch in seinem Gemälde »Das Martyrium der heiligen Julia«. Eine Frau am Marterholz abzubilden, war damals äußerst ungewöhnlich. Zumal sie wie Jesus dargestellt wird - mit breit ausgebreiteten Armen, weltumspannend und triumphierend, mit einer Märtyrerkrone ausgestattet und in prächtiges, leuchtendes Rot gekleidet.

Alle Abscheu des Malers galt dem Oberhaupt der Katholischen Kirche. Sein Triptychon »Das Jüngste Gericht« legt beredtes Zeugnis davon ab. Der Heilige Vater ist zu entdecken - als eine Kröte mit dem Schwanz eines Wurmes. Sie wird vom aufgeblähten Papsthut fast erdrückt. Die Zwittergestalt, halb Mensch, halb Tier, trägt das Antlitz eines alten Mannes mit weißem Bart, wie ihn Papst Julius II. trug. Und unerhört ebenso: Hier geschieht ein irdisches Gericht. Diesen Eindruck vermittelt der Künstler mit der Ausweitung des Erdenrunds. Der Maler prophezeit, dass die Sünden, die Untaten der Mächtigen eines Tages vor das Strafgericht der heute noch Ohnmächtigen kommen und nicht ungesühnt bleiben. Kühn von ihm ebenso: Auf einem Seitenflügel wird das Leben in der Erschaffung von Eva gefeiert. Und die Liebe, ohne die Gottes Gerechtigkeit und Friede für die Menschen undenkbar ist.

Das wohl bekannteste Triptychon von Hieronymus Bosch, »Der Garten der Lüste«, vermittelt seine Visionen von der Veränderbarkeit der Welt wie kein anderes. Ein Werk von poetischer Schönheit, die nicht zerstückelt werden kann durch abenteuerliche Streifzüge in Mythisches und Mystisches früherer und heutiger Interpreten oder durch spitzfindige Deutungen von Psychoanalytikern. Es ist zu vermuten, dass dieses Werk einer der Führer der niederländischen Freiheitsbewegung aus den Hause Nassau (Oranien) in Auftrag gegeben hatte. Es ist ein Lehrstück, wie die Fantasie Nahrung aus der Wirklichkeit zieht.

Wirklichkeit waren zu Zeiten des Hieronymus Bosch die üppigen Feste der Feudalherren: Menschen steigen aus einer Pastete. Die Wirklichkeit waren ebenso die Gejagten, die sich auf Schlittschuhen aus brennenden Städten vor den Eroberern zu retten suchten. All das muss nicht so sein auf ewig. In hellen Farben, auf sonnigem Grund und in klarem Gewässer sind fröhliche Menschen zu sehen, weiße und (für seine Zeit revolutionär) schwarze, nackt und unschuldig, wie sie Gott erschaffen hat. Ein Gleichnis von einer glücklichen Menschheit, ein Hochzeitslied der ganzen Welt.

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