Russen bereiten Klagen vor

Empörung unter Politikern und Sportlern nach Ausschluss von den Paralympics

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.
Wegen eines generellen Dopingverdachts dürfen behinderte russische Sportler nicht nach Rio. Funktionäre zweifeln an Beweisen.

»Wir werden das Startverbot für die russische Nationalmannschaft nicht hinnehmen und vor internationalen Gerichten anfechten.« Als ehemaliger Karrierediplomat darauf getrimmt, in der Öffentlichkeit keine Emotionen zu zeigen, kämpfte Wladimir Lukin, der Chef des nationalen Paralympischen Komitees, dennoch um Contenance, als er am Montag in Moskau vor die Presse trat. Tags zuvor hatte das Internationale Paralympische Komitee (IPC) einer Komplettsperre für die behinderten Sportler Russlands bei den Paralympischen Spielen im September in Rio de Janeiro verhängt. Der Grund: Dopingverdacht.

Lukin nannte die Vorwürfe haltlos. Im ersten Bericht der von der Welt-Antidoping-Agentur WADA eingesetzten Unabhängigen Kommission, die den Ausschlag für den Ausschluss russischer Leichtathleten von den Olympischen Sommerspielen in Rio gab, seien behinderte Sportler nicht erwähnt worden. Die gegen sie verhängte Sperre sei daher ungerechtfertigt. Dass sie im zweiten sogenannten McLaren-Bericht sehr wohl auftauchen, sagte er nicht. Dafür aber, dass die »überwältigende Mehrheit« der Sportler »absolut sauber« und mehrfach überprüft worden sei. Auch im Ausland. Das russische Paralympische Komitee verfüge über »unanfechtbare Beweise« dafür, dass alle internationalen Standards bei der Dopingbekämpfung eingehalten wurden. Dennoch habe Lukin die Rechtsschutzorgane um zusätzliche Ermittlungen gebeten, um die Vorwürfe auszuräumen.

Voller Empörung hatten Medien, darunter auch kritische, die von der linientreuen Konkurrenz gern als »prowestlich« abgekanzelt werden, schon die von der der Internationalen Leichtathletik Föderation verfügte Komplettsperre für russische Sportler als politisch motiviert kritisiert. Sie bestrafe schließlich auch medaillenverdächtige Athleten ohne Dopingvorgeschichte wie Stabhochsprunglegende Jelena Issinbajewa. Jetzt ist die Tonlage noch schriller geworden. Gleich mehrere überregionale Zeitungen rügten das Startverbot für die Behindertensportler in ihren Online-Ausgaben als »niederträchtig und unmenschlich«.

Ähnlich hatte sich zuvor schon Russlands Twitter-Weltmeisterin geäußert: Außenamtssprecherin Maria Sacharowa. Das Startverbot für russische Sportler bei den Paralympics sei »Verrat jener hohen menschenrechtlichen Standards, die der heutigen Welt zugrunde liegen«, schrieb sie.

Um Fassung kämpfte auch Sportminister Witali Mutko. Er könne nicht nachvollziehen, worauf sich diese »Entscheidung mit Einmaligkeitswert« stützt. Wahrscheinlich sei sie im Kopf eines Einzelnen zustande gekommen. Gemeint war offenbar der Präsident des Internationalen Behindertensportverbandes, Philip Craven. Er hatte die Sperre der Athleten und die Aussetzung der Mitgliedschaft des russischen Paralympischen Komitees mit den Ergebnissen des McLaren-Reports begründet. Demnach wurden 2014 bei den Paralympischen Winterspielen im russischen Sotschi auch Proben von behinderten Sportlern ausgetauscht und manipuliert. Bei Nachkontrollen seien unter 18 Deckeln Kratzer entdeckt worden, die auf eine illegale Öffnung hindeuten. Sportminister Mutko verlangt statt »angeblicher« nun »eindeutige« Beweise. Juristen seines Hauses würden bereits an einer Klage arbeiten.

Ob sie beim Internationalen Sportgerichtshof CAS eingereicht wird, wollte er allerdings noch nicht sagen. Moskau hält das höchste Schiedsgericht für befangen, seit es die Klage von Issinbajewa auf Zulassung in Rio negativ beschied.

Beweise fordert auch Sergei Poddubny, Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Körperkultur, Sport und Jugend in der Duma. Bei den Paralympics wiederhole sich eins zu eins die Ungerechtigkeit gegenüber den Nichtbehinderten. Dadurch werde die olympische Idee diskreditiert. Klagen wollen auch Sponsoren. Sie sehen mit der Sperre die UN-Konvention zu Rechten von Behinderten verletzt.

Abstriche am Trainingsplan, so ein Spieler der Sitzvolleyballmannschaft, werde es nicht geben. Am liebsten würde er mit Fäusten nicht auf den Ball, sondern auf IPC-Präsident Craven losgehen, auch wenn der, als er die Sperre verkündete, russischen Behindertensportlern sein Mitgefühl ausgesprochen hatte.

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