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Eine verschwundene Welt

Das Schwule Museum zeigt in einer Ausstellung zum Bühnenbildner Peter Kothe dessen Arbeiten für das Theater

Als West-Berliner hatte ich lange keine Beziehung zum Musiktheater der DDR. Allerdings erlebte ich Anfang der 1980er Jahre bei meinem ersten Besuch in der Staatsoper Franz von Suppés »Die schöne Galathee« kombiniert mit dem Offenbach-Einakter »Die Insel Tulipatan«. Das ist bis heute eine meiner intensivsten Operettenerinnerungen geblieben - weil im Osten die politischen Witze anders ankamen und das Publikum anders reagierte. Später habe ich noch viele Operettenaufführungen am Metropol-Theater gesehen, gleich nach der Wende, als die alten Inszenierungen noch im Repertoire waren. Diese Aufführungen hatten eine sehr eigene Optik: Sie waren einerseits abstrahiert, fast wie Episches Theater, wo Gerüste und Stangen suggerieren, dass alles nur »Schein« ist; gleichzeitig vermittelten Prospekte und Hintergrundpanoramen so etwas wie Realismus. Das funktionierte als Konzept gut, weil es auf alles angewandt werden konnte. Und angewandt wurde.

Viele Bühnenbilder und Aufführungsfotos von berühmten DDR-Produktionen - Oper, Operette, Musical - konnte man 2001 in der Ausstellung »›… daß die Musik nicht ohne Wahrheit leben kann‹: Musiktheater in Berlin nach 1945« sehen, die die Stiftung Stadtmuseum zeigte. Nun zeigt das Schwule Museum in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum eine Theaterausstellung über den Bühnenbildner und Ausstatter Peter Kothe - mit einem Raum, der fast überquillt mit Entwürfen für Produktionen von mehr oder weniger bekannten Stücken. Allesamt Entwürfe, die mich in der Mischung von Abstraktion und Realismus an meine Metropoltheatererfahrungen erinnerten, an eine Theaterszene also, die inzwischen entschwunden ist.

Ich gestehe: Ich hatte nie von Peter Kothe gehört. Als ich die Einladungskarte des Museums bekam und darauf eine ziemlich schräg kostümierte »Tunte« in großer Drag-Aufmachung sah, dachte ich erst, das würde eine aufs Partyleben in der Subkultur ausgerichtete Ausstellung werden, vielleicht mit interessanten Schnappschüssen aus dem schwulen Untergrundleben der DDR, wo Kothe die erste Hälfte seines Lebens verbrachte, bevor er des Landes verwiesen wurde, weil er einen provokant formulierten Ausreiseantrag gestellt hatte. Da heißt es im Oktober 1976: »Ich lebe mit der Kunst und für die Kunst, aber auch durch die Kunst und bin in dem Stadium meines Lebens angelangt, in dem die Notwendigkeit, Athen, Rom, Florenz, Venedig, Paris, London, New York - die Zentren der Alten und Neuen Welt neben den mir gut bekannten Zentren Moskau, Leningrad, Prag, Budapest - zu erleben, sich erweist. Ich brauche Ihnen nicht zu beweisen, dass alle meine tschechoslowakischen, polnischen, ungarischen, bulgarischen, sogar rumänischen Freunde und Kollegen regelmäßig in beliebige Länder der Erde reisen und will mich auch nicht auf bestimmte internationale Vereinbarungen und DDR-Gesetze berufen, die Freizügigkeit und freie Reisetätigkeit jedem DDR-Bürger garantieren: all dies ist Ihnen geläufig. Mein Antrag zielt auf einen permanent gültigen Reisepass für alle Staaten der Erde und die Garantie, dementsprechende Visa jederzeit erlangen zu können.«

Umso größer war meine Überraschung, neben Ausreiseanträgen, ausgelassenen Partyszenen und sogar überlebensgroßen Nacktbildern so viele großformatige Bühnenbild- und Kostümentwürfe zu sehen. Kothe hatte beim DDR-Fernsehen angefangen, Fotos und Skizzen zu »Ninotschka sucht den Frühling« von 1971 u. a. werden ausgestellt. Kothe war auf dem besten Weg, Karriere zu machen. Auch als Fotomodell. So sieht man beispielsweise mehrere Seiten aus der Zeitschrift »Sybille«, die den attraktiven Kothe - mit Schnauzbart - für verschiedene Modestrecken einsetzte.

Nach seinem Reiseantrag war damit Schluss. Er wurde unter Beobachtung gestellt und dufte fortan nur noch in der Provinz arbeiten: Bühnen in großen Städten und weitere Fernseharbeiten waren fortan unmöglich. Mit seinen Arbeiten in Frankfurt (Oder), Wittenberg oder Greifswald wurde Kothe nicht berühmt, aber ihm war es dort möglich, nach Herzenslust zu experimentieren. Zum Beispiel stattete er Heiner Müllers »Weiberkomödie« so aus, dass die Männer eines Bauarbeiterkollektivs, die sich als Frauen verkleiden müssen, sich als Angela Davis ausgeben: die schwarze lesbische US-Bürgerrechtlerin von den Black Panthers mit Sympathien für den Kommunismus.

In der Peter-Kothe-Ausstellung kann man viel entdecken: sein Gewerkschaftsbuch mit amüsanten Marken, die eingeklebt sind; DDR-Kinderbücher, die er illustriert hat; Privataufnahmen. Aber das meiste sind Bühnenbilder. Die besitzen eine schlichte Schönheit. Vor allem zeigen sie, was für Stücke damals gespielt wurden. Dass ausgerechnet die Lincke-Operette »Lysistrata« in einer Neufassung von Heinz Neumann 1980 in Wittenberg aufgeführt wurde, deutet darauf hin, dass man die auf Aristophanes basierende Musikkomödie als Anti-Kriegsstück aus der Versenkung holte. Natürlich spielte man in der DDR Brecht, und die »Trommeln in der Nacht« (Regie: Thomas Wieck) vom Theater Greifswald 1983 sehen in der Kothe-Fassung eindrucksvoll aus. So eindrucksvoll, wie das in unseren Zeiten von Dekonstruktion und Regietheater kaum mehr vorstellbar ist.

Nachdem Kothe 1984 aus der DDR ausgewiesen wurde, vermittelte das Arbeitsamt West-Berlin ihn an die Bühnen Bielefeld, wo er wieder Brecht ausstatten durfte: »Furcht und Elend des Dritten Reichs« (Regie: Jörg Fallheier, 1986), aber auch »Endstation Sehnsucht« (Regie: Bernd Rainer Krieger, 1985) und Shakespeares »Die lustigen Weiber von Windsor« (Regie: Otto Schnelling, 1985). Als er nach dem Fall der Mauer in den Ruhestand versetzt wurde, kehrte Kothe als Freischaffender an viele Stätten seiner früheren DDR-Karriere zurück. In Wittenberg konzentrierte er sich auf Oper und Operette. So kann man beispielsweise seine »Gräfin Mariza«-Entwürfe von 1995 sehen, die stark an die Metropoltheater-Optik erinnern. In Wittenberg gab es in Kothes Ausstattung auch eine »Traviata« (1995) und einen von Klaus Hoffmann dirigierten »Freischütz«, Regie: Markus Schuliers.

Was man im Schwulen Museum auch sieht, sind Bilder aus den beiden berühmten Rosa-von-Praunheim-Filmen, die Kothe ausstattete: »Ich bin meine eigene Frau« (1992) über Charlotte von Mahlsdorf, die Kothe natürlich kannte. Und der Film »Der Einstein des Sex« (1999) über den Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, mit Ben Becker als Hirschfeld-Antipode Adolf Brand und der späteren »Tatort«-Kommissarin Meret Becker.

Die Ausstellung, von Wolfgang Theis kuratiert, ist eine interessante Ergänzung zur ebenfalls neuen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, »Gegenstimmen: Kunst in der DDR 1976-1989«. Ich fand das »Private«, in das im Schwulen Museum das »Offizielle« eingebunden wird, überzeugender. Weil es mehr von einem echten gelebten Leben mit all seinen politischen Problemen und Spannungen zeigt als die Schau der Berliner Festspiele. Aber: Es ist gut, beide Ausstellungen zu haben; und es ist gut, mit Peter Kothe solch einen deutlichen Theaterakzent zu bekommen, der an eine Bühnenlandschaft erinnert, die nach Abwicklung und Schließung vieler DDR-Theater fast völlig vergessen ist. Dabei hat sich dort bis 1989 großartiges, experimentierfreudiges und spannendes Musiktheater abgespielt. Daran zu erinnern, ist die größte Leistung der Ausstellung im Schwulen Museum.

Bis 17.10., Schwules Museum, Lützowstraße 73, Tiergarten; www.schwules-museum.de

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