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Zahntechniker, Geflüchteter, Bufdi

Omar Abdullah betreut im Hamburger Stadtteil Osdorf Kinder aus aller Welt

  • Von Reinhard Schwarz, Hamburg
  • Lesedauer: 6 Min.

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Flüchtlinge im Bundesfreiwilligendienst: Seit mehr als einem halben Jahr ist das möglich. Die Anfänge sind aber noch etwas zögerlich. Gerade mal zwölf Asylbewerber haben in Hamburg eine Stelle gefunden.

Wenn Omar Abdullah mit einem Schneideroller die heiße Pizza auf einem Blech in mundgerechte Stücke teilt, drängelt keines der hinter ihm stehenden Kinder. Das liegt wohl einerseits daran, dass genügend da ist für die rund ein Dutzend Jungen und Mädchen im KL!CK Kindermuseum im Hamburger Stadtteil Osdorf. Zum anderen wohl aber auch daran, dass der Syrer, der mit seinem sorgfältig gestutzten schwarzen Bart und dem schwarzen Kopftuch wie ein Korsar aus einem italienischen Piratenfilm aussieht, eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt. Diese Gelassenheit scheint sich auch auf die Kinder zu übertragen.

Seit Mitte Juni ist Omar Abdullah als Kinderbetreuer im Bundesfreiwilligendienst tätig. Vor anderthalb Jahren kam er als Geflüchteter nach Hamburg. Mittlerweile ist er ein anerkannter Flüchtling mit einem Aufenthaltsrecht von drei Jahren. Der 40-Jährige spricht neben Arabisch, Englisch und Griechisch mittlerweile auch schon ganz gut Deutsch. Im Kindermuseum am Osdorfer Born, einst eine berüchtigte Hochhaussiedlung, kümmert er sich um eine Feriengruppe, die zur Hälfte aus Flüchtlingskindern, zur anderen Hälfte aus Mädchen und Jungen aus dem Viertel besteht. In Damaskus leitete er einen Kindergarten. Als der Stadtteil, in dem die Einrichtung lag, immer stärker bombardiert wurde, flüchteten viele Eltern mit ihren Kindern. Der Kindergarten musste schließen. Auch Abdullah machte sich auf den Weg, kam über Libanon und die Türkei übers Mittelmeer nach Italien. Über Frankreich und die Schweiz erreichte er im Oktober 2014 Deutschland.

»Der Bund hat im letzten Jahr 10 000 Plätze für Freiwillige in der Flüchtlingsarbeit und für Geflüchtete im Bundesfreiwilligendienst zusätzlich zur Verfügung gestellt«, erläutert Corinne Eichner, Geschäftsführerin von »Stadtkultur Hamburg«. Der Verein koordiniert den Einsatz der »Bufdis« in der Kultur und Bildung der Hansestadt und steht im engen Kontakt mit Kulturzentren und Bildungseinrichtungen. Ausdrücklich sollen Flüchtlinge die Chance bekommen, den bundesdeutschen Arbeitsalltag auf diese Weise kennenzulernen. Derzeit seien in der Hansestadt zwölf Flüchtlinge als Bufdis im Einsatz, erklärt Eichner. »Als wir hörten, dass diese Plätze geschaffen werden, haben wir gesagt: ›Wir machen das.‹« Es sei ein Experiment, »aber es klappt sehr gut«. So sei beispielsweise eine syrische Mathematiklehrerin in einer Schule tätig. »Sie betreut unter anderem eine Vorbereitungsklasse für Flüchtlingskinder und gibt damit ein gutes Vorbild für die Mädchen und Jungen, die sehen: Man bleibt nicht nur Flüchtling.«

Nach dem Mittagessen wird im Garten des Kindermuseums ein »Haus« gebaut - mit echten Ziegelsteinen und einer matschigen Sandmischung als Mörtel. Die Sieben- bis Zehnjährigen hantieren noch etwas ungeschickt, aber eifrig mit einer zu großen Schaufel und Maurerkellen. Abdullah hilft mit, berät, achtet auf Sicherheit. Nach und nach wächst das Haus in die Höhe. »Ich möchte nach Syrien zurückkehren und dort wieder einen Kindergarten aufmachen«, schildert er seine Ziele für die Zeit nach Ende des Krieges. »Wir wollen ein Center eröffnen für Kinder mit Traumatisierungen.« Er hat viele Pläne. So denke er darüber nach, in Deutschland noch eine Ausbildung zum Physiotherapeuten zu absolvieren. »Wir haben in Syrien mehr als eine Million Menschen mit Behinderungen durch den Krieg.« Aus seiner Familie seien mittlerweile elf Verwandte direkt oder indirekt durch den Krieg gestorben. Dazu zählen auch sein Vater und seine Mutter, die infolge der Bombardierungen vermutlich durch psychischen Stress an Herzinfarkt und Schlaganfall verstarben. Das Gespräch verstummt an dieser Stelle.

Margot Reinig, Leiterin des KL!CK Kindermuseums, eine Einrichtung, in der Mädchen und Jungen vieles ausprobieren können, ist von ihrem neuen Bufdi begeistert: »Weil er mit den Kindern in ihrer Sprache reden kann und auch die Mentalität der Flüchtlinge kennt.« Es gebe durchaus immer wieder kulturelle Missverständnisse zwischen Deutschen und Flüchtlingen, schildert sie. So sei kürzlich eine eritreische Mutter plötzlich zum Einkaufen verschwunden, im festen Glauben, die deutschen Mütter würden schon auf ihre Kinder aufpassen, in ihrer Kultur eine gängige Verhaltensweise. Doch die anderen Mütter waren eher schockiert, weil sie dachten, die Frau aus Eritrea würde ihre Sprösslinge im Stich lassen.

»Es gibt Probleme«, räumt Margot Reinig ein, »da soll man sich keine Illusionen machen.« Doch die meisten Schwierigkeiten seien lösbar, sofern man miteinander rede. Darüber hinaus ist sie der Auffassung, dass Integration keine Einbahnstraße ist: »Auch wir können von den Flüchtlingen lernen.« Die Kinder sind da offenbar schon wesentlich weiter. Die Mädchen und Jungen der gemischten Feriengruppe verständigen sich sehr gut, erklärt Reinig. Zumindest kulinarisch gibt es kaum Unterschiede: »Alle wollen dasselbe essen: Pizza, Hot Dogs, Pfannkuchen, Hamburger und Nudeln.« Deutlich wird aber auch, dass die Kinder aus den Unterkünften in ihrem jungen Leben schon mehr gesehen haben, als mancher deutsche Erwachsener. Reinig: »Einer unserer Betreuer berichtete von einem Zehnjährigen, den er noch nie hat lachen gesehen.«

Corinne Eichner von »Stadtkultur Hamburg« hält gute Deutschkenntnisse für eine Schlüsselqualifikation für Flüchtlinge. Im Klartext: Ohne sprachliche Verständigung läuft gar nichts. Mittlerweile habe sich das Bufdi-Projekt bei vielen Flüchtlingen herumgesprochen, berichtet sie: »Wir haben eine Vielzahl von Bewerbern und können die Leute entsprechend einsetzen.« Es würden sich »sehr gut qualifizierte Leute bewerben«, so die Geschäftsführerin. So konnte sie für einen Syrer, der sich mit Veranstaltungstechnik auskennt, einen Platz in einem Bürgerhaus in Hamburg-Eidelstedt finden. Ein syrischer Bibliothekar fand einen Platz in der Zentralbibliothek der Hamburger Bücherhallen.

Doch nicht jeder habe die Chance, eine Stelle als Bundesfreiwilliger zu bekommen: »Die Voraussetzung dafür ist, dass die Betreffenden aus einem nicht-sicheren Herkunftsland kommen.« Zukünftig soll es nicht bei den zwölf Flüchtlings-Bufdis in Hamburg bleiben, erklärt Corinne Eichner: »Wir wünschen uns noch mehr Einsatzstellen für Flüchtlinge, diese sehen wir nicht als Belastung, sondern als Bereicherung.«

Die Arbeit der Bundesfreiwilligen wird finanziell honoriert. Für 20 Stunden die Woche gibt es ein monatliches »Taschengeld« von rund 200 Euro. »Diesen Betrag dürfen die Geflüchteten ergänzend behalten, alles was darüber hinausgeht, wird ihnen wieder abgezogen«, so Corinne Eichner. Es sei zwar möglich, dass Bufdis sich in Vollzeit engagieren, doch das sei in diesem Fall nicht gewollt. »Die Geflüchteten brauchen zusätzlich Zeit, um ihre behördlichen Angelegenheiten zu regeln.«

Auch bei »Stadtkultur Hamburg« war ein Flüchtling als Bufdi tätig, schildert sie. Als arabisch sprechender Syrer konnte er nicht nur übersetzen, sondern den männlichen Bewerbern, die in der Regel aus einer patriarchalischen Welt stammen, ein Stück Verunsicherung nehmen, wenn diese den Frauen von Stadtkultur allein gegenüber saßen. Doch der syrische Chemiker hat mittlerweile ein Praktikum in einem Unternehmen der chemischen Industrie mit Aussicht auf Übernahme in eine dauerhafte Anstellung gefunden. Eichner: »Das ist schade für uns, aber toll für ihn. Denn das ist ja auch unser Ziel, dass die Weichenstellung gelingt in Richtung Integration in den Ersten Arbeitsmarkt.«

Auch Abdullah macht sich Gedanken über seine berufliche Zukunft. Er hofft auf eine Anstellung in einem zahntechnischen Labor, denn er hatte noch vor dem syrischen Bürgerkrieg in Griechenland eine vierjährige Ausbildung zum Zahntechniker absolviert. In Syrien sei es üblich, dass die Menschen nicht nur mehrere Jobs machen, sondern auch unterschiedliche Ausbildungen hätten. »Ich hoffe, dass meine Ausbildung hier in Deutschland anerkannt wird.« Als Nächstes steht in einigen Wochen ein intensiver zweimonatiger Deutschkursus an. Erste Deutschkenntnisse habe er bereits in einem sechsmonatigen Integrationskursus erworben. Im Gespräch sucht er schon mal nach dem richtigen Wort, nach der korrekten Formulierung. Seinem Gastland will er seine Dankbarkeit ausdrücken, sagt Abdullah: »Deutschland hat viel für uns getan, wir werden das nicht vergessen.«

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