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Was von Wolfgang Lippert übrig blieb

Das Kino Union in Friedrichshagen war mehrfach totgesagt. Matthias Stütz schaffte, woran keiner mehr glaubte.

Noch ist es über eine Stunde hin, bis der erste Film beginnt, doch durch die Glasscheibe schauen schon jetzt vereinzelt ältere Damen. Pressen vorsichtig ihre Hände wie Ferngläser an die Scheibe, um ins Innere zu sehen, weil es draußen noch taghell ist. Drinnen wird es nur langsam betriebsam. Der Mann am Einlass wischt schon einmal vorsichtig über die Arbeitsplatte. Matthias Stütz kommt aus seinem Büro im ersten Stock heruntergelaufen und schaltet das Licht ein. »Drei Minuten dauert es noch, dann sind alle Lampen an«, sagt er.

Stütz ist Betreiber des Kino Union in Friedrichshagen. Ein gemütlicher, großer Mann, der es im Gegensatz zu zwei geschäftigen Typen, die vor ihm gnadenlos gescheitert sind, geschafft hat, das Kino in der Friedrichshagener Bölschestraße wieder zum Leben zu erwecken. An diesem Montag nun läuft um 13 Uhr der Animationsfilm »Alles steht Kopf«. Es sind Ferien und der Film soll Großeltern mit ihren Enkeln ins Kino locken. Dass sie dabei auf das Union kommen, hätte vor 13 Jahren niemand gedacht. 2003 lag das Kino schon fünf Jahre brach. Der Entertainer Wolfgang Lippert hatte es 1994 von der Treuhand gekauft, wollte hier seinen Kindheitstraum vom eigenen Lichtspielhaus verwirklichen und hatte große Pläne mit Biergarten und Jazzkneipe. Daraus geworden ist ein Beinahe-Abriss 1998, den ein engagierter Bürgerverein verhinderte. Lippert hatte weder die Geduld noch das Geld für seine Ideen. 2003 kaufte schließlich Matthias Stütz das marode Gebäude einem Berliner Bauunternehmer ab, der es von Lippert übernommen hatte und der den Friedrichshagenern ein Multiplex vor die Nase setzen wollte, was an fehlenden Fördergeldern scheiterte.

Stütz hatte das Gebäude schon 2001 von dem Unternehmer gemietet und brachte ein wenig Dynamik in das verwaiste Haus. »Als ich den Vertrag unterschrieb, hatte ich noch 300 Euro auf dem Konto und war Sozialhilfeempfänger«, sagt er. Geld lieh er sich von der Familie, Freunde halfen bei der Renovierung. 70 Stunden hat er manchmal in der Woche geschuftet, um das Kino wieder herzurichten. Wolfgang Lippert war nach seinem missglücktem Abenteuer der Meinung, es sei nicht möglich, an diesem Standort ein Kino wirtschaftlich zu betreiben. Stütz straft ihn seither Lügen. »Obwohl ich den Satz schon auch unterschreiben kann«, sagt Stütz. Ohne die Veranstaltungen, die er parallel zum Kinobetrieb anbietet, wäre das Haus nicht rentabel. Ein Drittel der Einnahmen macht das Union mit Partys, Tanz, Lesungen, Puppenspiel. »Ohne dieses zweite Standbein wäre es manchmal sehr eng geworden.« Dabei hatte Stütz ein Kino anfangs gar nicht im Kopf, als er das erste Mal das Gebäude als neuer Eigentümer betrat. »Ich war mehr auf der Suche nach einer Disco«, sagt er. Dann sah er, was das Gebäude eigentlich hergab.

Das Kino Union ist eines der ältesten Lichtspielhäuser Deutschlands. 1872 wurde es als Ballhaus erbaut. Die Soldaten in den Schützengräben des beginnenden Ersten Weltkrieges aber sollten nicht an ihre tanzenden Frauen denken müssen, es gab ein Tanzverbot und aus dem Haus in der Bölschestraße 69 wurde ein Kino. »Es war klar, dass das Kino weiterbestehen muss«, sagt Stütz. Die Fantasie ist ihm nie ausgegangen, um aus dem verfallenen Gebäude ein gut laufendes Kino mit ständig steigenden Besucherzahlen zu machen. »Das Hauptstromkabel im Keller kam aus einem Kohlenhaufen«, sagt er. Die komplette Bestuhlung und Technik war von den Vorbesitzern verscherbelt worden. Anfangs beheizten sie das ganze Haus noch mit einem Kohlekessel. Dem ehemaligen Kino Hollywood am Kurfürstendamm kaufte Stütz, der in Berlin Architektur studierte, die knallroten Polstersessel ab, die heute im großen Saal stehen. Als der Berliner Senat das Nichtraucherschutzgesetz verabschiedete, baute Stütz eine gläserne Raucherkabine in den Raum samt Kinositzen und Soundanlage. Seitdem - wahrscheinlich einzigartig in Berlin - können Raucher einen Film über in dem Kabuff sitzen, ohne etwas zu verpassen.

Im Februar 2016 eröffneten nach anderthalb Jahren Bauzeit zwei neue Säle im Hinterhof (mit Kinosesseln aus Lübben). Mittlerweile kann Stütz die Forderungen der großen Verleiher erfüllen und einen Film auch Mal jeden Tag zeigen, weshalb er nicht mehr ewig dem Starttermin hinterherhinkt. Action läuft weniger, sagt er. Horror- und Gruselfilme gar nicht. Viele Menschen in Friedrichshagen sind, obwohl immer mehr Familien in den Ortsteil am Müggelsee ziehen, eher betagt. Knapp ein Drittel ist 65 Jahre oder älter. Mittwochs läuft deshalb »Seniorenkino«, die Vorstellung, die sich in der gesamten Woche am besten verkauft. Umliegende Senioreneinrichtungen beschwerten sich bereits bei Stütz, weil mittwochs um zehn niemand mehr vorbeikam.

Was Stütz, der das Kino Stück für Stück zum einzigen im Umkreis von zwölf Kilometern aufgebaut hat, als nächstes in Angriff nehmen will? Expansion, noch mehr Säle? Ein Kaffeehaus im großen Saal, für das er auch die 15-Uhr-Vorstellung abschaffen würde, sagt er, das wäre was. Dafür müssten aber erst die zugemauerten Rundbogenfenster, die zur Straßenseite zeigen, wieder reaktiviert werden. Das kostet. Momentan zahlt er noch sportliche Kredite ab, da passiere in den nächsten sechs Jahren wohl relativ wenig, sagt er.

Angefangen hat Stütz allein, heute arbeiten 48 Leute für ihn. Drei Mal hintereinander wurde das Kino mittlerweile als Kiezkino für die Berlinale ausgewählt. Sieben Jahre hintereinander hat das Union den Kinoprogrammpreis des Landes gewonnen. Das Geld in diesem Jahr hat Stütz für die Digitalisierung des Freiluftkinos eingeplant, das gegenüber im Kurpark liegt und zum Union gehört.

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