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Der Vergessene

Wie kaum einer prägte der Architekt Jean Krämer zur Zeit der Weimarer Republik das Stadtbild Berlins. 
Er entwarf riesige Wohngebiete, war Hausplaner der städtischen Straßenbahngesellschaft. Heute kennt 
fast niemand mehr seinen Namen. Seine Tochter 
reiste aus Australien nach Berlin und begab sich 
auf Spurensuche.

Inge Fernando war 54 Jahre lang nicht in Berlin, der Stadt, in der sie geboren wurde, und ist enttäuscht. Es könnte das Wetter sein, das in Melbourne meist wesentlich freundlicher ist als hier. Es könnte an den Berlinern liegen, die, wie sie sagt, doch recht grummelig erscheinen im Vergleich, aber was sie gerade erkennen muss, hat mit persönlicher Kränkung zu tun. Inge Fernando wollte an diesem sonnigen Dienstagmittag unbedingt zum Potsdamer Platz, um den historischen Verkehrsturm, den jeder Berliner von Schulausflügen und jeder Tourist aus dem Reiseführer kennt, zu sehen. Jetzt kniet sie, 78 Jahre alt, auf den Steinplatten, bückt sich tief nach unten, um eine Plakette zu entziffern, die am Sockel der Ampel angebracht ist. »Nichts. Da steht kein Wort von ihm«, sagt sie, hievt sich wieder hoch. Ihre Enttäuschung hat sich inzwischen in Ärger verwandelt. »Wenn man nicht will, dass bekannt ist, wer diesen Turm entworfen hat, dann macht man es genau so.« Auf dem Messingschild ist zu lesen: »Verkehrsturm vom Potsdamer Platz aus dem Jahre 1924. Nachbildung der ersten Lichtdesignanlage Deutschlands gestiftet der Stadt Berlin von der Daimler-Benz-AG und der Siemens AG.« Mehr ist es nicht.

So gerne hätte sie diesen einen Namen dort gelesen: Jean Krämer, einer der produktivsten Berliner Architekten der Weimarer Zeit und Inge Fernandos Vater. Krämer entwarf riesige Wohnanlagen in Wedding, Britz und Westend, Straßenbahndepots, Betriebshöfe, war Haus- und Hofarchitekt der Straßenbahnbetriebe, aus denen später die BVG wurde, und eben Schöpfer jenes Verkehrsturms am Potsdamer Platz. Nur weiß das heute niemand mehr. So gut wie niemand. Karen Grunow, Kunsthistorikerin und 40 Jahre jünger als Inge Fernando, steht neben ihr und kann die Enttäuschung der alten Dame nicht wirklich abfangen, die extra aus Australien gekommen ist, um das Erbe ihres Vaters zu entdecken. Die beiden verbindet eins: das Interesse an dem, was Jean Krämer in Berlin hinterlassen hat. Grunow forscht seit fast zehn Jahren zu seinem Werk, arbeitet seit 2009 an einer Dissertation und wäre fast verzweifelt an lückenhaften Aufzeichnungen, unvollständigen Archiven und einem wenig auskunftsfreudigen Berliner Automobilclub, dessen Präsident Krämer einst war. Ein Mensch, der seine eleganten, monolithischen Bauten wie einen Eimer Legosteine über der Stadt auskippte, über den in Berlin aber so gut wie niemand etwas weiß. Es gibt zwei Monografien über ihn, eine aus dem Jahr 1926, die andere ist von 1927. Immerhin, Krämer hat einen Wikipediaeintrag. »Und der ist auch noch fehlerhaft«, sagt Grunow, die, das muss man annehmen, am Geruch des Muschelkalks erkennen würde, welche Gebäude in der Stadt von Jean Krämer stammen.

Der Schlüssel zu Jean Krämers Werk lag fast 70 Jahre lang versteckt in einer Kiste auf einem Dachboden in Australien. Eine Kiste voller Empfehlungsschreiben, Fotos und einem Lebenslauf. Erinnerungen an ihren 1943 verstorbenen Mann, die Margot Krämer bei ihrer Flucht 1948 aus Berlin mitnahm und die ihre Tochter, Inge Fernando, im Jahr 2010 wiederentdeckte. Heute, 67 Jahre nach dem Tod ihres Vaters, will Inge Fernando ihrem Vater die Anerkennung zuteilwerden lassen, die er ihrer Meinung nach verdient. Ihre Gedanken an ihn sind nur schemenhaft, sie war fünf Jahre alt, als er starb.

Im Internet googelte sie seinen Namen und trat damit eine Lawine los. Fernando stieß auf Stanford Anderson, Professor für Architekturgeschichte am renommierten Massachusetts Institute of Technology, der zu Krämer und dem Architekturbüro Peter Behrens, das Krämer jahrelang geleitet hatte, forschte. Von Anderson erfuhr sie, dass der deutsche Architekturhistoriker Carsten Krohn ebenfalls auf Jean Krämer aufmerksam geworden war und sich, wie sie schon, bei ihm gemeldet hatte. Aus den USA konnte Anderson, der im Januar 2016 im Alter von 81 Jahren verstarb, nicht viel ausrichten. Wieder half das Internet und Krohn erfuhr von der Berlinerin Karen Grunow und ihrem Dissertationsvorhaben zu Krämer. Krohn wollte Krämers Bauten fotografieren, leider fehlten ihm, wie Grunow, wichtige Informationen zu Gebäuden, an denen Krämer als Architekt beteiligt war. Und so waren es Inge Fernandos lang vergessener Dachbodenschatz und etliche E-Mails, die die Vier zueinander brachten. 2015 erschien nach Jahren mühseliger Recherche eine neue, umfassende Monografie zu Krämers Werk.

Als Grunow die Dissertationsidee ihrer Professorin Gabriele Dolff-Bonekämper an der Technischen Universität vorstellte, sagte die, ohne ein Exposé gelesen zu haben, zu. An Jean Krämer ist die Wissenschaft bisher verzweifelt. Vor einiger Zeit wagte sich schon einmal eine Studentin an sein Œvre und gab auf. »Es gab bis zu Inge Fernandos Fund keinen wirklichen Nachlass, keine ausführliche Übersicht. In den Berliner Bauaktenarchiven ist durch Kriegsverluste vieles lückenhaft. Die Quellenlage ist eine Katastrophe«, sagt Grunow. Bekannt ist, dass Krämer zwischen 1911 und 1918 Atelierchef von Peter Behrens war. Ein Büro, in dem unter ihm auch Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius und Le Corbusier arbeiteten, bevor sie zu Koryphäen moderner Architektur wurden. Krämer verstand es, Behrens aufbrausendes Gemüt so auszubalancieren, dass jedes Ego im Büro seinen Platz fand. Le Corbusier sprach einmal, und so muss man sich die Atmosphäre vorstellen, von »Behrens und seinen 20 Sklaven«. Krämer leitete das Büro in seiner Hochphase. Behrens war 1907 zum künstlerischen Leiter der AEG berufen worden, schuf die gesamte Corporate Identity - neben der Architektur auch das Innendesign und das prägnante rote Firmenlogo. Krämer betreute für ihn den Bau des Verwaltungsgebäudes der AEG-Tochter NAG in Oberschöneweide, einem Berliner Ortsteil, dem er auch als selbstständiger Architekt seinen Stil verpasste, der die Gegend bis heute prägt. So entwarf Krämer mehrere Gebäudeteile für das Kabelwerk der AEG in Oberschöneweide und ein Bürohaus für deren Transformatorenfabrik in der Wilhelminenhofstraße sowie ein AEG-Beamtenwohnhaus und die Siedlung Fontanehof an der Wuhlheide. Außerdem leitete er den Bau der Rathenau Siedlung in Hennigsdorf, ein Auftrag, den er aus Behrens’ Büro von der AEG übernommen hatte. Für die Straßenbahnbetriebsgesellschaft schuf er ganze Trambahnstädte wie die in der Weddinger Müllerstraße oder im Charlottenburger Westend.

Dort stehen nun Inge Fernando und Karen Grunow zusammen vor den Toren des einstigen Straßenbahndepots in der Königin-Elisabeth-Straße. Hier hat Krämer Ende der 1920er Jahre einen Gebäudekomplex geschaffen, der Leben und Arbeiten symbiotisch miteinander verbindet. Eine Siedlung mit 600 Wohnungen umschließt die Wagen- und Rangierhallen, die von außen trotz ihrer Wucht gar nicht zu erkennen sind. Heute sind ein großer Fahrradhändler und ein Supermarkt in die einstige Betriebsstätte der BVG gezogen. Für Karen Grunow kein Grund nostalgisch zu werden. »Besser, die Gebäude werden behutsam saniert und heute wieder genutzt, als dass sie verfallen«, sagt sie. Über ihr eine 120 mal 97 Meter große Dachkonstruktion mit einer durchgängigen Fensterreihe, gestützt von nur sechs frei stehenden Säulen. Die Last tragen die Außenwände. Die Fahrradfirma hat die Grundstruktur des Gebäudes weitestgehend unangetastet gelassen. Krämers expressionistische Entwürfe, Vorreiter des Industriedesigns, haben sich ins nächste Jahrhundert gerettet, ohne infrage gestellt zu werden. Licht und unverstellte Räume waren für ihn essenzielle Gestaltungselemente. Deutlich wird das, als die beiden Frauen in einem der Hauseingänge in der Fredericiastraße klingeln. Grunow will Inge Fernando unbedingt den Innenhof der Siedlung zeigen, der sieben Meter höhenversetzt den Blick auf das kolossale Dachkonstrukt des Betriebshofes im Inneren freigibt. Eine Zahnarztpraxis öffnet den beiden, die Sprechstundenhilfe, reichlich verwirrt, ob dieses ungleichen Paares, bleibt mit ihnen im Flur stehen. Grunow weist auf die trapezförmigen Kacheln im Hausflur hin, zeigt auf die über Eck gebauten Balkone, die verschieden verputzten Eingangsportale. »Gelb war die Lieblingsfarbe meines Vaters«, sagt Fernando, als sie das Treppenhaus und die Kacheln sieht.

Jean Krämer war detailversessen, egal, ob es um eine Direktorenvilla für Ernst Lüdke, Vorstand der Berliner Verkehrsgesellschaft am gutbürgerlichen Scharmützelsee, ging oder um die Gestaltung von Arbeiterwohnsiedlungen in Wedding oder Westend. Giebelverzierungen, Türklinkenmuster, Fassadenreliefs, Farbakzente im Inneren. Krämers Entwürfe sind dynamisch, streng symmetrisch und glasklar. Ob der Expressionist Krämer einen ideengeschichtlichen Anspruch an seine Bauwerke hatte, ist selbst mit dem neu entdeckten Nachlass nicht überliefert, sagt Grunow. Ein Tagebuch schrieb Krämer nie. Einzig Behrens Maxime, dass wer gesund wohnt, auch gesund arbeitet, gilt wohl auch für Krämers Entwürfe. Die Gestalt der Siedlung im Westend aber gibt etwas von ihm preis: So muss die vibrierende, ächzende Metropole, zu der Berlin in den 20er Jahren geworden war, Einfluss auf Krämers architektonische Entwürfe gehabt haben. Viele Wohnungen sind mit einem Balkon ausgestattet, der Innenhof ist durch den bewusst gesetzten Höhenunterschied zum Straßenbahndepot hell und transparent, der Hof lässt Platz für eine durchgängige Rasenfläche. Wo die Stadt den Menschen die Luft zum Atmen nahm, gab Krämer ihnen Freiräume zurück.

Krämer, dieser vergessene Weltenerbauer, er hatte Pech, starb viel zu früh. Während seine einstigen Atelierkollegen van der Rohe, Le Corbusier und Gropius in den 50er Jahren zu Gurus der Architektur wurden, starb Krämer 1943 im Alter von 57 Jahren. Dank einer Kiste, die eine Reise nach Australien und zurück nach Berlin hinter sich hat, wird sich die Stadt hoffentlich besser an einen ihrer wichtigsten Architekten erinnern können.

Stanford Anderson, Karen Grunow, Carsten Krohn: Jean Krämer - Architekt. Und das Atelier von Peter Behrens. Weimarer Verlagsgesellschaft, geb., 240 S., 58 €

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