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Koste es, 
was es wolle

Aus der in den alternativen Milieus entstandenen Idee des nachhaltigen Wirtschaftens ist heute 
die »Share Economy« geworden, ein gigantischer, kaum kontrollierter Markt.

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 7 Min.

Nachhaltiges Wirtschaften unter Umgehung der Geldkreisläufe und der steuerlichen Erfassung kann ziemlich einfach sein. Man entlohnt seinen Frisör mit ein paar Kilo Bio-Tomaten aus dem eigenen Garten oder erteilt den Kindern des Malers, der die Wohnung renoviert, Nachhilfe oder Gitarrenunterricht. Man verleiht selten genutzte Werkzeuge und erhält dafür Dienstleitungen oder Naturalien von vergleichbarer Wertigkeit. Und für ein Feriendomizil bietet man im Tausch die Unterbringung in seiner Stadtwohnung an. Alles streng marktwirtschaftlich anhand nahezu objektiv ermittelter Gebrauchs- bzw. Tauschwerte. Wer in seinem Tauschring - es soll davon bundesweit über 300 geben - finnische Grammatik für Fortgeschrittene anbietet, wird mangels Nachfrage Probleme haben, dafür ein angemessenes Äquivalent zu erhalten. Wie dem auch sei: Es ist eine kleine, irgendwie sympathische Nische, in der die Verschwendung von Ressourcen eingedämmt bzw. deren Nutzung effektiviert wird, auch wenn man sich teilweise in der Grauzone von Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung bewegt.

Doch längst ist diese archaische Idee eines Wirtschaftskreislaufs des Teilens und Tauschens seinen Kinderschuhen entwachsen. »Share Economy« ist - befeuert durch das Internet - zu einem gigantischen Markt geworden. Aus einigen kleinen, meist kalifornischen Start-ups sind mittlerweile global agierende, äußerst profitable Netzwerke entstanden, deren Protagonisten ausgesprochen aggressiv gegen jegliche Form der Regulierung vorgehen. In zwei Branchen ist diese Entwicklung bereits weit fortgeschritten: Bei der Vermittlung von temporären Unterkünften für Touristen und bei innerstädtischen Personentransporten. Als Marktführer agieren dabei die Vermittlungsportale Airbnb und der Fahrdienstanbieter Uber.

Beide Anbieter stehen nicht nur in Deutschland in direkter Konkurrenz zu regulären Anbietern, die sie preislich mühelos unterbieten können. Zum Beispiel Uber: Während Taxiunternehmen und gewerbliche Fahrdienste in Bezug auf den Zustand der Fahrzeuge und die Qualifikation der Mitarbeiter relativ streng reguliert und vor allem auch steuerlich erfasst sind, agieren Uber und ähnliche Anbieter lediglich als Vermittler für Fahrten mit privaten PKW-Besitzern und kassieren dafür Provision. Ähnlich verhält es sich im Beherbergungsgewerbe, wo die offiziellen Betriebe beispielsweise umfassende Hygienebestimmungen und soziale Mindeststandards für ihre Beschäftigten einhalten müssen.

Der Erfolg der Share Economy ist der »Win-Win-Konstellation« geschuldet, die für alle an dem Geschäft Beteiligten entsteht. Die Vermittler verdienen prächtig mit ihren Provisionen, die Anbieter erzielen ein mitunter beträchtliches Zubrot und die Kunden können sich über vergleichsweise günstige Preise für Transporte und Unterkünfte freuen. Die Zeche dafür zahlen alle anderen. Zunächst die regulären Anbieter, die vom Markt gedrängt werden. Dazu kommen die Städte, in denen das lukrative Geschäft mit Ferienwohnungen zur ohnehin dramatischen Verknappung bezahlbarer Mietwohnungen beiträgt. Kaum zu beziffern sind ferner die Steuerausfälle, die durch diese Formen der Share Economy entstehen.

Eingebettet ist dies in den digitalen Lifestyle, der auch in Deutschland mittlerweile mehrere Generationen erfasst hat, und zwar weitgehend unabhängig von der individuellen politischen Einstellung. Man fühlt sich vielleicht solidarisch mit den Lagerarbeitern von Amazon, die seit Jahren mit temporären Streiks für einen Tarifvertrag kämpfen, mag aber dennoch nicht auf die bequeme Art der Bestellung und Lieferung verzichten. Kollateralschäden wie die allmählich kollabierende Paketlogistik und die schleichende Vernichtung stationärer Einzelhandelsgeschäfte werden in Kauf genommen. Man unterstützt vielleicht Mieterproteste gegen Verdrängung durch steigende Mieten in seiner Heimatstadt, nimmt aber die Dienste von AirBnB für den Kurztrip nach Paris oder Barcelona - nebst einem Klick auf die entsprechende App auf dem Smartphone, um ein billiges Privattaxi zum Flughafen zu bestellen - gerne in Anspruch. Und auch in der großen »alternativen« Clubszene Berlins dürfte die Einschränkung, was das Anbieten billiger Ferienwohnungen angeht, nicht für ungeteilte Begeisterung gesorgt haben.

Die Politik tut sich schwer, den Raubrittern des unregulierten digitalen Kapitalismus Paroli zu bieten. In Berlin dauerte es mehrere Jahre, bis die Landesregierung ein »Zweckentfremdungsverbotsgesetz« auf den Weg brachte, um den Missbrauch von Mietwohnungen einzudämmen. Zudem enthält das Gesetz etliche Schlupflöcher, und es gibt ein großes Vollzugsdefizit, auch weil sich die Anbieter unter Berufung auf den Datenschutz weigern, die Vermieter der verschlüsselt offerierten Ferienappartments zu offenbaren. Airbnb und andere Portale haben bereits angekündigt, gegen das Zweckentfremdungsverbot als Ganzes und die verfügte Herausgabe der Daten zu klagen - durch alle Instanzen, notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof, wie der Anwalt eines Portals betonte. Das könnte mehrere Jahre dauern. Der Airbnb-Pressesprecher Julian Trautwein beruft sich dabei gerne auf »den Willen der Bürger«, die sich einer vom Unternehmen in Auftrag gegebenen »repräsentativen Umfrage« zufolge mehrheitlich gegen Bußgelder für Anbieter von Ferienwohnungen ausgesprochen hätten. An den Senat appellierte er im Rundfunk Berlin-Brandenburg, »neue Regeln für normale Leute, die ihr eigenes Zuhause teilen, zu schaffen«. Wobei unter »neue Regeln« wohl Deregulierung zu verstehen ist. Das Verbot der privaten Fahrervermittlung durch Uber ist dagegen zwar derzeit vollstreckbar, doch längst arbeitet der Konzern an Umgehungsstrategien.

Auf den globalen Umsatzzuwachs der Portale haben die Querelen in Deutschland ohnehin kaum Einfluss. Im Gegenteil: Viele Investoren können es kaum abwarten, sich an dem rasant entwickelnden Geschäft zu beteiligen. Im Frühjahr wurde bekannt, dass der japanische Automobilkonzern Toyota bei Uber einsteigt. Neben einer »strategischen Investition« in nicht genannter Höhe (Finanzexperten gehen von einem mittleren dreistelligen Millionenbetrag aus) wurde eine Zusammenarbeit etwa bei Leasing-Angeboten vereinbart. Außerdem sei der Austausch technischer Kenntnisse geplant, etwa über selbstfahrende Autos, an denen beide Firmen arbeiten, hieß es in einer Mitteilung des Wirtschaftsdienstes Reuters. Der VW-Konzern investierte 300 Millionen Dollar in den kleineren Uber-Rivalen Gett. Bereits zuvor hatte, wenn auch in kleinerem Umfang, der US-Automobilkonzern General Motors, zu dem auch Opel gehört, seine Zusammenarbeit mit dem US-Fahrdienstanbieter Lyft bekanntgegeben.

Bei Airbnb ist es nicht anders. Die Deutsche Telekom hat mit dem 2008 in San Francisco gegründeten und seit 2011 in Deutschland aktiven Unternehmen eine umfassende Kooperation vereinbart. Dafür wurde eigens eine App für Android-Smartphones entwickelt. Bei erstmaliger Buchung wird dem Kunden ein Gutschein über 30 Euro in Aussicht gestellt. »Wir wollen unseren Kunden neue Produkte und Services näherbringen, die ihr Leben bereichern. Mit Airbnb bin ich als Reisender kein Fremder, sondern kann mich direkt zugehörig fühlen, weil ich zu Gast bei Gleichgesinnten bin. Das ist ein schöner Aspekt unseres Mottos ›Erleben, was verbindet‹«, erklärte Michael Hagspihl, Geschäftsführer Privatkunden Telekom Deutschland, dazu in einer Pressemitteilung.

Auch das zum Axel-Springer-Konzern gehörende Internetportal »meinestadt.de« hat sich mit Airbnb verbandelt. Das Unternehmen erklärte dazu: »Privatwohnungen, die Urlaubern im Internet zur Miete angeboten werden, liegen im Trend. Denn Privatunterkünfte sind oftmals nicht nur günstiger, sondern auch viel persönlicher als anonyme Hotelzimmer.« Die Kooperation umfasst auch die Akquise und Registrierung neuer Anbieter von Privatquartieren. Entsprechend zufrieden waren die beiden Protagonisten nach dem Abschluss de Geschäfts. Jens Müffelmann, Leiter Geschäftsführungsbereich Elektronische Medien der Axel Springer AG, sagte: »Airbnb ist eines der spannendsten und dynamischsten Internet Start-ups aus dem Silicon Valley. Als Medienpartner werden wir Airbnb beim Ausbau der marktführenden Stellung unterstützen.« Dazu Gunnar Froh, Deutschland-Manager von Airbnb: »Der Umfang des Medienangebots von Axel Springer ist für uns extrem hilfreich, unsere Erfolgsgeschichte und unser Wachstum in Deutschland weiter fortzusetzen.«

Für Airbnb ist das bislang Erreichte aber lediglich eine Zwischenetappe auf dem Weg zum »ganz großen Ding« nach Apple, Google und Facebook. »Die Menschen wollen das, der Aufstieg ist nicht mehr aufzuhalten«, sagte der Airbnb-Co-Gründer und Mitbesitzer Nathan Blecharczyk im Frühjahr in einem Interview. Das Unternehmen wolle in den kommenden Jahren noch weitere Bereiche für sich erschließen: »Essen, Transport und all die anderen Services rund ums Reisen werden künftig für uns eine Rolle spielen.« In diversen Städten seien bereits Teams mit der Entwicklung entsprechender Angebote beschäftigt. Den globalen Markt für Übernachtungen beziffert der Manager auf 500 bis 700 Milliarden Dollar, in der gesamten Tourismusindustrie gehe es aber »um viele Billionen Dollar«. Es wird wohl so kommen, koste es, was es wolle. Und (fast) alle machen mit.

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