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Abends gratis ein Feuerwerk

Hennigsdorf hat sich als Industriestadt bis heute behauptet - Teil 4 unserer Sommerserie

  • Von Matthias Krauß
  • Lesedauer: 6 Min.

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Vor dem Fenster im Industriestädtchen Hennigsdorf liegt - gleich hinter einem Bahndamm - das Stahl- und Walzwerk. Seine machtvollen, felsengleichen Umrisse vor dem Himmel beruhigen und regen gleichzeitig an. Die riesigen Schlote scheinen gleichzeitig zu winken und zu drohen. Nachts bietet dieser Felsen Sinai, dieser Berg des Lichts, ein Panorama ohnegleichen: Überwältigend der Anblick des Abstichs, wenn die Nachtschicht den über tausend Grad heißen Stahl in die Formen fließen lässt. Am Horizont zuckt es grell, flammend rot, funkelnd blau. Dann ist es wieder stockdunkel. Das war als Kind mein allabendliches Gratis-Feuerwerk. Kein Sternenhimmel kam diesem Panorama gleich.

Europas modernstes Elektrostahlwerk wurde in den 1970er Jahren von den Österreichern und mit jugoslawischen Arbeitskräften in Hennigsdorf nach Riva-Lizenzen gebaut. Aber es wurde nicht nur Stahl geschmolzen, hier wurden auch Lokomotiven für die halbe Welt montiert, für Brasilien, China, die Sowjetunion. 1982 bekam Hennigsdorf sogar den Zuschlag für den Bau der U-Bahn in Athen.

Mit 14 Jahren kann ich mir in den Ferien in der VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke »Hans Beimler« Hennigsdorf (LEW) mit Handlangerarbeiten Geld verdienen. In der Frühstückspause sitze ich gemeinsam mit Schulkameraden vor der Halle am Ufer der Havel und esse meine Currywurst. Ein paar Meter hinter dem gegenüberliegenden Ufer verläuft die Grenze zu Westberlin. Davor, direkt am Wasser, lauern die Hunde an ihrer Kette in der Hundelaufanlage. Jeder Köter hat einen Abschnitt zu bewachen. Einmal am Tag fährt ein Boot der Grenztruppen vorbei. Die Soldaten schmeißen den jaulenden Tieren Fleischbrocken hin. Sonntags müssen sie fasten, da sind sie dann besonders scharf, erzählen uns die Arbeiter.

Viele Jahre später begann im April 2014 die jährliche nd-Wanderung am S-Bahnhof Hennigsdorf und endete in der »Havelbaude« in Hohen Neuendorf. Nur Ortskundige wussten noch: Das zwanglose Schlendern fand über weite Strecken auf dem einstigen Grenzstreifen zwischen Hennigsdorf und Westberlin statt, wie er bis 1989 bestand. Ein bedeutender Teil der Hennigsdorfer Stadtgrenze war vor allem Staatsgrenze. Dort, wo die nd-Wandergruppen in den Kiefern-Hochwald eintraten, stand bis 1990 ein Schlagbaum. Wer Mitte der 1970er Jahre als Hennigsdorfer Junge eine Freundin in Stolpe-Dorf hatte, der musste sie an diesem Schlagbaum gewissermaßen aus den Händen geben. Denn weiter ging es nur noch für Passierscheininhaber. Stolpe-Dorf gehörte zum Grenzgebiet, betreten durften Bewohner und Besucher den Ort nur mit Erlaubnis.

Als die Mauer dann fiel, gerieten das VEB Stahl- und Walzwerk »Wilhelm Florin« im »Qualitäts- und Edelstahlkombinat Brandenburg« und der LEW in den Strudel, der die gesamte DDR-Wirtschaft mit sich riss. Im Stahlwerk rauchten alsbald die Schlote nicht mehr, dafür vor dem Betriebstor die Eisenkörbe mit glühenden Kohlen, an denen sich die streikenden Arbeiter wärmten. Streik hatte keine DDR-Tradition, sieht man einmal von jenem einen Sommertag ab: Am 17. Juni 1953 zogen rund 5000 Hennigsdorfer Arbeiter über die damals noch offene Sektorengrenze nach Berlin. Doch am 18. Juni erfüllten sie im Stahlwerk wieder den Plan, der Stahlhunger der jungen DDR-Volkswirtschaft war kaum zu befriedigen. 1993 wurde in Hennigsdorf eine Denkmalsanlage zu Ehren der Protestierenden vom 17. Juni auf dem einstigen Dorfanger eingeweiht. Beim Protest in Berlin kam keiner der beteiligten Hennigsdorfer zu Schaden. Einige Jahrzehnte zuvor war das anders, 1920 wurden bei der Verteidigung der Weimarer Republik gegen die aus Berlin anrückenden Kapp-Putschisten mindestens 23 Hennigsdorfer beim Häuserkampf in ihrer Gemeinde (das Stadtrecht bekam Hennigsdorf 1962) erschossen oder erschlagen. Ihnen hat die junge DDR ein Denkmal gewidmet.

Nach der Wende zählte Hennigsdorf zu den vergleichsweise glücklichen Kommunen, deren Industriepotenzial immerhin nicht ersatzlos vernichtet wurde. Das Elektrostahlwerk wurde 1992 vom italienischen Riva-Konzern übernommen.

Im zweiten Großbetrieb der Stadt, dem LEW »Hans Beimler«, in dem der spätere Finanz- und Justizminister Helmuth Markov (LINKE) als junger Entwicklungsingenieur tätig war, stand später »Adtranz« auf dem Firmenschild. Heute gehört das Werk dem kanadischen Schienenfahrzeughersteller Bombardier Transportation, der in Hennigsdorf sein regionales Hauptquartier eingerichtet hat. Relativ stabil beschäftigten die beiden großen Werke nach der Wende rund 3500 Menschen am Standort. »Das ist für Brandenburg schon eine Hausnummer«, sagt Bürgermeister Andreas Schulz (SPD), der bereits seit 1990 im Rathaus das Sagen hat.

Eine Abrissorgie im Wohnungsbestand, wie sie in vielen Städten Brandenburgs stattfand, musste Hennigsdorf nicht erleiden, seine zu DDR-Zeiten entstandene Neubaustruktur blieb erhalten. Diese Häuser sind inzwischen saniert und farbenfroh. Das Glück der »Speckgürtelgemeinde« spiegelt sich auch in der Einwohnerzahl wieder: Hennigsdorf hatte 1950 knapp 16 000 Einwohner, 1985 über 27 000. Die Zahl fiel bis 1996 auf weniger als 24 000 Einwohner, erreichte aber bis 2014 wieder fast 26 000. Auf den Industriebrachen sind Gewerbegebiete entstanden. Nach der Wende hat in der Stadt mit Kurt Eulzer Druck auch einer der fünf größten Post- und Glückwunschkartenverlage Deutschlands Fuß gefasst.

Das altehrwürdige Postamt am Bahnhofsvorplatz ist schon lange keines mehr, der Bahnhof selbst regelrecht futuristisch umgebaut und nicht länger Sackbahnhof. 1998 wurde die durch den Mauerbau 1961 unterbrochene S-Bahn-Verbindung nach Berlin wieder aufgenommen. Geblieben aus der DDR-Zeit ist auf dem Bahnhofsvorplatz das Mahnmal mit dem KZ-Signum auf dem Dach. »Den Toten zum Gedenken, den Lebenden zur Pflicht.«

Mitte der 1960er Jahre entschloss sich die SED, der gerade fertiggestellten modernen und vorbildlich ausgestatteten Schule am Hennigsdorfer Stadt- und Waldrand den Namen des kurz zuvor verstorbenen Albert Schweitzer zu geben. 50 Jahre sind eine lange Zeit. Eine Grundsanierung war fällig, die das Haus vor einigen Jahren hinter sich gebracht hat. Das große Schwimmbad am Rande der Stadt - es wurde Mitte der 1960er Jahre unweit der Schweitzer-Schule gebaut - ist verschwunden. Der Betrieb war der Stadt zu teuer, und ein privater Betreiber fand sich nicht. Verschwunden ist auch die Sporthalle von »Stahl Hennigsdorf« - einst fast so urmächtig und gigantisch wie das alte Stahlwerk selbst. Geblieben sind die beiden großen Kulturhäuser, wie sie typisch waren für Großbetriebe in der DDR. Beispiele für jenen Kulturhaus-Typ, der vielen Bands und Kleinkünstlern damals den Lebensunterhalt sicherte und vor dem sich beispielsweise die Liedermacherin und Sängerin Barbara Thalheim stets gefürchtet hatte, wie sie einmal bekannte. Und wer weiß, vielleicht finden in ihren Sälen ja immer noch Paare bei Tanzstundenball oder Tanztee zueinander.

Nimmt das noch ein glückliches Ende mit Hennigsdorf? Wohl nur, wenn es der kapitalistischen Weltwirtschaft gefällt. Bombardier kündigte an, 270 weitere Arbeiter bis 2017 zu entlassen. Das Stahlwerk schob im Frühjahr 2016 gar Kurzarbeit. Auch auf den Glückwunschkartenverlag warten schwierige Tage, denn Glückwünsche werden heutzutage zumeist per E-Mail versandt. Immer mehr stütze sich das Unternehmen auf das Standbein Trauer, sagte Geschäftsführer Reinhard Nowozin unlängst vor dem brandenburgischen Wirtschaftsforum in Potsdam. »Beileidsbekundungen kommen zumeist noch mit der Post.«

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