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Austauschbar

Müller oder Meyer... alles austauschbar. Und deshalb fällt es nicht auf, wenn einer plötzlich verschwindet

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Seit dem Ende meines Campingurlaubs an und in der Berliner Badewanne kann ich nachvollziehen, wie sich Angela Bennett in dem 90er-Jahre-Thriller »Das Netz« gefühlt haben muss. Wer den Film nicht kennen sollte, hier der Kurzinhalt: Einer eigenbrötlerischen Computerexpertin werden von einem Killer erst die Ausweispapiere und schließlich die digitale Identität nebst ihrer Sozialausweisnummer geklaut. Weil Nerds in den 90er Jahren kein Facebook als Kontakt zur Außenwelt hatten, gerät Angela in Bedrängnis, weil kein Mensch ihre Identität bestätigen kann, als der Killer ihr, mittels eines manipulierten Eintrags in der Polizeidatenbank, das FBI auf den Hals hetzt.

Ganz so wie in Hollywood ist meine Realität nicht. Immerhin könnte es aber für einen B-Streifen auf meinem Lieblingstrashsender »Tele 5« reichen, als Episode im Nachtprogramm: Da zeigt man, als Folge von zwei Wochen Abwesenheit vom heimischen 60er-Jahre-Neubau-Wohnblock am Rande Spandaus, mal kein Lebenszeichen, und schon werden jegliche Hinweise auf die eigene Existenz von einer übermütigen Hausverwaltung getilgt. Ein mutmaßlich in Sommerferienvorfreuden schwelgender Facility Manager hatte meine Namensschilder an Wohnungs- und Haustür sowie am Briefkasten entfernt. Außenstehende wären nie auf die Idee gekommen, dass da im siebenten Stock eines 28 Mietparteien umfassenden Hauses je ein Mensch mit Namen Meyer gewohnt haben könnte. Allein die Beliebigkeit dieses Nachnamens lässt das Verschwindenlassen einer Identität zum Kinderspiel werden.

Ein paar Etagen unter mir wohnt übrigens eine Frau, die ebenfalls Meyer heißt. Allein in den hiesigen Telefonbüchern soll es über 100.000 Einträge mit diesem Nachnamen geben. Auf einen Meyer mehr oder weniger kommt es halt nicht an. So bekommt die Frage »Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?« des Fernsehphilosophen Richard David Precht eine völlig neue Bedeutung. Apropos Precht: In seinem Namen schwingt nicht nur bildungsbürgerlicher Wohlklang mit, sein Verschwinden von einem Briefkasten würde im Gegensatz zu dem Verschwinden des Namens Meyer mit Sicherheit auffallen. Die Ursache für den Identitätsraub war schnell ausgemacht: Die Hausverwaltung verwechselte meine Wohnung mit jener rechts daneben, aus der eine ältere Dame auszogen war. Dabei teilen wir uns im Nachnamen nicht mehr als zwei Buchstaben.

Ein schlimmeres Schicksal ereilt nur Michael Müller (320.000 Telefonbucheinträge). Auf der Straße vor meinem Haus stand bis vor kurzem ein Wahlplakat, auf dem der Regierende mit den Wortfetzen »Müller, Berlin« angepriesen wurde. Es ist kurios genug, dass Müller offensichtlich nicht mit der SPD in Verbindung gebracht werden wollte, denn der Hinweis auf die Parteizugehörigkeit fehlte. Die Sozis meinten indes, der nach Beliebigkeit klingende Vorname sei es nicht wert, genannt zu werden. Vielleicht hofften die Genossen auf ein paar Solistimmen von Menschen mit ähnlichem Nachnamensschicksal. Ich heiße Meyer. Zum SPD-Wähler macht mich das noch nicht.

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