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Sportler kämpfen gegen den Hass

Russische und ukrainische Athleten bekommen für freundschaftliche Annäherungen in Rio Ärger in ihrer Heimat

  • Von Denis Trubetskoy, Kiew
  • Lesedauer: 3 Min.

Eigentlich hat der ukrainische Kunstturner Oleh Wernjajew die Treue zu seinem Land mehrfach mit Taten bewiesen. Der 22-Jährige, der selbst aus dem umkämpften Donezk kommt, ist einer der besten Turner der Welt. Vor zwei Jahren ist er im chinesischen Nanning Weltmeister am Barren geworden, in Rio gewann er schon Silber im prestigeträchtigen Mehrkampf - und hat noch weitere Medaillenchancen. Dass er diese Erfolge unter ukrainischer Flagge feiert, ist alles andere als selbstverständlich.

Denn speziell bei Randsportarten ist die Sportförderung in der ehemaligen Sowjetrepublik miserabel. Seit Jahren klagen ukrainische Turner über schlechte Trainingsbedingungen und mangelndes Material. Das Sportministerium in Kiew schweigt und reagiert nicht. So sind im Laufe der vergangenen Jahre mehrere Spitzenathleten nach Aserbaidshan oder Russland gewechselt, wo die Bedingungen deutlich besser sind. Die besten Angebote bekam selbstverständlich Wernjajew - er lehnte sie allesamt ab. »Ich kann meine Kollegen nicht verurteilen, in der Ukraine haben wir nichts«, sagte er. »Ich will aber mein Land bei Olympia vertreten.«

In seiner Heimat wurde der erfolgreiche Turner dafür viel gefeiert, wie auch für seine Entscheidung, nach dem Silbermedaillengewinn bei Olympia nicht mit russischen Medien zu sprechen. Die russischen Staatsmedien sind durch die fragwürdige Berichterstattung zum politischen Konflikt in der Ukraine höchst umstritten. Doch die Liebe der ukrainischen Patrioten zu Wernjajew hielt nicht lange. Wenig später veröffentlichte der Russe Nikita Nagornyj auf Instagram ein gemeinsames Foto mit dem Ukrainer, die Unterschrift: »Oleh Wernjajew und ich antworten unseren Hassern.«

Damit wollten die beiden Sportler zeigen, dass sie trotz des politischen Konflikts immer noch gut miteinander umgehen. »Wir haben immer noch Kontakt mit dem russischen Team. Die Russen helfen uns sogar, unter anderem mit Material«, sagte Wernjajew früher mehrfach. Der Versuch, ein Zeichen der Freundschaft zu setzen, ging jedoch nach hinten los. Sowohl in der Ukraine als auch in Russland wurde die Geste von Medien und Fans meistens hart kritisiert. »Herr Wernjajew, wissen Sie eigentlich, dass unsere Jungs im Donbass getötet werden?«, schrieb unter anderem der bekannte ukrainische Sportjournalist Olexander Schurachiwskij. In Russland konnten viele dagegen Wernjajew seine Ablehnung gegenüber den russischen Journalisten nicht verzeihen.

Auch ukrainische und russische Tennisspieler ließen sich in Brasilien gemeinsam fotografieren. So hat der Russe Andrej Kusnezow ebenfalls auf Instagram ein Foto veröffentlicht, auf dem vier Ukrainer und vier Russen zu sehen sind. »In der Wirklichkeit sind wir alle Freunde. Gemeinsam sind wir stark«, hieß es diesmal in der Überschrift. Diese Aktion wurde ebenfalls wie die von Nagornij und Wernjajew sehr kritisch wahrgenommen. »Es wäre besser, das Geld für die Reise dieser Sportler nach Rio in die Armee zu investieren«, kritisierte Jurij Birjukow, Berater des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko.

Einen weiteren Skandal gab es noch vor dem Beginn der Spiele in Rio. Einige ukrainische Sportler haben es im Interview mit dem russischen Staatssender Rossija 1 bedauert, dass das russische Team von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde. Schließlich hatte der ukrainische Sportminister Ihor Schdanow seiner Mannschaft empfohlen, mit Medien aus Russland lieber nicht zu sprechen. Dass die Ukrainer ihre Solidarität mit den russischen Leichtathleten zeigten, könnte aber einen weiteren Grund haben: Die Ukraine gehört selbst zu den fünf Nationen mit den meisten positiven Proben in der Leichtathletik.

Es ist allerdings allein aus Finanzgründen eher unwahrscheinlich, dass auch in der Ukraine Staatsdoping betrieben wird. »Aus irgendeinem Grund glauben alle, dass ich etwas nehme«, betont unter anderem Turner Wernjajew. »Für diese Medikamente haben wir aber überhaupt nicht das Geld.«

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