Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Wir stellen die Systemfrage«

Die feierliche Namensgebung des Lothar-Bisky-Hauses bot auch Raum für eine Inhaltsdebatte

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Politiker Lothar Bisky und Michael Schumann waren nach 1990 in der damaligen PDS Männer der ersten Stunde. Sie haben das Bild der SED-Nachfolgepartei sowohl im Bund als auch in Brandenburg nachhaltig geprägt. Schumann kam im Jahr 2000 gemeinsam mit seiner Ehefrau bei einem Autounfall ums Leben. Bisky starb am 13. August 2013. Am Mittwoch wäre er 75 Jahre alt geworden.

Die Lage im vereinten Deutschland »wäre besser, wenn Lothar Bisky heute noch da wäre«, sagte der stellvertretende Ministerpräsident und LINKEN-Landeschef Christian Görke, bevor das rote Tuch vor dem neuen Schild fiel. Gemeinsam mit Heinz Vietze, dem letzten SED-Bezirkschef in Potsdam und mit Bisky und Schumann durch die gemeinsame Arbeit in der Landtagsfraktion verbunden, löste Görke den Knoten.

Vietze stellte sich als »letzten Gaul der Troika« vor, die er seinerzeit mit Bisky und Schumann im »Kreml« (der einstigen SED-Bezirksleitung und dem späteren Landtagsgebäude) gebildet habe. Doch wolle er keine Melancholie aufkommen lassen. »So lange noch einer im Geschirr geht, geht es voran.«

Biskys Witwe Almuth fehlte beim anschließenden Festakt krankheitsbedingt, die beiden Söhne Jens und Norbert konnten wegen eines Auslandsaufenthalts nicht teilnehmen. Neben viel Linksprominenz, darunter der Ehrenvorsitzende der Partei, Hans Modrow, war auch Biskys Nachfolger im Amt des Rektors der Potsdamer Filmhochschule »Konrad Wolf«, Dieter Wiedemann, gekommen.

Am Rande der Veranstaltung wurde eine Broschüre über die beiden Verstorbenen mit dem Titel »Wir stellen die Systemfrage« verteilt.

Bisky sei »kein Politiker, sondern ein sympathischer Mensch« gewesen, befand Ex-CDU-Landtagsfraktionschef Peter-Michael Diestel. Der Dauergast und Vorzeige-Christdemokrat bei der märkischen LINKEN hatte zu beiden PDS-»Lichtgestalten« ein gutes Verhältnis unterhalten. »Ich bin einer von den Siegern der Geschichte«, stellte sich Diestel, der es in der letzten DDR-Regierung immerhin zum Innenminister gebracht hatte, selbstbewusst den rund 100 Gästen vor. An Lothar Bisky erinnerte er sich als einen, der Zeit seines Lebens im Dauerwiderstand gegen die Dummheit gestanden habe. Es sei jedenfalls die Frage, ob die CDU in Brandenburg Persönlichkeiten habe, nach denen sie Gebäude benennen könnte.

Es war Hans Modrow, der auch den Privatmann Lothar Bisky würdigte: Dieser habe vor allem auch in den schweren Zeiten nach der Wende zu seiner Ehefrau Almuth gestanden.

Die Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Dagmar Enkelmann, wie viele der Anwesenden durch die Arbeit in der brandenburgischen Landtagsfraktion mit Bisky verbunden, irritierte manchen Zuhörer, als sie bekannte, Bisky habe »nicht gut reden können«. Doch sie erinnerte daran, dass er später im Bundestag dreimal zur Wahl des Vizepräsidenten antrat und dreimal hintereinander nicht gewählt wurde. »Das war schoflig«, sagte sie unter dem Beifall der Anwesenden. Allem Bild zum Trotz, das die LINKE heute auf Landes- und Bundesebene bietet, griff Dagmar Enkelmann Biskys Motto trotzig auf: »Ja, wir stellen die Systemfrage.«

Dietmar Bartsch, Ko-Fraktionschef der LINKEN im Bundestag, sprach von den beiden Namensgebern als von »ganz feinen Menschen, die für die Partei Kopf, Rücken und anderes hingehalten haben«. Und der langjährige Sprecher der Bundespartei Hanno Harnisch brachte die Gefühle, die viele der Anwesenden gegenüber Bisky hegten, auf die Formel: »Ich habe ihn geliebt, ich liebe ihn und ich werde ihn immer lieben.«

Am Rande kündigte Heinz Vietze, der Vorsitzender der Michael-Schumann-Stiftung ist, noch an, dass sich mehrere linke Stiftungen - darunter auch seine - zu einer »Stiftung für das Gedächtnis demokratischer Sozialistinnen und Sozialisten« zusammenschließen würden.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln