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Das Glück des späten Sieges

Die Karriere war fast vorbei, doch Fabian Hambüchen gewann an ihrem Ende endlich Gold

  • Von Maik Rosner, Barra
  • Lesedauer: 4 Min.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis Fabian Hambüchen überhaupt begriff, was da gerade passiert war. Zu überwältigend, zu spektakulär und auch ein bisschen zu kitschig war sein Olympiasieg geraten. Der letzte große Auftritt seiner internationalen Karriere war diese Reckübung am Dienstagabend in Rio de Janeiro gewesen. Nur drei Monate, nachdem ihm sein Körper signalisiert hatte, dass es wohl nichts werden würde mit der Teilnahme an den Spielen.

Mit ein klein wenig Abstand, nach dem ersten Überschwang der Gefühle, gelang erstmals so etwas wie eine Besinnung: «In solch einem Moment denkst du, du kannst noch 100 Jahre weiterturnen. Doch das Erwachen morgen früh wird bestimmt nicht schmerzfrei sein», ahnte Hambüchen in einem Moment der Rückschau auf all die Leiden, die vor dem großen Glück gestanden hatten. «Wir haben viel erlebt, es ist ein toller Abschluss», sagte sein Vater Wolfgang Hambüchen, der seinen Sohn schon im Alter von fünf Jahren trainierte hatte und ihn nun erstmals in einem Olympiafinale mit Sondergenehmigung betreuen durfte. Ihm war Sohn Fabian im Moment als erstes um den Hals gefallen. Das war auch ein Ausdruck von Dankbarkeit, vielleicht sogar für jene Ruhe, die der Vater ihm vor der entscheidenden Reckübung mitgegeben hatte. «Ich habe ihm nur gesagt, er solle einfach spielen», erzählte der Papa.

Hambüchen hatte seine Übung als Erster mit sehr viel Sicherheit vorgetragen. Nur ganz am Ende und nach einer eigentlich stabil wirkenden Landung leistete er sich einen kleinen Ausfallschritt nach hinten. Doch seine 15,766 Punkte reichten zu Gold vor Danell Leyva aus den USA und dem Briten Nile Wilson. Auch weil der Niederländer und Hambüchen-Kumpel Epke Zonderland, Olympiasieger von 2012, trotz Handverletzung ins Risiko gegangen war, bei seiner Übung aber vom Reck stürzte.

Das Warten danach auf die Noten für der Konkurrenten, erzählte Hambüchen, sei beinahe unerträglich gewesen. Dass es mit Gold klappte, «im allerletzten Event, ist Wahnsinn. Ich habe als Kind davon geträumt, Olympiasieger zu werden. Das ist die Erfüllung dieses Traums.» Vor ihm war das am Reck nur Andreas Wecker 1996 in Atlanta gelungen. «So kann man definitiv abtreten», sagte der 28-Jährige aus Wetzlar und kündigte an, das Siegerreck von Rio kaufen zu wollen. «Das Reck muss ich einfach haben», sagte er. Einen Tag später ist ihm schon zugesagt worden, dass er es geschenkt bekommen soll.

Für den erfolgreichsten deutschen Turner war der Dienstag der perfekte Abschluss seiner internationalen Karriere, 13 Jahre nach seiner ersten Weltmeisterschaft und nach 27 internationalen Medaillen. National hatte er gar 40 deutsche Meistertitel angehäuft. Nun, nach dem letzten Abgang auf großer Bühne, erlebte er das Glück des späten Goldes, nach zuvor so vielen Finalniederlagen. Der olympische Medaillensatz ist komplett. Vor vier Jahren in London hatte er Silber gewonnen, 2008 in Peking Bronze. Aufgefallen war er aber schon als 16-Jähriger bei seinen ersten Spielen 2004 in Athen. Durch seine beachtliche Qualifikation für das Finale, aber auch durch seine Brille, die er dabei trug. Professor oder Harry Potter wurde er danach genannt. «Das war die geilste Zeit in unserem Leben», sagte er nun über sich und seinen Vater. «Da machen wir jetzt einen Haken dran.

Noch vor wenigen Monaten sah es überhaupt nicht danach aus, dass Hambüchen in Rio seinen Frieden finden würde. Bei einem Trainingsunfall riss eine Sehne in der Schulter an, Hambüchen fürchtete schon das Karriereende. Die Sehne ist immer noch angerissen, sie operativ zu flicken, dafür reichte die Zeit vor Olympia nicht. Aber die Entzündung in den Griff bekommen, das war möglich. Es war die einzige Chance für seinen geschundenen Körper, noch einmal Höchstleistungen vollbringen zu können. Dass es aber so gut klappt, hatte Hambüchen selbst nicht geglaubt. »Es hätte andersrum laufen müssen, Gold in Peking, Silber in London, und jetzt noch Bronze hinterher. Das wäre realistisch«, hatte er kurz vor Olympia in einem Interview gesagt. Nun wurde es ein spätes und etwas unwirkliches Gold.

Hambüchen will seinen Körper jetzt schonen, aber noch nicht komplett aufhören. »Sicherlich wird man mich nicht von heute auf morgen ganz von den Geräten wegkriegen«, sagte er. Sein Sportstudium in Köln will er wieder intensivieren. Dort kann man ihn sicherlich auch gut gebrauchen. Viele Kommilitonen haben schon mit einem Hüftaufschwung große Probleme.

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