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«Andre Leit 
sint au Leit»

Notizen von der «Wandertrilogie», die im Allgäu 
Altes in neuem Licht zeigt.

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 6 Min.

Klar zur Halse!« - »Ist klar!« Die »Santa Maria Loreto«, Nachbau eines mittelalterlichen Binnenlastenseglers, geht auf dem Großen Alpsee bei Immenstadt auf Gegenkurs. Nun liegt backbords das langgestreckte Nordufer im vormittäglichen Sonnenschein. Allgäuer Alpenvorland. Naturpark so weit das Auge reicht, markantester Punkt in Ufernähe ein prächtiges Gründerstilanwesen. Dort war kürzlich viel buntes Treiben mit viel Volk auszumachen. Gut Hochreute gehört dem Buddhistischen Dachverband Diamantweg. Das ist eine populäre westliche Variante dieser um Karma, Nirwana und den achtfachen Pfad zum leidlosen Leben kreisenden Weltreligion. Rund 3000 Buddhisten aus aller Welt hatten sich zwei Wochen lang zu ihrem Sommerkurs getroffen.

Den Pizzamann nahe des Immenstädter Hafens interessiert daran nur das Geschäftliche. »Leider kamen von denen nicht viele runter in den Ort«, stellt er etwas mokiert fest. »Irgendwie komische Leute.« Ein älterer Herr, der mit anderen beim sonntäglichen Frühschoppen sitzt, dreht sich um und bemerkt dazu recht bestimmt: »Andre Leit sint au Leit.«

Kluger Volksmund, lakonisch und tief. Anscheinend ganz nette, offene Zeitgenossen, diese Allgäuer. Zumindest nicht, wie landläufig gern generalisiert, verschlossen und borniert. So widerspiegelt es auch die statistische Draufsicht auf Immenstadt: zwei katholische Pfarrgemeinschaften, eine evangelisch-lutherische, eine evangelische, eine neuapostolische Gemeinde, Zeugen Jehovas, islamische Gemeinde unterm Dach des Bundesverbandes der türkisch-islamischen Union (Ditib) mit ihrer Yunus Emre Moschee, schließlich das besagte Buddhisteneuropazentrum. Die Glaubenszugehörigkeit in Immenstadt ist ausgewiesen mit 58 Prozent katholisch, 17 Prozent evangelisch und 25 Prozent andere. All dies in einem Städtchen mit 14 000 Einwohnern im so tiefschwarzen Freistaat Bayern - »Andre Leit sint au Leit«. Und auch das soll in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben: Der Ausländeranteil der Allgäuer Bevölkerung in Bayern liegt bei rund sechs Prozent (doppelt so hoch wie in Brandenburg, von Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern gar nicht zu reden).

»Bei uns ist eben doch einiges ein bisschen anders, als sich’s so mancher vorstellt«, sagt Lars Christian Kink, Redakteur beim »Allgäuer Bauernblatt« und heimatkundiger Begleiter bei einem Rundgang um das Städtchen Pfronten. Wobei sich das Besondere nicht etwa nur auf die jüngst drei Tage lang gefeierte Priesterweihe von Diakon Florian Bach bezieht. Obwohl es selbst im Allgäu inzwischen alles andere als alltäglich ist, dass ein Ortsansässiger die Priesternachfolge antritt.

Zum wirklich Besonderen gehört eher, was sich vom Pfrontner Hausberg aus etwa 900 Meter Höhe sehr gut ausmachen lässt: dass es nicht nur Kirchtürme und Kühe, sondern auch Industrie gibt. Beispielsweise Werkhallen, die feinste mechatronische Fertigungen beheimaten. Letztlich hervorgegangen aus Uhrmacherei und Feinwerktechnik, die sich hier bereits nach dem Dreißigjährigen Krieg zu entwickeln begannen.

»Vielleicht lässt sich deren Geschichte sogar noch weiter, nämlich auf unsere Mächler zurückführen«, meint Kink. So nennt man im Allgäu von jeher Leute, die klassische Handwerke in Technik und Form höchst vollendet beherrschen und weiterführen. Etliche von ihnen haben sich im Projekt LandHand zusammengeschlossen. Darunter beispielsweise der Filigrandrechsler Reinhart Beck (»Geht nur mit Linde, frisch aufgeschnitten«) und der Schuhmacher Markus Nöß (»Schaftschneiden macht’s noch der Vater, der ist 89«), der Hammerschmied Albert Scholl (»Meine Bratpfannen sind natürlich auch voll cerantauglich«) oder die Weidenflechterin Berte Keller (»Bei mir gibt’s nur Unikate«).

Eine solche Tradition an Erfinderreichtum und Fleiß steht modernen Innovationen nicht im Wege, sondern eher Pate. Kein Wunder also, dass im Ostallgäu beispielsweise 90 Prozent des verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien stammen. Und dort besuchen auch bereits alle Drittklässler (!) in ihrer Schule den »Energiesparclub«. Nicht nur mehr und billigere Energie, sondern auch weniger, lautet die Devise.

So ein Rundgang, wie der mit dem Redakteur Lars Christian Kink in Pfronten ist kein exklusiver für Journalistenkollegen. Er ist in dieser Mission auch für die Stadt unterwegs, die schon seit Jahren das lokale Wanderprogramm »Horizonte erweitern« anbietet. Auf acht Routen soll Interessenten so die soziale wie auch sakrale Topografie einer faszinierenden Landschaft erleb- und nacherlebbar gemacht werden. Ähnliches gibt es natürlich in fast allen Allgäuer Gemeinden. Denn neben Landwirtschaft und Technologie ist Tourismus der dritte Wirtschaftsfaktor.

Dessen neuestes regionales Großprojekt bringt gerade die Allgäu GmbH zum Laufen: die »Wandertrilogie Allgäu«. Auf deren Wegen sollen, so der fast lyrisch klingende programmatische Ansatz, Touristen in Geschichten eintauchen können, die von Natur und Menschen geschrieben worden sind und geschrieben werden. Projektmanagerin Christa Fredlmeier hat von der Idee bis vor Ort dafür gesorgt, dass von Wegweisern und -markierungen über Eine-Nacht-Hotelangeboten bis zum Taxi-Gepäckshuttle (bis 20 kg für 10 Euro von und zu jedem Etappenpunkt des Wandernetzes) alles parat steht. Und sie ist auch fast alles abgelaufen. »Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht«, sagt sie. »Ohne Rucksack fühle ich mich inzwischen irgendwie nackt.«

Als Einstieg in die »Wandertrilogie« empfiehlt sie die Zehn-Kilometer-Etappe von Pfronten nach Nesselwang. Die beginnt mit sanften Bergkräuterwiesen, vorbei an gemütlich grasendem und wiederkäuendem Milchvieh, mit weiten Blicken ins Tal und auf die umliegenden Bergketten. Später geht es unterhalb des Kappelköpfl (1500 Meter) durch die Höllenschlucht. Einen natürlichen Wurzelweg immer bergan inmitten eines märchenhaften Fichtenwaldes. Hier ein Wasserfall, da ein Wildwechsel, dort ein Sonnenloch in den Baumkronen. »Spätestens in dieser Stimmung hier beginnt dann wohl jeder eins zu werden mit der Natur, oder?«, fragt Profiwandersfrau Fredlmeier und lässt auch nicht das zögerlichste Nein aufkommen.

Auf der insgesamt 24 Kilometer langen Etappe von Oy nach Rettenberg ist tags darauf als Naturguide Bernd Jakob dabei, 75, Apotheker a. D. Er kennt natürlich jedes Kräutlein und jeden Schmetterling im Detail. Er liebt seine Heimat, will das jedem vermitteln, und er hat dabei auch die nötige, distanzierte Altersweitsicht. »Wenn wir uns nicht Zügel anlegen, so wird unsere ganze Allgäuherrlichkeit bald dahin sein.« Für den Laien ist die Bedrohung kaum auszumachen. Doch hier deutet er auf einen Feldrain, an dem die Gräservielfalt in den letzten Jahren rapide zurückging, dort weist er auf den Bach hin, in dem kein Fischlein mehr umherschwimmt. »Die halten beim Gülleausbringen einfach die Standards nicht ein.« Immer wieder werde er damit beim Bauernverband und der Gemeinde vorstellig. »Nun wisst ihr, mit welchem Ergebnis.«

Im Tourismus ist die Terz im Detail eben nicht überall so harmonisch wie hoffentlich bei der »Wandertrilogie« im Großen. Anette Gaißer-Bischoff betreibt in Rettenberg das »Café Griaß di« mit Platz für etwa 50 Gäste, dazu noch einen Kiosk zum Freibad hin. Von Mai bis Ende September täglich, sonst dreimal die Woche. Selbstgebackener Kuchen, handgewickelte Rouladen. Alles allein, saisonal mit Hilfe einer Bekannten und einer jüngeren Schwester. »Doch ich gehe jeden Abend mit einem Lächeln nach Hause.« Davor liegen fast immer 14 Stunden Selbstausbeutung. »Ich hab hier erfahren, was man schafft, wenn man etwas gerne macht«, sagt sie zu diesen Einwurf. Und zudem liebe sie es, Gäste zu haben. Von überall her. »Weil andre Leit au Leit sint?« - »Ja, das trifft's wohl kurz und knapp.«

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