Doping für die Nerven

Elektrostimulation des Gehirns soll neue Leistungssteigerungen bringen

Der technische Fortschritt kennt keine Grenzen. Nach dem alten Pharmadoping und dem seit einigen Jahren im Radsport vermuteten Motordoping wird bei diesen Olympischen Spielen das Tor zu einer dritten Dopingdisziplin aufgestoßen: dem Neurodoping.

Eine Handvoll Olympioniken jedenfalls berichtete schon vor den Spielen munter, welche Wunderdinge sie dank der Kopfhörer der Firma Halo Neuroscience vollbringen könnten. Die in den USA geborene, aber für Sierra Leone startende Sprinterin Hafsatu Kamera konnte demnach im Kraftraum statt bisher 100 Kilogramm gleich 120 fürs Oberschenkeltraining auflegen lassen, wenn sie die Kopfhörer aufsetzte. »Ich bin lange genug Sportlerin, um zu spüren, wann ich mehr Kraft und Stärke habe, und ich kann definitiv sagen, dass sie mir zu Verbesserungen in diesen Gebieten verholfen haben«, wird die 24-jährige Leichtathletin, die in Rio zumindest die Vorausscheidung über 100 Meter überstand, von der Technikwebsite »readwrite.com« zitiert. Auch Michael Rodgers, im Vorlauf der 4x100-Meter-Staffel der USA aufgeboten, lobt das Gerät: »Als ein Olympiateilnehmer trainiere ich unendlich viel. Vor den Kopfhörern gab es keine gute Lösung, mein Hirn für diese sportlichen Höchstleistungen vorzubereiten. Jetzt schöpfe ich mein Potenzial besser aus und erreiche auch ein höheres Leistungsniveau.«

Das klingt nach Epo für die Nerven. Der Hersteller, ein kalifornisches Startup, das nach Informationen des Magazins »Newsweek« unter anderem den Netscape-Mitentwickler Marc Andreessen zu seinen Kapitalgebern zählt, verspricht auf seiner Website noch ganz andere Wunderdinge. Durch die Stimulation des motorischen Cortex, der sich tatsächlich zentral unterhalb der Kopfhörerbügel befindet, sollen Nervensignale schneller übertragen und zu den Muskeln geleitet werden. Dadurch sollen zugleich die Muskelfasern stärker aktiviert und damit auch die Trainingsintensität verbessert werden. Das Ergebnis soll eine höhere Leistung sein.

Als Beleg führt die Firma das Training der US-Skispringer an. Während eine Vergleichsgruppe ohne Kopfhörer über einen längeren Zeitraum nur eine 13-prozentige Leistungsverbesserung erzielt habe, bemesse sich die Steigerung bei den Halo-Probanden auf 31 Prozent. Beide Steigerungsraten sind enorm. Es dürfte sich daher um Nachwuchssportler handeln, die noch mehr unerforschtes Potenzial aufweisen als toptrainierte Hochleistungsathleten.

Unabhängige Studien gibt es bislang nicht. Stefan Schneider, Neurowissenschaftler an der Sporthochschule Köln, hält Effekte immerhin für möglich. Allerdings nicht im vom Hersteller suggerierten physiologischen Bereich, sondern im motivationalen. »Ich kann mir vorstellen, dass es ein nettes Gadget ist, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Zuversicht auf höhere Leistungen erhöht«, sagte Schneider gegenüber »nd«. »Der Sportler denkt, das Gerät muss ja etwas bringen und ist deshalb stimuliert«, erklärte er. Für langfristig wirkungsvoller im mentalen Bereich hält Schneider aber das Coaching durch reale Menschen.

Inwieweit die Stimulation des Gehirns durch elektrischen Strom gefährlich sein kann, ist zumindest in seinen langfristigen Folgen weitgehend unerforscht. »Wir haben sehr hohe Auflagen der Ethikkommission, wenn wir mit Magnetresonanzen oder der transkraniellen Magnetstimulation arbeiten«, meint Schneider nur.

Lokale Effekte gibt es bereits. Über die magnetische Stimulation einzelner Nervenzellen im motorischen Kordel lässt sich nach Schneiders Auskunft bereits der Arm aktivieren. Und auch Parkinsonpatienten kann über Elektrostimulation geholfen werden, indem die Produktion des Neurotransmitters Dopamin angeregt wird. Gezielt bessere Leistung durch ein Unterstromsetzen des motorischen Cortex zu erreichen, hält Schneider allerdings für unwahrscheinlich.

Ganz das »Neurodoping«, das die Lobpreisungen der Hersteller erwarten lassen, scheinen die Kopfhörer also nicht zu bieten. Ihren Markt haben sie jedoch gefunden. Momentan sind die Geräte - Stückpreis 549 Dollar - ausverkauft. Die Leistungen einiger Erstbenutzer sollte Interessenten aber nachdenklich stimmen. Sprinterin Kamera wurde nur 59. Michael Tinsley, in London ohne die Kopfhörer noch Olympiazweiter über 400 Meter Hürden, trudelte in Rio nach dem Training mit dem Gerät als 37. ins Ziel.

Die Welt-Antidoping-Agentur übrigens prüft nach Anfrage von »nd«, ob das Gerät ein Dopingrisiko birgt. Momentan ist es nicht verboten. Offensichtlich aber auch nicht besonders nützlich - vorerst also eine kleine Entwarnung an der Dopingfront.

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