Der Angler schnappt dem Fischer den Fisch weg

Der Deutsche Fischereitag findet bis Donnerstag fernab der Küste in Potsdam statt

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Fischerei ist besser als ihr Ruf. Die Situation vieler Bestände hat sich verbessert. Dadurch sind die Fangmengen gestiegen und die wirtschaftliche Lage der beruflichen Fischer hat sich verbessert. Auch der langfristige Trend stimmt. Die »fischereiliche« Sterblichkeit sinkt, viele Bestände sind stabil »innerhalb sicherer biologischer Grenzen« und im Nordostatlantik, einschließlich Nord- und Ostsee, werden schon mehr als die Hälfte der Fischbestände vollständig nachhaltig bewirtschaftet. Daher sind steigende Fangquoten möglich: 2017 könnten in der Nordsee etwa bis zu 62 Prozent mehr Seelachs gefischt werden. So positiv stellt sich die Situation für den Deutschen Fischerei-Verband (DFV) vor dem Verbandstreffen am Dienstag in Potsdam dar.

Unverändert prekär sei die Lage nur im Mittelmeer. Wäre da nicht der Dorsch in der Ostsee. Zwar klingt immer ein wenig Skepsis mit, wenn man mit Verbandsvertretern über die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler im maßgeblichen Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) in Kopenhagen spricht. Doch letztlich akzeptiert der Fischerei-Verband dessen Vorgaben.

Der Bestand des Brotfisches der Küstenfischer in der westlichen Ostsee ist gefährdet. Große, ältere Dorsche, die besonders viel Nachwuchs produzieren, fehlen fast völlig. Der Geburtsjahrgang 2015 sei daher so schwach, kritisiert die Umweltorganisation WWF, dass es einem »Totalausfall« nahe komme.

Der Fischereidruck auf den Dorsch gilt seit Jahrzehnten als zu stark. Das sieht man im staatlichen Thünen-Institut für Ostseeforschung in Rostock ähnlich. Niedrigere Fangquoten lehnten die EU-Agrarminister jedoch lange ab, um die wirtschaftlichen Folgen für die Küstenfischer zu mildern. Dass die Dorsch-Fischerei nun in einer gefährlichen Sackgasse steckt, liegt aber nur teilweise an der professionellen Fischerei. Für die suchen Politiker und Verbandsvertreter bereits nach »Überbrückungsmöglichkeiten«, wie eine sozialverträgliche Stilllegung von Kuttern.

Der Raubfisch Dorsch hat viele Jäger - vor allem Freizeitangler auf Hochseetour. 2558 Tonnen Dorsch ziehen Angler durchschnittlich jedes Jahr aus der Ostsee. Die Wissenschaftler des ICES empfehlen, insgesamt nicht mehr als 3474 Tonnen aus der Ostsee zu entnehmen. Für die kommerzielle Fischerei bliebe dann 2017 nur eine Fangmenge von 917 Tonnen übrig - die sich deutsche, dänische und schwedische Fischer teilen müssten.

»Auch der Angelsektor muss substanziell am Wiederaufbau des Dorschbestandes beteiligt werden«, fordert WWF-Expertin Stella Nemecky. Die Anglerlobby schlägt eine Selbstverpflichtung vor. Denkbar wäre auch ein tägliches Fanglimit für jeden Angler. Eine solche Begrenzung gibt es etwa für den Wolfsbarsch in der Nordsee.

Für den Fischerei-Verband in Hamburg sind Angler ein heikles Thema. Die Berufsfischer stellen nur eine kleine Minderheit der rund 600 000 Mitglieder des DFV dar. Geschäftsführer Peter Breckling warnt vor »Aktionismus«. Man sei gegen generelle Angelverbote. Diese brächten nur mehr Bürokratie. Und gefährdeten den Tourismus - jeder zehnte Ostseeurlauber will angeblich angeln. Und auch Seehunde fressen viel Dorsch, sagt Breckling. Beides sei »natürliche Sterblichkeit«.

Der Verbandstag in Potsdam wird sich nicht allein um die Meeresfischerei kümmern. »Wichtigstes Thema« ist laut DFV die Fischerei in Binnengewässern. »Prädatoren«, Räuber wie Kormorane, Reiher und Otter, machen den Fluss- und Seenfischern die Beute streitig. Immer ausgedehntere Landschaftsschutzgebiete beschneiden Fanggebiete. Die Aalbestände in den Flüssen bedürfen der Pflege. So werden Jahr für Jahr Millionen junge Aale in Flüssen ausgesetzt, um den Nachschub für Gastronomen, Leckermäuler und Angler zu sichern.

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