Wenn Millionäre stiften gehen

In Deutschland gibt es mehr als 20 000 Stiftungen, nicht immer geht es den Gründern dabei um edle Zwecke

Das Stiftungs-Modell erfreut sich in Deutschland immer größerer Beleibtheit. Ob Hilfe für Arme, Förderung der schönen Künste oder Wiederaufbau einer Kirche: Der geldgebende Stifter allein legt fest, welche Zwecke seine Stiftung verfolgen soll. Seit 2001 hat sich die Anzahl der Stiftungen verdoppelt und sie verfügen nun über ein Gesamtvermögen von 100 Milliarden Euro, freut man sich beim Bundesverband Deutscher Stiftungen (BDS). Geführt wird der Verband von Vertretern der mächtigsten Stiftungen Deutschlands. So ist der BDS-Vorsitzende Michael Göring gleichzeitig Chef der ZEIT-Stiftung, die der einflussreiche Verleger Gerd Bucerius 1971 gründete. Sein Stellvertreter ist Joachim Rogall, der Deutschlands größte Stiftung, die Robert-Bosch-Stiftung, leitet. Vom Industriellen Robert Bosch schon 1961 ins Leben gerufen, verfügt die RBSG, so ihr Kürzel, über einen Buchwert von mehr als 5,1 Milliarden Euro.

Im Stiftungswesen gibt es gewaltige Unterschiede. Etwa 0,8 Prozent der Stiftungen haben ein Kapital von mehr als 100 Millionen Euro, während mehr als 70 Prozent weniger als eine Million Euro in den Büchern haben, ein Viertel gar weniger als 100 000 Euro. So ist die Szene auch ein Spiegelbild der zunehmenden Spaltung zwischen Superreichen und dem Rest. Der Vergleich hinkt nicht, weil viele von Deutschlands Milliardären ihr Geld in solche Stiftungen steckten.

Die Robert-Bosch-Stiftung ist so reich, weil sie als Kapitalgesellschaft registriert ist und als »Stiftungsähnliche juristische Person« gilt. Ihr gehören 92 Prozent des Stammkapitals des Bosch-Konzerns mit seinen 70 Milliarden Euro Jahresumsatz. Die Bosch-Stiftung hat aber einen guten Ruf, fördert sie doch die Völkerverständigung, etwa durch Stipendien für osteuropäische Studenten.

Etwas anders liegt der Fall bei der Siepmann-Stiftung, die Aldi-Gründer Karl Albrecht ins Leben rief und deren Stiftungszweck es ist, »die gemeinsamen Interessen der Angehörigen der Familie Albrecht zu wahren und zu fördern«. Doch warum legte Karl Albrecht die Stiftung überhaupt auf? In der Öffentlichkeit ist sie nicht präsent.

Die »Süddeutsche Zeitung« setzte ihre Rechercheure an. Ihr Fazit mit Blick auf die Stiftung: »So behält die Familie das Sagen und spart kräftig Steuern.« Dabei gebe es eine Aufgabenteilung, wobei »die Familienstiftung die Mehrheit der Stimmrechte und die gemeinnützige Stiftung das Gros der Kapitalanteile übernimmt«. Nach diesem Doppelstiftungsmodell würden die Begünstigten Zuwendungen zum Lebensunterhalt beziehen, für die nur die Abgeltungssteuer fällig würde. Weil die Stiftung selbst Körperschaft- und Gewerbesteuer zahlen müsse, greife hier nicht der höhere Einkommensteuertarif, so die »Süddeutsche«. Kapitaleinkünfte werden in Deutschland eben geringer besteuert als Einkommen aus Arbeit. Die Stiftung erfüllt noch einen anderen Zweck: Die Erben können das Aldi-Imperium nicht verhökern.

Die Siepmann-Stiftung mag zu den schwarzen Schafen der Zunft gehören, aber Stiftungen stehen in dem Ruf, dass ihre Gründer sich nicht nur von philanthropischen Motiven leiten lassen, auch wenn rund die Hälfte aller Stiftungen »soziale Zwecke« verfolgt und rund 95 Prozent als gemeinnützig gelten. Akteure wie die »Stiftung Umverteilen«, die sich um Projekte in der Dritten Welt kümmern, sind über jeden Zweifel erhaben. Trotzdem: »Mit einer gemeinnützigen Stiftung können Vermögende Zuwendungen im siebenstelligen Bereich von der Steuer als Sonderausgaben absetzen«, so die »Welt«. Zumal Stiftung nicht gleich Stiftung ist, weil der Begriff im Gesetz nicht definiert wurde. »Die Bezeichnung Stiftung ist daher zunächst einmal nur ein Oberbegriff für eine komplexe Vielfalt von Körperschaften, die im privaten, öffentlichen und kirchlichen Recht verankert sein können«, heißt es beim BDS.

Der Journalist Robert Jacobi hat ein ganz grundsätzliches Problem mit dem Mäzenatentum der Millionäre und Milliardäre. In seinem Buch »Die Goodwill-Gesellschaft« zitiert er den amerikanischen Politologen Peter Frumkin: »Philanthropie ist fast immer zutiefst undemokratisch insofern, als die wohlhabende Elite ihre Ressourcen einsetzt, um ihre eigene Vorstellung von öffentlichem Wohl durchzusetzen.«

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