Sommer der hitzigen Protestnoten

Im Dauerclinch zwischen Kroatien und Serbien fallen die Hemmungen

  • Von Thomas Roser, Belgrad
  • Lesedauer: 2 Min.

Wie viele Protestnoten die einstigen Kriegsgegner Serbien und Kroatien in diesem Sommer bereits ausgetauscht haben, vermögen selbst besorgte Analysten in Belgrad und Zagreb kaum mehr auszumachen. Bei der Eskalation der Unfreundlichkeiten gießen die wenig diplomatisch agierenden Chefdiplomaten der Zwangsnachbarn schon seit Wochen eifrig immer neues Öl ins lodernde Konfliktfeuer.

Mit seinen »Provokationen« werde »Serbien niemals ein Mitglied der EU werden«, drohte am Wochenende Kroatiens geschäftsführender Außenminister Miro Kovac gar die dauerhafte Blockade der Beitrittsverhandlungen der Nachbarn an. Der Grund für seinen Groll: Serbiens Justizbehörden hatten einen Kroaten aus Osijek mit einem von ihnen als Kriegsverbrecher verdächtigten Namensvetter verwechselt - und bei der Einreise irrtümlich verhaften lassen. Kroatien sei die »größte Schande der EU«, entgegnete erregt Serbiens Chefdiplomat Ivica Dacic. Ein Kroatien, das nahezu alle Verbrechen der faschistischen Ustascha während des Zweiten Weltkriegs rehabilitiert habe, verfüge über »keinerlei moralisches Recht«, Serbien zu drohen. Kovac störe es wohl, dass Belgrad die Rehabilitierung der Ustascha »niemals zulassen« werde, so Dacic. »Diejenigen, die die Serben in Konzentrationslagern erschlugen, fordern eine Entschuldigung von ihren Opfern: Das ist der Gipfel des Zynismus.«

Belastet wird das sensible Verhältnis nicht nur durch die Versuche des EU-Neulings Kroatien, den Beitrittsmarathon des EU-Anwärters Serbien wegen ungelöster bilateraler Probleme zu bremsen, sondern vor allem durch den Dauerwahlkampf in beiden Staaten. Seit Kroatiens Präsidentschaftswahlen Anfang 2015 haben nationalistische Töne im Adria-Staat wieder Konjunktur. Ob Aufmärsche von Kriegsveteranen in Ustascha-Uniformen oder der tausendfach skandierte Ustascha-Gruß »Für die Heimat bereit« in Fußballstadien: Nicht nur die Minderheiten in Kroatien, sondern auch Belgrad werfen Zagreb vor, die faschistische Vergangenheit des Landes zu verharmlosen - und zu verherrlichen. Zwar hat sich Kroatiens Rechtsregierung ein halbes Jahr nach Amtsantritt bereits wieder ins Aus manövriert. Doch die anstehende Neuwahl am 11. September erhöht für die scheidenden Amtsträger die Versuchung, im Stimmenstreit mit markigen Hieben gegen Serbien zu punkten.

Auch in Serbien werden die Legislaturperioden kürzer - und die Politiker setzen auf nationalistische Ausfälle gegen die Nachbarn. So scheint der Chef der sozialdemokratischen SPS, Außenminister Ivica Dacic, sich als Rumpelpatriot bereits für die Präsidentschaftswahlen 2017 positionieren zu wollen. Serbien und Kroatien seien wie »zwei siamesische Zwillinge, die sich nicht ertragen«, meint der Belgrader Publizist Svetislav Basara. Beide zeichne eine in ihrer Entwicklung »gestoppte« Gesellschaft aus, in denen alle Versuche der Modernisierung mit der »unvermeidlichen Rückkehr auf längst tote Muster enden«.

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