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Schock für Russlands Behindertensportler

Der Internationale Sportgerichtshof bestätigt den dopingbedingten Ausschluss aller Athleten von den Paralympics

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Alle russischen Athleten auszuschließen, hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) nicht gewagt. Das Paralympische schon. Die Entscheidung des IPC, bei den Spielen in Rio, die am 7. September eröffnet werden sollen, keine Russen an den Start gehen zu lassen, ist am Dienstag vom Internationalen Sportgerichtshof CAS bestätigt worden. Eine solche Kollektivstrafe wegen schwerwiegender Dopingvergehen hatte es zuvor noch nie gegeben.

Formal gesehen hat das IPC nicht jeden einzelnen behinderten russischen Sportler gesperrt, sondern deren Nationales Paralympisches Komitee (RPC). Das hatte noch während der Olympischen Spiele bei der Ad-Hoc-Kammer des CAS in Rio Einspruch gegen die Strafe eingelegt, doch das höchste Sportgericht stellte nun fest, dass das IPC keine Regeln gebrochen habe. Und der Bann sei »unter den gegebenen Umständen angemessen«, urteilten die Richter.

Grundlage der Sperre ist der Bericht von Richard McLaren. Der Kanadier war im Auftrag der Welt-Antidoping-Agentur WADA Hinweisen nachgegangen, dass das Dopingkontrolllabor bei den Olympischen und Paralympischen Winterspielen in Sotschi 2014 positive Proben russischer Athleten heimlich gegen saubere ausgetauscht hätte. Dafür fand McLaren nicht nur Beweise, er deckte zudem auf, dass das Moskauer Labor im Auftrag des Sportministeriums über Jahre positive Analyseresultate als negativ deklarierte und später Beweise dafür vernichtete. Das IPC ließ McLaren daraufhin weitere Proben von den Spielen 2014 testen, bei denen sein Team erneut Manipulationen nachwies.

Der CAS hatte der russischen Seite Gelegenheit gegeben, sich reinzuwaschen, obwohl es nur überprüfen musste, ob das IPC formal regelkonform gehandelt hatte. Am Dienstag stellte das Gericht jedoch fest, dass das RPC »keine Beweise erbracht hat, die die Fakten widerlegen, die der Entscheidung des IPC zugrunde liegen«. Dies beruhigte vor allem einen Mann: Philip Craven, Präsident des IPC. »Die Entscheidung unterstreicht unseren starken Glauben daran, dass Doping absolut keinen Platz im paralympischen Sport hat. Sie verbessert zudem unsere Chance, für einen fairen Wettbewerb zu sorgen.«

Jubeln wollte Craven trotzdem nicht, schließlich habe das IPC »große Sympathien für die russischen Athleten, die die Spiele von Rio nun verpassen werden. Dies ist ein trauriger Tag für die paralympische Bewegung, aber wir hoffen, auch einer des Neuanfangs, der als Katalysator für einen Wandel in Russland wirkt. Dann können wir das Russische Paralympische Komitee wieder als Mitglied aufnehmen, in dem Wissen, dass es all seinen Verpflichtungen nachkommt, um einen fairen Wettbewerb zu garantieren«, teilte Craven mit.

Wie schon die ursprüngliche Sperre rief auch deren Bestätigung die erwartbaren Reaktionen hervor. Die Russen reagierten entsetzt und mit Schuldzuweisungen an den Westen; der Westen wiederum begrüßte das Urteil, während sich die meisten Sportler zerrissen zeigten zwischen dem Ruf nach einem wirksamen Antidopingkampf und dem Mitleid mit den russischen Kollegen.

Russische Twitter-Nutzer belegten sowohl das IPC als auch den CAS am Dienstag mit wüsten Beschimpfungen, und Sportminister Witali Mutko bezeichnete das Urteil als »eher politisch denn legal«, ohne auch nur anzudeuten, wer die politischen Profiteure sein sollen. Zudem ließ er verlauten, es habe keinen Grund für einen Ausschluss gegeben. Dabei ignorierte er erneut den McLaren-Bericht, in dem er selbst mindestens der Mitwisserschaft bei Manipulation und Austausch von Proben beschuldigt wird. Die achtfache Paralympics-Siegerin Oksana Sawtschenko zeigte sich »geschockt. Wir waren alle sicher, dass wir fahren dürfen. Manche sind sogar schon in Rio und bereiten sich dort auf die Spiele vor. Für einige war es die letzte Chance, mal an den Paralympics teilzunehmen«, berichtete die sehbehinderte Schwimmerin.

Der Deutsche Behindertensportverband begrüßte hingegen die Sperre. »Dieses Urteil ist ein Zeichen für konsequente Null-Toleranz-Politik in Sachen Doping, die dem Sport ein Stück Glaubwürdigkeit zurückgibt«, sagte Präsident Friedhelm Julius Beucher. Saubere russische Sportler müssten sich ans RPC und das Sportministerium wenden. Diese hätten ihnen durch vertauschte und manipulierte Proben die Möglichkeit genommen, ihre Unschuld zu beweisen. »Es ist aber klar, dass dies nur der erste Schritt sein kann. Denn gedopt wird nicht nur in Russland«, so Beucher.

Ähnlich äußerte sich Leichtathlet und Paralympicssieger Heinrich Popow. Wenn dieser Schritt der erste und gleichzeitig der letzte Schritt sei, wäre er lächerlich. »Dann fände ich es den russischen Athleten gegenüber unfair. Weil ich weiß, dass es in anderen Ländern genauso stinkt.« Weitspringer Markus Rehm sagte: »Zum einen blutet mir das Herz für die Sportler, die sauber sind. Für die tut es mir unfassbar leid. Auf der anderen Seite müssen wir ein Statement setzen.«

Es wird erwartet, dass einige russische Athleten nun individuell vor dem CAS ihren Start einklagen wollen. Die Erfolgschancen sind jedoch gering. Und eine Hintertür, wie sie der Leichtathletikweltverband IAAF und das IOC bei den Nichtbehinderten offen ließ, gibt es dieses Mal auch nicht.

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