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Epidemie sucht Jamal-Halbinsel heim

Milzbrand-Katastrophe im russischen Norden befällt Huftiere und Menschen und forderte bereits ein Todesopfer

  • Von Elke Windisch, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der Körper des Zwölfjährigen war mit eitergefüllten Bläschen bedeckt, die in der Mitte einen schwarzen Punkt hatten. Es war ein Krankheitsbild, das keiner deuten konnte. Nicht die Ärzte im Krankenhaus von Salichard, der Hauptstadt des Autonomen Bezirks der Jamal-Nenzen, nicht die per Videokonferenz zugeschalteten Kollegen. Darunter die erfahrensten Spezialisten für Infektionskrankheiten aus ganz Russland. Es war Milzbrand, eine Krankheit, die seit mehr als einem Menschenalter als besiegt gilt. Seit Ende Juli wütet sie nun erneut auf der arktischen Jamal-Halbinsel.

Anthrax – so der lateinische Name für Milzbrand – befällt Huftiere und Menschen und wird durch Sporen hervorgerufen, die extrem widerstandsfähig sind, sich rasend schnell verbreiten und schon in geringen Dosen tödlich sein können. Bei Lungenmilzbrand – der schwersten Form – gibt es selbst bei sofortiger Behandlung meist keine Rettung.

Anfang August verhängte Gouverneur Dmitri Kobylkin den Ausnahmezustand und bat die Zentralregierung in Moskau um Hilfe. Die schickte statt Katastrophenschützer Soldaten: Spezialeinheiten für Entseuchung nach Angriffen mit biologischen und chemischen Waffen. Derzeit sind über 200 Soldaten im Einsatz.

Zwar gelang es ihnen bereits, die Seuchenherde unter Kontrolle zu bringen und weiträumig abzusperren. Und der Junge, der kurz nach der Videokonferenz starb, ist das bisher einzige Todesopfer. Doch etwa 70 weitere Patienten schweben derzeit noch in akuter Lebensgefahr. Und niemand mag neue Fälle ausschließen.

Die Evakuierung aus den Gefahrenzonen – hunderte Menschen kampieren derzeit in Zeltlagern – sei viel zu spät angelaufen, kritisieren Organisationen der Zivilgesellschaft. Die Impfung der riesigen Rentierherden – sie sind die Lebensgrundlage der Tundra-Nomaden – ebenfalls. Ein Gesetz, das die Halter dazu verpflichtete, wurde im Jahr 2007 als überflüssig kassiert: Letztmalig war die Seuche auf der Eismeer-Halbinsel 1941 ausgebrochen. Über 3000 Tiere sind nun bereits verendet. Die Kadaver werden einfach verbrannt, der durch das Feuer entstehende Wind trägt die Sporen in bisher nicht verseuchte Gebiete.

Wegen der guten »Flugeigenschaften« und ihrer Resistenz entdeckten die Militärs Anthrax-Sporen schon früh als biologische Waffe. Seit 1972 sind sie international geächtet. Die UNO-Konvention habe Lücken, warnten Experten schon damals. Die USA und die Sowjetunion hätten sie weiter im Giftschrank. Die Ängste waren begründet.

1979 »entfleuchten« Sporen aus dem Geheimlabor Swerdlowsk-19. Weniger als ein Gramm. Aber genug, um etwa hundert Menschen ins Jenseits zu befördern. Sie hatten infiziertes Rindfleisch gegessen. Boris Jelzin, damals Parteichef in Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg, machte die Tragödie nach dem Ende der Sowjetunion 1991 publik. Verschwörungstheoretiker wähnten dennoch biologische Diversion und den langen Arm der CIA mit im Spiel und sahen sich bestätigt, als die Vereinigten Staaten kurz danach aus den Verhandlungen über ein Zusatzprotokoll ausstiegen, das die Schlupflöcher der UNO-Konvention dicht machen sollte.

Die derzeitige Milzbrand-Katastrophe auf der Jamal-Halbinsel hat indes mit biologischer Kriegsführung nichts zu tun. Wissenschaftler vermuten als Ursache den Klimawandel, der den Permafrostboden im Sommer tiefer als bisher auftaut. Durch die dabei entstehenden Verwerfungen würden Leichen und Tierkadaver von Epidemien vor Jahrzehnten an die Erdoberfläche gedrückt und auftauen. Und damit auch die Anthrax-Sporen, die selbst im ewigen Eis mehrere Jahrhunderte überleben können.
Seine wichtigste Aufgabe sieht Gouverneur Kobylkin derzeit darin, zu verhindern, dass die Epidemie auf andere Regionen Russlands überspringt. Dass es noch nicht geschah, hat vor allem damit zu tun, dass die Jamal-Halbinsel schwer erreichbar und extrem dünn besiedelt ist. Auf 117 000 Quadratkilometern leben gerade einmal 16 000 Menschen.

Das dämpfe auch die Verbreitung im eigenen Verwaltungsbezirk, glaubt der Gouverneur und hofft, den Ausnahmezustand am 1. September außer Kraft setzen und die Zeltstädte abbrechen zu können. Denn spätestens dann kommt der erste Frost. Und nur vier Wochen später die Polarnacht.

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