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AfD - Die Partei der enttäuschten Arbeitslosen

Eine Studie des Forschungsinstituts DIW widmet sich den Anhängern der Alternative für Deutschland

Der Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD) scheint unaufhaltsam. Bundesweit liegen die Rechtspopulisten derzeit bei elf Prozent. Wenn am 4. September in Mecklenburg-Vorpommern gewählt wird, könnte die islamfeindliche Partei gar stärkste Kraft werden. Immer wieder stellen sich Parteienforscher die Frage, wer denn die AfD wählt. Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz machten überdurchschnittlich viele Arbeitslose und Arbeiter ihr Kreuz bei den Fremdenfeinden. »Die AfD wird zu großen Teilen von jenen gewählt, die jahrzehntelang als sozialdemokratische Kernklientel galten - aber die SPD spätestens seit der schröderschen Agenda-Politik nicht mehr wählen«, resümierte die »Zeit«. Doch stimmt diese Einschätzung?

Beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wollte man es genauer wissen und wertete dafür die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (Soep) aus. In der Langzeitstudie Soep werden seit 1984 jedes Jahr mehrere tausend Menschen zu Themen wie Einkommen, Erwerbstätigkeit und Parteibindung befragt.

Eben jene Teilnehmer mit Parteibindung schauten sich DIW-Experte Martin Kroh und Karolina Fetz von der Berliner Humboldt-Universität genauer an. Etwa die Hälfte aller Bundesbürger fühlt sich einer Partei über einen längeren Zeitraum verbunden. Eine ausgeprägte Bindung an die AfD kann es eigentlich nicht geben, würde man als Laie vermuten. Schließlich gibt es die selbst ernannte Alternative erst seit Februar 2013. Trotzdem gaben 4,5 Prozent aller Soep-Teilnehmer mit Parteibindung an, der AfD zuzuneigen. »Damit liegt sie über dem langjährigen Mittelwert der FDP«, betonte DIW-Forscher Kroh. Die Liberalen hatten im Schnitt nie mehr als vier Prozent treue Anhänger.

Die Ergebnisse der Studie scheinen zu bestätigten, was sich nach den Landtagswahlen im März zeigte: Insbesondere bei Arbeitslosen und Arbeitern schneidet die Partei überdurchschnittlich gut ab. 15 Prozent der Arbeitslosen und elf Prozent der Arbeiter gaben an, sich mit der AfD verbunden zu fühlen. Zum Vergleich: Unter den Beamten hat die AfD nur ein Prozent treue Anhänger und bei den Angestellten vier Prozent. Offenbar ist die strategische Neuausrichtung der AfD als »Partei des kleinen Mannes«, wie Parteivize Alexander Gauland es formulierte, ziemlich erfolgreich. Denn im Jahre 2014 lag der Arbeiteranteil noch bei zwei Prozent und unter den Arbeitslosen kam man nur auf ein Prozent. Da stand die »eurokritische« AfD noch im Ruf einer neoliberalen »Professorenpartei«.

Die DIW-Studie bildet zudem einen Trend ab, der sich bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt abzeichnete, wo die AfD bei Wählern unter 44 Jahren stärkste Kraft wurde. Auch bei den Wählern mit Parteibindung schneidet die AfD am besten bei jüngeren Menschen ab: Zehn Prozent der unter 30-Jährigen fühlen sich der AfD verbunden, bei den über 60-Jährigen gilt das nur für drei Prozent.

Die Auswertung des DIW scheint auch zu belegen, dass die AfD viele Enttäuschte anzieht. 26 Prozent derjenigen, die sich als »sehr unzufrieden« mit der Demokratie zeigen, haben eine Affinität zur AfD. Und so scheint es nicht verwunderlich, dass unter jenen, die sich selbst politisch »sehr rechts« verorten, aktuell 22 Prozent eine Präferenz für die AfD haben. Offenbar zeigt der Rechtsruck in der Parteispitze Wirkung, denn ein Jahr zuvor fühlten sich erst acht Prozent der ganz Rechten von der AfD angesprochen.

Bei einigen Ergebnissen der Studie ist jedoch Vorsicht geboten. So meldeten die Agenturen: »Aktuell wird der Anteil der AfD-Anhänger für die neuen Bundesländer mit elf Prozent mehr als dreimal so hoch geschätzt wie für Westdeutschland.« Das scheint mit Blick auf die aktuellen Umfragen nicht haltbar. Während die Rechtspopulisten im Westen auf elf Prozent kommen, sind es im Osten 19 und keinesfalls 33 Prozent, wie die Agenturen suggerieren. Laut Studie beträgt der Anteil von Menschen mit Parteibindung, die im Osten zur AfD neigen, elf Prozent, im Westen drei Prozent. Studienmacher Kroh räumte am Mittwoch ein, dass seine Studie viele blinde Flecken habe. So lässt sie etwa die Nichtwähler außen vor. Dabei kamen aus dieser Gruppe die meisten AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt.

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