Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Unendlich ermattete Menschen

Vor 80 Jahren wurde Sinowjew im ersten Moskauer Schauprozess verurteilt. Von Nelli Tügel

Ende August 1920 begibt sich Grigori Sinowjew - zu dieser Zeit Vorsitzender der Dritten (Kommunistischen) Internationale - auf eine fünftägige Reise mit dem Zug von Moskau nach Baku in Aserbaidschan. Dort soll der »Erste Kongress der Völker des Ostens« stattfinden. Über 2000 Delegierte aus der arabischen Welt, dem Iran, dem Kaukasus, der Türkei, Indien und weiteren Ländern folgen der Einladung der Komintern, die mit dem Kongress nationalen Befreiungsbewegungen die Hand auszustrecken versuchte.

Im Zug sitzen auch der Komintern-Generalsekretär Karl Radek und internationale Größen der kommunistischen Linken wie der Franzose Alfred Rosmer und der US-amerikanische Journalist John Reed. Letzterer stirbt kurz darauf im Oktober 1920 mit nur 32 Jahren in Moskau. Auf der Strecke sind die Verheerungen des Bürgerkriegs zu besichtigen. An vielen Orten auf der Route legt die Reisegesellschaft eine Pause ein und spricht zu an den Bahnhöfen versammelten Arbeitern und Soldaten.

Der 37-jährige Sinowjew ist zu dieser Zeit ein gefragter Agitator, er strahlt Autorität und für jene, die auf die Oktoberrevolution setzen, auch Hoffnung aus. Doch im Spätsommer 1920 ist auch die Krise des jungen Regimes spürbar, Hunger und Krankheiten grassieren. Und einige der internationalen Intellektuellen, die die Bolschewiki unterstützen, hegen erste Zweifel an der Umsetzung des sozialistischen Traums. Sinowjew aber arbeitet verbissen an der Verwirklichung und hält die Fäden der Internationale straff in der Hand. Als John Reed seine Mitfahrt auf dem Propaganda-Zug zunächst absagen wollte, verwies ihn Sinowjew auf einen entsprechenden Parteibeschluss.

Nur 16 Jahre später: Im ersten Moskauer Schauprozess wird Sinowjew am 24. August 1936 zum Tode verurteilt und wenig später hingerichtet. Generalstaatsanwalt war der spätere sowjetische Außenminister Andrei Wyschinski. Damit saß dem Bolschewisten der ersten Stunde ein ehemaliger Menschewist gegenüber, der noch 1917 einen von der Kerenski-Regierung erlassenen Haftbefehl gegen Lenin und Sinowjew unterschrieben hatte und erst 1920 in die Kommunistische Partei eingetreten war. »Erschießt sie wie die Hunde!« rief Wyschinski den Angeklagten zum Abschluss dieser Karikatur eines Prozesses entgegen.

Am Ende seines Lebens war Sinowjew gebrochen von der Folter und gestand alles, was ihm zur Last gelegt wurde. Er übernahm die Verantwortung für den Mord an dem Leningrader Parteisekretär Sergej Kirow 1934, der vorgeschobener Anlass für den Prozess war. Nach einem Leben, das Sinowjew ganz in den Dienst der sozialistischen Revolution gestellt hatte, gestand er nun, an der Restauration des Kapitalismus gearbeitet zu haben. Eines der vielleicht erschütterndsten öffentlichen Bekenntnisse aus der Zeit des Großen Terrors ist folgende Erklärung, die Sinowjew im Prozess abgab: »Ich möchte noch einmal sagen, dass ich mich voll und ganz schuldig bekenne. Ich bin schuldig, nach Trotzki der zweite Organisator des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks gewesen zu sein, der sich das Ziel steckte, Stalin … und eine Reihe anderer Führer der Partei und der Regierung zu ermorden. Ich bekenne mich schuldig, der Hauptorganisator des Mordes an Kirow gewesen zu sein … Mein defekter Bolschewismus hat sich in Antibolschewismus verwandelt und über den Trotzkismus bin ich zum Faschismus gelangt. Der Trotzkismus ist eine Abart des Faschismus, der Sinowjewismus aber eine Abart des Trotzkismus.«

Leo Sedow, Sohn Leo Trotzkis, schrieb in seinem »Rotbuch« über diesen ersten Moskauer Prozess: »Die alten Bolschewiki saßen ganz gebrochen, niedergedrückt da, antworteten mit erloschener Stimme, weinten gar. Sinowjew ist abgezehrt, gebückt, weißhaarig, hohlwangig. Mratschkowski spuckt Blut, verliert das Bewusstsein und muss hinausgetragen werden. Sie alle sehen aus wie gehetzte und unendlich ermattete Menschen.« Die meisten dieser alten Bolschewiki sind von der Geschichte regelrecht verschlungen worden.Während Lenin, Trotzki oder Stalin beliebter Gegenstand von Biografien, umstrittenen Thesen und Debatten sind, hat einer wie Sinowjew in der Geschichtsschreibung kaum mehr als einen Schatten hinterlassen. Dabei ist sein Leben mit den Ereignissen der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eng verwoben.

Als Owsej-Gerschen Aronowitsch Radomyslski war er am 23. September 1883 in eine jüdische Familie geboren worden und seit 1903 Bolschewist. Kein großer Theoretiker, sondern ein pragmatischer Politiker. Er nahm an den internationalen sozialistischen Konferenzen in Zimmerwald und Kienthal teil, war Lenins Begleiter im Exil und kehrte gemeinsam mit ihm im Frühjahr 1917 nach Russland zurück.

Dort wurden in den nächsten Monaten unter den Bolschewiki leidenschaftliche Debatten geführt. Sinowjew avancierte zum Sprachrohr derjenigen, die an Lenins Vorschlägen zweifelten. Er lehnte dessen Aprilthesen ab. Bekannt ist auch, dass er im Oktober 1917 den Aufstandstermin der Bolschewiki in Maxim Gorkis Zeitung »Nowaja Shisn« (Neues Leben) öffentlich machte und gegen den Plan zum Aufstand argumentierte. Nach der Machtübernahme aber stellte sich Sinowjew wieder voll in den Dienst der Revolution, als Vorsitzender des einflussreichen Petrograder Sowjets und als erster Vorsitzender der Komintern. Als solcher war er verantwortlich für den schon erwähnten Kongress der Völker des Ostens in Baku. Auch in Deutschland hatte Sinowjew seine Finger im Spiel, als er als Komintern-Gesandter den gescheiterten Aufstandsversuch der KDP 1923 begleitete. Vielen Historikern gilt er auch als brutaler Verfolger derer, die die Sowjetherrschaft ablehnten.

Als Lenin 1923 zunächst schwer erkrankte und 1924 starb, verbündete sich Sinowjew mit Lew Kamenew und Josef W. Stalin zum Dreierbund gegen Leo Trotzki. Sinowjew war zunächst der Kopf dieses Triumvirats, doch ebnete er durch das Bündnis dem bis dahin in der zweiten Reihe stehenden Stalin den Weg zu immer mehr Macht. Als Sinowjew dies bemerkte, schloss er sich mit Trotzki zusammen und versuchte ab 1926 mit Hilfe der »Vereinigten Opposition«, Stalins Aufstieg noch aufzuhalten. Dafür wurde er im Juli 1926 aus dem Politbüro und 1927 aus der Partei ausgeschlossen. Im Jahr darauf kapitulierte Sinowjew schließlich vor Stalin. Es folgten die Wiederaufnahme in die Partei, dann erneuter Ausschluss sowie Verbannung und schließlich die zweite Wiederaufnahme 1933. Sinowjew - der oft selbstbewusst seine Meinung vorgetragen hatte - ertrug seit dem Ende der 1920er Jahre alle Demütigungen an sich selbst und an anderen, muckte nicht mehr auf und hielt den Kopf stets gesenkt. Es nützte im nichts.

Der Große Terror traf die Bevölkerung, Eliten und Parteifunktionäre der Sowjetunion gleichermaßen. Während die meisten der Opfer dieser Jahre sang- und klanglos verschwanden, wurde mit den Schauprozessen ein großes Spektakel veranstaltet, um die endgültige Auslöschung der Generation alter und weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus bekannter Bolschewiki öffentlich zu inszenieren. Neben Sinowjew saß im August 1936 als prominenter Parteikader auch Lew Kamenew auf der Anklagebank. Der ebenfalls angeklagte Trotzki befand sich zu diesem Zeitpunkt im norwegischen Exil. Sinowjews Generalsekretär aus den frühen Zeiten der Komintern, Karl Radek, musste 1937 im zweiten Schauprozess dran glauben.

Knapp zwanzig Jahre nach der Oktoberrevolution fand in der Sowjetunion eine der bis heute größten und grausamsten Kommunistenverfolgungen in der Geschichte statt. Ein Schrecken, der auch 80 Jahre danach nur schwer zu fassen ist.

Unsere Autorin ist Mitglied der Historischen Kommission der Linkspartei. Am 28. August 2016, 14 Uhr, führt Prof. Jürgen Hofmann auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde an die Gräber deutsche Emigranten und Facharbeiter, die Opfer von Stalins Terrors wurden (4 €, erm. 2 €, bis 14 Jahre frei).

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln