Ein Jungsteinzeit-Brunnen im Labor

Sächsischen Archäologen gelingt spektakulärer Fund aus der Zeit vor 7000 Jahren

  • Von Hendrik Lasch, Groitzsch
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Kopf ist ab. Rippen, Wirbel und Beine des Lamms, das vor 7000 Jahren im hölzernen Schacht eines Brunnens landete, sind intakt; der Schädel aber liegt abseits und scheint zudem gespalten. Ein Rätsel, sagt Frank Schell, Leiter einer Grabung des sächsischen Landesamtes für Archäologie im Süden von Leipzig. Wurde hier ein Kadaver entsorgt? Spielte das Tier eine Rolle bei einer Opferhandlung? All das, sagt Schell, »sind Fragen, die wir uns jetzt stellen müssen.«

Besser: stellen können. Denn Kollegen von Schell gerieten bisher gar nicht in die Verlegenheit. Zwar meidet der Archäologe das Wort »Sensation«. Dass aber der Fund des Skeletts eines Lamms aus der Jungsteinzeit alles andere als alltäglich ist, räumt er ein: »So etwas hat man bisher in Brunnen nicht gefunden.«

Die Entdeckung, die Schell in einer Halle in Groitzsch präsentiert, ist nicht der erste spektakuläre Fund in einem Brunnen aus der Zeit vor 7000 Jahren, der in Sachsen gemacht wurde. Im Freistaat stößt man außergewöhnlich oft auf solche Anlagen: Von 43 Brunnen aus der Jungsteinzeit, die bisher in Europa auftauchten, liegen allein 13 im Freistaat. Entdeckt wurden sie beim Bau des Flughafens sowie des BMW-Werks in Leipzig, bei der Errichtung einer Straße, meist aber bei der Untersuchung von Flächen, die danach von Schaufelradbaggern bei der Braunkohlenförderung umgewühlt wurden. Der Brunnen mit dem Lamm wurde am Rande des Tagebaus Schleenhain entdeckt. Weil der Bagger schon nah war, entschied man sich, ihn im Block zu bergen. Ein Würfel von gut drei Metern Kantenlänge und 32 Tonnen Gewicht wurde in Holz und Stahl verpackt und dann in der Halle geparkt, ein Kraftakt, der ohne die finanzielle Hilfe des Kohleförderers Mibrag nicht möglich gewesen wäre.

Nun haben Schell und zwei Kollegen genug Zeit, um sich Zentimeter für Zentimeter durch die Sedimente im Brunnenschacht zu arbeiten. Neben dem Skelett können sie auf weitere wertvolle Funde hoffen; bei der Untersuchung von früher entdeckten Brunnen stieß man auf Scherben von Keramik, aber auch auf Gefäße und Seile aus Rindenbast, auf Überreste von Insekten oder Samen von Getreidearten wie Emmer und Einkorn. Viele dieser Funde könnten nur im Inneren früherer Brunnen überdauern, sagt Schell: Der feuchte Untergrund bewahre sie vor der in trockener Umgebung üblichen Zersetzung.

Die Brunnen und ihr Inhalt liefern wertvolle Informationen über die Zeit vor 7000 Jahren, als die Menschen in Europa sesshaft geworden waren und nach der »neolithischen Revolution« neben Tierhaltung auch Ackerbau betrieben. Zu den Fähigkeiten, die sie erlangt hatten, gehörte die Bearbeitung von Holz: Für die Brunnen wurden Eichenstämme mit Äxten aus angeschliffenem Stein bearbeitet und in Blockbauweise gefügt - »ausgefeiltes Zimmermannshandwerk«, wie Schell sagt. Nach der Arbeit ließ man es sich dann offenbar auch gut gehen: Reste von Mohn deuten darauf hin, dass die Bauern der Jungsteinzeit auch im Gebrauch von Drogen bereits bewandert waren. Durch die Untersuchung von Pollen erhoffen sich die Archäologen weitere Erkenntnisse, etwa dazu, ob sich rund um die Brunnen bereits offenes Grasland oder noch Wald erstreckte. Bis Ende 2017 werden die Arbeiten mindestens noch andauern.

Interessierte können den Wissenschaftlern regelmäßig über die Schulter schauen, etwa zum »Tag des offenen Denkmals« am 11. September, an dem es zwischen 10 und 15 Uhr stündlich Führungen gibt. Und danach kann man vor der Halle mit dem Brunnen darüber sinnieren, welch erstaunliche Fähigkeiten die Vorfahren der heutigen Bewohner schon vor 7000 Jahren hatten. Auch wenn vorerst unklar ist, warum sie ein fast intaktes Lamm in einen Brunnen warfen.

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