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Sonnenmilch und Blockaden

Das Klimacamp im Rheinland endet am Montag

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Erkelenz am Samstagmorgen gegen acht Uhr. An einem Bauzaun gegenüber des Bahnhofs steht - flankiert vom »A« der anarchistischen Bewegung - die Parole »Wer das Geld hat, hat die Macht«. Minibusse fahren von hier einzelne Aktivisten zum Klimacamp in Lützerath. Ein regulärer Bus fährt nicht in das winzige Dorf am Niederrhein. Von der Landstraße durch Büsche und Bäume abgetrennt liegt das Camp um diese frühe Uhrzeit noch im Tiefschlaf, nur vor den selbstgebauten Komposttoiletten stehen die Menschen schon Schlange. Die Toiletten sind ein wichtiger Ort des sozialen Austausches. Auf Zetteln finden Diskussionen über Protestformen und die Legitimität von militanten Aktionen statt.

Wenig später gehen kleine Gruppen von Klima-Aktivisten in die Orte Borschemich und Immerath. Immerath ist eines der Dörfer, die ab 2018 dem Tagebau »Garzweiler 2« zum Opfer fallen sollen. Die Straßen im Dorf sind leer, Fenster und Türen der meisten Häuser mit Sperrholzplatten verschlossen. Nur im alten Dorfkern ist heute Leben, vor der Kirche findet die Auftaktkundgebung der Demonstration von Immerath, entlang der Abbruchkante des Tagebaus, nach Jackerath statt. Am Morgen sind die Temperaturen noch erträglich, und so spielen viele Aktivisten Frisbee oder jonglieren, andere fragen nach Sonnenmilch oder bieten eigene an. Die etwa 120 Demonstranten werden kritisch von einer Hundertschaft der Polizei beäugt.

An einem der wenigen noch bewohnten Häuser steht ein junger Mann mit seiner Tochter und schaut sich die Demonstration an. Man gewöhne sich an das Leben in einem »Geisterdorf« erzählt er. Derzeit befände sich seine Familie mit dem Stromkonzern RWE in Verhandlungen über den Verkauf des Hauses. Eine Einigung sei wichtig, denn vor Gericht könne man Glück oder Pech haben. Pech bedeute, dass man nur den Verkehrswert des Hauses bekomme. Die Ziele des Klimacamps findet er gut, selbst mitdemonstrieren möchte er aber nicht. Sowas bekomme RWE »irgendwie« heraus, und dann sei man als Gegner abgestempelt.

Dann zieht die Demonstration mit lauten Sprechchören gegen den Klimawandel durch das fast leere Dorf. Weiter geht es über Feldwege in Richtung des »Skywalk«, einer RWE-Aussichtsplattform über dem Tagebau. Überall in den Feldern sind Polizeieinheiten postiert, eine Reiterstaffel patrouilliert. An der Ausfahrt für die Tagebau-Beschäftigten hält die Demo eine Kundgebung ab, die meisten Demonstranten ziehen danach nicht weiter nach Jackerath, sondern bleiben auf der Straße sitzen oder liegen. Damit, so erklärt Klima-Aktivistin Johanna, habe man eine wichtige Zufahrt für RWE blockiert. Das sei eine »niedrigschwellige Aktion«, hier könne jeder mitmachen, dies sei wichtig für die Klimabewegung. In den nächsten zwei Stunden passiert dann kaum etwas. Die Polizei zieht sich fast komplett aus dem Umfeld der Blockade zurück, einzelne Demonstranten schlafen auf der Straße. Friedlicher Protest wie aus dem Lehrbuch. Doch dann reagiert die Polizei - gut abgepasst, die Demonstranten haben gerade begonnen das Mittagessen auszuteilen. Zwei Hundertschaften eilen heran. Noch vor der dritten Aufforderung, die Blockade zu beenden, schubsen Beamte einzelne Menschen von der Straße. Einigen fliegt der gerade ausgeteilte Teller Suppe aus den Händen. Im Polizeibericht ist später von »Bewurf mit Lebensmitteln« die Rede. Zwei Aktivisten werden in Gewahrsam genommen.

Am frühen Abend sind fast alle Demonstranten wieder im Camp. Aktivist Milan zieht eine positive Bilanz des Tages. Am Morgen hätten es einige in den Tagebau geschafft und die Förderbänder stillgestanden. Auch die Demonstrationen seien gut gelaufen.

Am Montag endet das Klimacamp. Im nächsten Jahr soll der Protest wieder größer werden, das Bündnis »Ende Gelände« soll ins Rheinland kommen. Dann könne man mit tausenden Menschen und verschiedenen Aktionsformen für einen längeren Stopp des Kohleabbaus sorgen.

Eine für Freitag geplante Demonstration der Gewerkschaft IG BCE gegen das Klimacamp und für den Erhalt der Arbeitsplätze im Tagebau wurde »aus logistischen Gründen« kurzfristig abgesagt. Auch Anwohner aus Immerath hätten die Gewerkschafter gebeten, die Demonstration nicht in ihrem Ort stattfinden zu lassen. Denn begeistert sind die verbliebenen Immerather nicht von der bevorstehenden Umsiedlung. Das Klimacamp genießt dort einen gewissen Rückhalt.

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