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Eine Festung für den rechten »Freefight«

1000 Antifaschisten demonstrieren in Leipzig gegen einen Kampfabend unter Rassisten

  • Von Max Zeising, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.

Mehrere Hundert Menschen versammeln sich im Leipziger Stadtteil Connewitz. Ihr gemeinsames Ziel an diesem Sonnabend: der Kohlrabizirkus. Eine Zirkusvorstellung wollen sich die zumeist jungen Männer und Frauen nicht anschauen. Vielmehr sind sie gekommen, um gegen die »Imperium Fighting Championship« - einen Kampfsportwettbewerb der Kategorie »Mixed Martial Arts« (MMA) - zu demonstrieren. Ihr Vorwurf: Die Veranstaltung dient Teilnehmern und Zuschauern als Versammlungsort des rechten Spektrums.

So stammt laut der Kampagne »Rechte Netzwerke zerschlagen!« der Trainer des gastgebenden »Imperium Fight Teams«, Benjamin Brinsa, aus der rechtsradikalen Fanszene des Regionalligisten 1. FC Lokomotive Leipzig und war ein Führungsmitglied der mittlerweile aufgelösten Hooligangruppe »Scenario Lok«. Neben klassischen antifaschistischen Parolen positionieren sich die Demonstranten daher auch auf sportlicher Ebene mit: »Scheiß L.O.K.!«. Unterstützt wird die Demo vom linken Connewitzer Fußballverein Roter Stern Leipzig.

Währenddessen am Kohlrabizirkus: Junge Männer mit kurzgeschorenen Haaren warten auf den Einlass. Polizisten sind hingegen kaum zu sehen, obwohl die Atmosphäre angespannt ist. Doch als der Autor beginnt, sich ein wenig umzusehen, wird er prompt von zwei Polizisten nach dem Ausweis gefragt. »Gefahrenlage«, begründet der Ordnungshüter und notiert Name und Adresse. Später wird der Reporter noch einmal den Ausweis abgeben müssen. Er hatte gefragt, warum ein Demonstrant von einem Polizisten geschubst wurde.

Noch gereizter wird die Stimmung, als die mittlerweile 1000 Antifaschisten den Kohlrabizirkus erreichen. Zwar werden keine Böller geworfen, jedoch verletzt ein Besucher der »Imperium Fighting Championship« einen Journalisten mit einer Glasflasche. Die Linken beschweren sich, dass die Polizei derweil nur die Antifademo im Blick habe. Mittlerweile haben die Beamten das Gelände abgesperrt, lassen niemanden mehr hinein, auch keine Journalisten. »Das ist eine geschlossene Veranstaltung«, sagt ein Polizist, obwohl jeder dafür Eintrittskarten erwerben konnte.

Was sich in der Halle abspielt, entzieht sich also den Augen Außenstehender. Insgesamt 13 Kämpfe standen in unterschiedlichen Gewichtsklassen auf dem Programm. Neben vier Kämpfern des »Imperium Fight Teams Leipzig« starteten Sportler aus der Region - aus Halle, Magdeburg, Dresden, Erfurt und Gera - wie auch aus dem Ausland. Gekämpft wurde nach den Regeln der »Mixed Martial Arts«, der gemischten Kampfkünste, wobei verschiedenste Schlag- und Tritttechniken erlaubt sind. Alten Stereotypen zufolge könnte man meinen: Der »Freefight« wäre genau das Richtige für Rechte.

Jedoch sind »Mixed Martial Arts« beileibe kein Kampfsport, der ausschließlich von Neonazis betrieben wird. Erst im Juli wurde die Brasilianerin Amanda Nunes die erste offen lesbische Meisterin des Profiweltverbands UFC. Andere MMA-Wettbewerbe positionieren sich klar gegen Rassismus. Als Benjamin Brinsa am »Respect Fighting Championship« in Essen teilnehmen sollte, klärten Antifa-Aktivisten den Veranstalter über den Leipziger auf, der daraufhin von der Startliste genommen wurde.

Der MMA-Wettbewerb in Leipzig ist da anders gestrickt. Umso notwendiger erscheint den Antifaschisten die Gegendemonstration. Letztlich zeigt sich Laura Ende, Sprecherin der Kampagne »Rechte Netzwerke zerschlagen!«, zufrieden mit dem Verlauf: »Wir haben heute mit 1000 Menschen ein klares Signal an die rechten Kampfsport- und Hooliganstrukturen gesendet. Wer alternative Projekte, People of Color und andere Menschen angreift, hat mit unserem entschlossenen Widerstand zu rechnen.«

Bereits wenige Tage vor dem Wettkampf war es in Leipzig zu gegenseitigen Attacken von Rechten und Linken gekommen. Zunächst verübten Linke einen Brandanschlag auf ein Autohaus, das zu den Sponsoren der »Imperium Fighting Championship« gehörte. In einem Bekennerschreiben auf der Internetplattform »Indymedia« war zu lesen: »Wir übernehmen Verantwortung für den Brandanschlag, bei dem sieben Luxuskarren zerstört wurden.« Der Anschlag beinhalte die Warnung an die anderen Sponsoren, sich nicht auf Geschäfte mit Nazis einzulassen.

Auch die waren bereits im Vorfeld gewalttätig geworden. In der Nacht vor dem Kampfabend hatten 20 bis 30 Rechte versucht, sich gewaltsam Zutritt zu dem im Kohlrabizirkus ansässigen alternativen Klub »Institut für Zukunft« zu verschaffen. Die Polizei hatte zunächst von einem Angriff aus der »linksextremen Szene« gesprochen. Laura Ende hierzu: »Die dreisten Versuche, rechte Gewalt zu leugnen und umzudeuten, werden jedoch zu keinem Erfolg führen. Dazu sind die Behauptungen der Polizei zu absurd.«

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