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»Wir haben mehr Angst vor euch als ihr vor uns«

Die Muslimin Yildiz aus Frankfurt am Main erklärt, warum sie einen Niqab trägt und wie ihr Umfeld darauf reagiert

Von Politikern bis Frauenrechtlerinnen, von Islamwissenschaftlern bis C-Promis: Ganz Deutschland diskutiert derzeit über das Für und Wider eines Burkaverbots. Nur eine Gruppe kommt in der Debatte kaum zu Wort: betroffene Musliminnen wie die 25-jährige Leyla Aysha Yildiz aus Frankfurt am Main. Fabian Köhler hat mir ihr gesprochen.

Seit Wochen wird in Deutschland über ein Verbot islamischer Gesichtsschleier diskutiert. Die Befürworter eines Verbots argumentieren unter anderem mit Terrorabwehr und innerer Sicherheit. Sind Sie gefährlich?
Nein. Ich glaube auch nicht, dass sich jemand einen Niqab überziehen würde, um eine Bank auszurauben. Jeder, der schon einmal einen Niqab getragen hat, weiß dass es ein ziemlich unpraktisches Kleidungsstück ist, um damit Überfälle zu begehen. Wie viele Anschläge wurden denn bisher im Niqab begangen? Ich denke, wir Niqab-Trägerinnen müssen im Alltag mehr Angst vor euch haben als ihr vor uns.

Wie hat sich Ihr Alltag seit Beginn der Burka-Debatte verändert?
Seit der Burka-Diskussion ist es definitiv schlimmer geworden. Angegriffen wurde ich zum Glück noch nie. Aber ich höre immer wieder von Schwestern, die Opfer von Übergriffen wurden. Hin und wieder bekomme ich hasserfüllte Blicke, werde beschimpft und beleidigt oder es kommen dumme Sprüche.

Zum Beispiel?
Neulich stand ich an einer Ampel und wurde gefragt, ob ich jetzt gleich die Bombe hochgehen lasse. Das fand ich schon richtig frech. Sprüche wie »Da kommt ein Geist« oder »Ist schon Karneval?« sind da schon nett. Oft lästern Frauen über mich ab und tun so, als würde ich es nicht hören. Männer machen ihre Sprüche wenigstens direkt. Erschreckend finde ich, dass viele Leute ihre Anfeindungen nicht einmal unterlassen können, wenn meine Kinder dabei sind.

Wie reagiert Ihr privates Umfeld auf den Schleier?
Einige Freunde haben sich distanziert. Aber so sieht man wenigstens, wer die wahren Freunde sind. Und meine Eltern kommen auch nicht damit klar. Für sie ist schon das Kopftuch altmodisch und passt einfach nicht.

Sind Ihre Eltern Muslime?
Nein, ich bin in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen.

Wie kamen Sie zum Islam und auf die Idee, Niqab zu tragen?
Ich bin vor zwei Jahren zum Islam konvertiert. Ich habe mich viel mit dem Thema beschäftigt und mich schnell festgelegt: Ich wollte gleich Khimar tragen und nicht nur ein einfaches Kopftuch. Mein Mann hat mich dann gefragt, wie ich zum Niqab stehe. Ich antwortete, dass ich diese Frauen bewundere, mir das aber für mich selbst nicht vorstellen kann.

Warum sind Sie nicht dabei geblieben?
Der Grund, warum ich keinen Niqab tragen wollte, war kein religiöser. Ich hatte Angst vor Fremdenhass, vor den Blicken und Gewalt. Letztlich entschied ich mich doch dafür, weil ich so akzeptiert werden will wie ich bin und nicht danach beurteilt werden will, was ich anziehe.

Das werden Sie im Niqab doch aber auch. Schränkt Sie der Schleier nicht sehr ein, am öffentlichen Leben teilzunehmen?
Ich trage den Niqab immer, wenn ich aus dem Haus gehe, das heißt, wenn ich ins Kino gehe, wenn ich verreise oder wenn ich mit meinem Mann essen gehe, ohne jegliche Ausnahme. Eingeschränkt fühle ich mich nicht. Ich kann sprechen und atmen genauso mit wie ohne. Im Gegenteil: Ich fühle mich freier mit Niqab und ich kenne sehr viele Schwestern, die das auch so sehen.

Viele Muslime sagen aber auch, dass der Koran Frauen nicht vorschreibt, das Gesicht zu bedecken. Was antworten Sie denen?
Auch aus dieser Richtung bekommen wir schon oft Sprüche zu hören, wie »Das ist jetzt echt zu extrem« oder »Schau mal, wie die jetzt herumläuft«. Zwischen uns Schwestern wird viel diskutiert, weil der Koran nicht detailliert schreibt, wie man sich zu bedecken hat. Viele sind dagegen, weil man damit mehr auffällt und dies soll im Islam vermieden werden. Andere sagen, es sei in der heutigen Zeit Pflicht, um sich zu schützen. Wieder andere halten es nur für Sunnah, also eine Empfehlung.

Manche Muslime werfen Ihnen vor, das Image des Islams zu beschädigen.
Ich denke natürlich nicht, dass wir dem Islam schaden. Ich denke eher, dass jene dem Image des Islam schaden, die sagen, sie seien Muslime, aber sich kaum noch von Christen unterscheiden.

Sie hatten erwähnt, dass Ihr Mann Sie auf den Niqab angesprochen hat. Eine weit verbreite Meinung in der aktuellen Burka-Debatte ist, dass Musliminnen von ihren Männern zum Tragen des Schleiers gezwungen werden. Zwingt er Sie?
Nein, im Gegenteil. Mein Mann hat Angst, wenn ich mit den Kindern aus dem Haus gehe und sagt, dass ich den Schleier abnehmen soll. Aber das kommt für mich nicht in Frage. Ich persönlich denke auch nicht, dass Frauen in Deutschland dazu gezwungen werden.

Wie kommen Sie darauf?
Mir ist ehrlich gesagt noch keine begegnet. Fast alle Männer, deren Frauen Niqab tragen, haben Angst, dass ihre Frauen Opfer von Übergriffen werden. Ich kennen viele Schwestern, deren Ehemänner versucht haben sie zu überzeugen, den Niqab abzulegen. Aber wenn du von deinem Glauben überzeugt bist, kann auch dein Ehemann nichts machen.

Was erzählen Sie Ihren Töchtern über den Schleier?
Ich erzähle ihnen nur das, was unsere Religion vorgibt. Ich denke, jede muslimische Frau, die sich für das Kopftuch entscheidet, wünscht sich das auch für ihre Kinder. Ich will ihnen ein Vorbild sein. So wie andere Kinder von ihren Müttern lernen, dass Schminken und hohe Schuhe zum Erwachsenwerden dazu gehören, so wollen meine Töchter vielleicht auch irgendwann sein wie Mama.

Und wenn Sie sich gegen Kopftuch oder Niqab entscheiden?
Ich würde sie nicht zwingen, denn im Islam gibt es keinen Zwang. Ich würde tun, was jede Mutter macht: mit ihnen reden, versuchen, sie zu verstehen, ihnen die Angst nehmen. Meistens ist es die Angst vor den Reaktionen, die sie davon abhält. Momentan sind meine Töchter vier und acht Jahre alt und tragen kein Kopftuch. Deshalb mache ich mir noch keinen Kopf. Das hat noch Zeit.

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