Die ungefährliche Süße

Orangefarbene Knollen verbessern Zuckertoleranz, Immunsystem und Stressresistenz

  • Von Dorothee L. Weiß
  • Lesedauer: 4 Min.

In Spanien hat die Ernte der Süßkartoffel begonnen, die man auch Batate, Weiße Kartoffel oder Knollenwinde nennt. Sie wartet mit einem appetitlichen orange-rosa Farbton in ihrem Inneren auf und schmeckt angenehm süßlich. Ursprünglich beheimatet ist die »sweet potato« - so die englische Bezeichnung - in Südamerika. Einer Legende nach nahmen frei gelassene Sklaven die stärkereichen purpurroten bis weißlichen Knollen aus Amerika mit nach Afrika. Spanische Eroberer brachten sie noch vor der gewöhnlichen Kartoffel mit nach Europa. In den letzten Jahren wurde die »Rheumaknolle«, wie sie in der Volksmedizin genannt wird, auch in Deutschland bekannter und wird mittlerweile in hiesigen Discountern verkauft.

Die Batate gehört in der botanischen Systematik zwar zur Ordnung der Nachtschattenartigen, aber nicht zur Pflanzenfamilie der Nachtschattengewächse, bei der alle grünen Pflanzenteile giftig sind. Die Süßkartoffel ist ein Windengewächs wie beispielsweise die Ackerwinde und nur sehr entfernt mit der Kartoffel verwandt. In einigen Anbauländern wie China, Israel oder Peru werden die herzförmigen Blätter der wärmeliebenden Süßkartoffelpflanze als Gemüse zubereitet und gegessen.

Vor dem enthaltenen Zucker und der vorhanden Stärke brauchen Zuckerkranke nicht zurückzuschrecken. Die Süßkartoffel mit dem botanischen Namen Ipomoea batatas bringt zusammen mit ihren Energie liefernden Zuckerbausteinen zugleich den Inhaltstoff Caiapo mit, der den Körper bei der Verwertung von Zucker tatkräftig unterstützt. Aufmerksam auf diesen Zusammenhang wurden Wissenschaftler des nationalen Forschungsrates von Italien aufgrund einer Beobachtung in der Region Kagawa in Japan. Hier isst man besonders oft Salate, Currys und Pürees aus Süßkartoffeln. Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes treten in der Region fast gar nicht auf.

In einer wissenschaftlich anerkannten Studie der Universität Wien verabreichte eine Forschergruppe um Prof. Dr. Bernhard Ludvik die Substanz Caiapo über sechs Wochen hinweg drei Mal täglich an 18 Männer mit Typ-2-Diabetes. Das Ergebnis war eine Besserung der Insulinresistenz und eine Senkung des Nüchternblutzuckers bei den Probanden. Auch in einer Studie mit 145 japanischen Patienten mit Typ-2-Diabetes konnte ebenfalls eine Senkung des Blutzuckerspiegels beobachtet werden.

Auch im Hinblick auf zahlreiche Mineralstoffe und Vitamine können sich die Nährwerte der Süßkartoffel sehen lassen. Die Carotine bewirken eine Verbesserung des Vitamin-A-Status. Die Anthocyane aus der süßen Frucht führen zu einer erhöhten Ausschüttung von antientzündlichen Zytokinen wie dem Interleukin IL 4, das eine wichtige Funktion für den Gleichgewichtszustand des Immunsystems ausübt. Das wurde in einer weiteren Studie belegt. Reichlich vorhanden sind in der Knolle darüber hinaus die Vitamine C und E. Sie tragen zusammen mit den Anthocyanen zur wohltuenden Wirkung bei Rheuma bei, was der Süßkartoffel den Ehrentitel Rheumaknolle einbrachte.

Unter den enthaltenen Mineralstoffen sind Kalium, Magnesium und Eisen hervorzuheben. Das überdurchschnittlich vertretene Kalium trägt dazu bei, den Wasser- und Elektrolythaushalt zu regulieren und hilft dem Körper bei der Regulierung des Blutzuckerspiegels.

In Stresssituationen kann die Süßkartoffel einem erhöhten Blutdruck vorbeugen. Um sich auf Flucht oder Kampf vorzubereiten, schüttet der Körper mehr Adrenalin und Kortisol aus, was zum Anstieg von Blutdruck und Blutzucker führt. In der Folge verbraucht der Körper mehr Kalium, das besonders durch Kartoffeln und Gemüse gut ersetzt werden kann. Auch bei wiederkehrenden Muskelkrämpfen, die auf Gaben von Magnesium oder Calcium nicht ansprechen, können die kaliumreichen Knollen der Süßkartoffel hilfreich sein. Oftmals geht ein Magnesiummangel mit einer Unterversorgung an Kalium einher, der am besten mit natürlichen Lebensmitteln behoben werden kann, weil die entsprechenden Mineralstoffe in Gemüse und Obst organisch gebunden vorliegen und sie der Körper dadurch besser verwerten kann.

Auf vielfältige Weise kann die Süßkartoffel dem Metabolischen Syndrom entgegen wirken, zu dem Übergewicht, Diabetes, Gicht, Arteriosklerose und Bluthochdruck zusammen gefasst werden. Ihr Genuss sollte einen Erkrankten jedoch nicht dazu verführen, das regelmäßige Messen von Blutzucker oder Blutdruck zu vernachlässigen. Bekanntlich kann der gelegentliche Genuss einer gesundheitsfördernden Speise ein verordnetes Medikament keinesfalls ersetzen. Wer aber seine Lebensweise in größerem Umfang dauerhaft ändern möchte, kann gemeinsam mit dem behandelten Arzt eine Reduktion der erforderlichen Arzneimitteldosis erwägen. Süßkartoffeln aber dreimal täglich auf dem Speiseplan zu setzen - das wäre wohl hierzulande unrealistisch und recht einseitig. Auch für die gesunde Batate gilt eine der wichtigsten Ernährungsregeln: Kein Nahrungsmittel allein kann eine Versorgung mit allen lebensnotwendigen Nährstoffen gewährleisten. Will man einer Insulinresistenz entgegen wirken, können auch weitere Inhaltsstoffe anderer Lebensmittel helfen. Dazu gehören die Beta-Glukane in Haferflocken, Haferkleie, Kochgerste (Graupen) oder Speisepilzen; die Phytinsäure in grünen Bohnen oder Erbsen sowie die Fructane in Topinambur. Auch die Kombination von Kohlenhydrat-Trägern mit etwas Fett und Protein trägt zu einem gleichmäßigen Blutzuckerspiegel bei. Süßkartoffeln, die gekocht, gebraten oder gebacken werden können, enthalten relativ wenig Protein, daher passen Hülsenfrüchte oder Kräuterquark zu selbst gebackenen Süßkartoffelpommes oder ein Rührei zu einem Süßkartoffelpüree besonders gut.

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