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Halbbreitbeinig, Wind im Haar

Die einst vielgelobte Münsteraner Postpunkband Messer macht neuerdings klebrigen Kitschrock

Wie war das noch vor drei Jahren, als die junge Münsteraner Band Messer ihr zweites Album »Die Unsichtbaren« an den Start geschickt hatte? Lautes Rascheln im Blätterwald, anerkennendes Schulterklopfen befreundeter Musiker. Hendrik Otrembas Stimme kam einem vor wie scharf in die Augen schneidendes Licht. Kapriziös zerdehnt war sein postpunkig monotoner, hellgreller Gesang, unmöglich, sich damit auf die Seite postmoderner Ironie zu schlagen. Ich selbst schrieb damals ziemlich angetan: »Otrembas Pathos ist cool, zwingend, wütend, manisch aufgekratzt und seltsam verstrahlt genug, um den Vergleich mit Kristof Schreuf von Kolossale Jugend und Mutters Max Müller aufzunehmen.« Die Texte taumelten bildhaft spooky, kryptisch, dunkel, und die Musik taumelte ebenfalls, sie schlängelte und windete sich, Schlagzeug und Wave-Bassspiel hatten viel Raum, der Hall saß perfekt. Ein bisschen erinnerte das alles an Bands wie Die Erde, Abwärts, Kolossale Jugend oder an die große Noise-Punk-Band Flipper. Worte wie »Spurensuche« ergaben definitiv mehr Sinn als »Abkupferei« oder »Retrozitathölle«.

Und wie ist das heute, drei Jahre später, nach dem Erscheinen des neuen Albums »Jalousie«? Nicht so schön. Alles ein wenig klebrig, albern und eklig hier. Mancher glückliche Rezensent von damals windet sich in seiner Rezension von »Jalousie« denn auch wie die dissonant-schroffe, düstere Noisegitarre, die man auf »Die Unsichtbaren« hören kann, weil der talentierte Gitarrist Palle Schaumburg noch dabei war. Alte junge Helden spuckt man nicht gleich an die Wand, wenn mal etwas nicht gelingt. Nett gemeint.

Die schrecklich verkitschte Killing-Joke-Gedächtnis-Gitarre, die der neue Mann, Milek, mit seiner unerträglichen Liebe zu halbbreitbeinigen Mucker-Soli auf Felsklippen mit Wind im Haar spielt, ist freilich nur ein Problem des Albums. Aber ein zentrales, da sie alles einlullt und die poprockige Grundstimmung generiert. Gemeinsam mit einem nunmehr mainstreamtauglichen Rockschlagzeug und einer auf schwülstiges Doors-Drama machenden Orgel wurde der Platte noch das letzte bisschen Postpunk-Widerständigkeit ausgetrieben. Gesang und Texte von Otremba federn nichts ab, im Gegenteil. Der Sänger sucht sein Heil tatsächlich im »schönen« melodischen Gesang. Doch seine Gesangsstimme ist arg limitiert, klingt immer gleich und immer gleich pathetisch. Er presst und knödelt sich durch eine extradüstere, literarisch-poetisch gemeinte Textlandschaft, die ihren Hang zu theaterhaft-theatralischer Kunstsinnigkeit nicht verbergen kann. Besungen werden Obsessionen, Einsamkeit, Körper, Lust und Triebe, Kälte, Gräber, Nebel und Schäume. Es ist von allem zu viel und alles viel zu doll - und nicht eine zwingende Aussage oder irritierende poetische Botschaft ist darunter. »Es riecht nach Regen / Riecht nach Metall / Es schmeckt nach Blut in deinem Mund / Wir schlagen auf, es ist vorbei / Und wir verlieren uns im Hall.« Aufgeschlagen und verloren. So sieht’s aus.

Messer: »Jalousie« (Trocadero / Indigo)

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