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Nach dem Scheitelpunkt der Globalisierung

Trotz ökonomischer Hiobsbotschaften spielen die G20-Staaten in Hangzhou nur klein-klein

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Verflechtung der Staatengemeinschaft geht zum ersten Mal seit 1990 fast flächendeckend zurück - in 35 von 42 Industrie- und Schwellenländern. Zu diesem Schluss gelangt der Globalisierungsreport der Prognos AG im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, der pünktlich zum G20-Gipfel veröffentlicht wurde. Dabei erzielt Deutschland zusammen mit weiteren Industrieländern wie Japan, der Schweiz und Finnland bislang die höchsten »globalisierungsbedingten Zuwächse« beim Bruttoinlandsprodukt und gehört damit zu den Gewinnern der Globalisierung. Doch der Goldrausch könnte vorbei sein. G20-Gastgeber China, dessen Aufstieg zur Wirtschaftsmacht ein starker Treiber der Globalisierung war, meldet ausgerechnet jetzt einen möglicherweise historischen Rückschlag: Erstmals geht der Gesamtumsatz der 500 führenden Unternehmen zurück.

Ein anderer früherer Hoffnungsträger der Weltwirtschaft, Olympia-Gastgeber Brasilien, ächzt unter einer tiefen Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt wird nach einem Rückgang um fast vier Prozent 2015 im laufenden Jahr um weitere drei Prozent sinken. Auch in Russland nimmt die Wirtschaftsleistung weiter ab.

Lange galten diese rohstoffreichen BRIC-Staaten als Lokomotiven der Globalisierung und als boomende Absatzmärkte für die Produkte des Westens. Doch nur noch Indien überzeugt die Analysten einigermaßen: Im zweiten Quartal verbuchte der Subkontinent ein Wachstum von 7,1 Prozent auf Jahresbasis. Das ist auch bitter nötig. Die Zahl der Einwohner und damit die Armut wachsen schnell. Im Jahr 2022 wird Indien laut UN-Schätzung 1,4 Milliarden Einwohner haben und China als bevölkerungsreichstes Land auf der Erde ablösen.

Die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer dürften in Hangzhou trotz der ökonomischen Hiobsbotschaften nur klein-klein spielen. So ist Brasilien durch Korruptionsaffären um den größten Konzern Petrobras und die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff politisch gelähmt. Das sozial, ökonomisch und konfessionell tief gespaltene Indien setzt auf eine Steuerreform, womit der mit viel Eifer 2014 angetretene Ministerpräsident Narendra Modi nun wenigstens eine Reformhürde übersprungen hat. Künftig werden in den meisten der 36 Bundesstaaten und Regionen Unternehmen einheitlich besteuert. Bislang behinderte das komplizierte Steuersystem den Binnenhandel.

Damit schafft der indische Regierungschef, was seine Amtskollegen auf jedem Gipfel fordern: Strukturreformen. China wandelt sogar sein Wirtschaftsmodell. Anstatt wie bisher zu billigen Löhnen Produkte westlicher Konzerne herzustellen, sollen Dienstleistungen im Lande ausgebaut werden. Auf die Struktur der Weltwirtschaft wird der Abschied vom Exportmodell erhebliche Auswirkungen haben.

Mehr als vage Absichtserklärungen etwa zu Stahlexporten und dem Schutz geistigen Eigentums dürften auch in Hangzhou nicht herauskommen. Eine gemeinsame Geldpolitik bleibt in weiter Ferne. Japan und die Eurozone versuchen, ihre Währung zu drücken, um die Exporte zu verbilligen. Und eine Strategie zur Ankurbelung der lahmenden Weltwirtschaft durch Konjunkturprogramme ist so weit entfernt wie eh und je - dafür wird schon Deutschland mit seinem Plädoyer für eisernes Sparen sorgen.

Auf eine gemeinsame Weiterentwicklung der Globalisierung setzt kein Regierungschef mehr. Aus der Idee eines Welthandelssystems mit gemeinsamen Regeln, die in der Welthandelsorganisation WTO festgelegt werden, ist ein Dschungel aus bilateralen Abkommen geworden, wie längst nicht nur die transatlantischen Verträge TTIP und CETA zeigen. Von denen erwarten selbst Befürworter nur minimales zusätzliches Wachstum.

Dabei stottert der globale Konjunkturmotor auch im achten Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise. Die US-Notenbank Fed zögert, die Zinswende weiterzuführen, weil die Arbeitslosigkeit zu hoch ist. Japans exportorientierte Industrie ist ohne Schwung, trotz Geldschwemme und Deregulierungen im Rahmen der »Abenomics«. Und ob der »Brexit« tatsächlich ein Tiger ohne Zähne ist, wie mancher Beobachter meint, bleibt zumindest in Europa abzuwarten. Der weltwirtschaftliche Frühindikator des Ifo-Instituts jedenfalls fiel gerade auf den tiefsten Stand seit Jahren.

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