Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.

Terror gegen Blumen und Kunst

Vor 100 Jahren begann die Hinwendung der britischen Frauenwahlrechtsbewegung zur Militanz

  • Von William Hiscott
  • Lesedauer: ca. 3.5 Min.

Vor 100 Jahren begannen sich die britischen »Suffragetten« zu radikalisieren. Als erste »soziale Bewegung« benutzten sie individuelle Gewalt nicht um des Schadens oder einer Strafe willen, sondern als Strategie der Inszenierung. Zu den Ikonen der Protestkultur des 20. Jahrhunderts zählen sie trotzdem nur begrenzt.

Als Londoner Polizisten vor rund 100 Jahren die Schäden im berühmten Orchideenhaus von Kew Gardens in Augenschein nahmen, fanden sie das folgende Bekennerschreiben: »Kein Eigentum ist sicher, bis Frauen das Wahlrecht bekommen. Ihr werdet einlenken müssen, also seid vernünftig. Eine Warnung von zwei nicht wahlberechtigten Frauen.«
Der Anschlag auf die Blumen war Teil einer ganzen Reihe militanter Aktionen, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg von Suffragetten verübt wurden. Von Fenstereinwurf- und Sachbeschädigungskampagnen bis zu »unblutigen« Bombenattentaten auf die Häuser führender Politiker und öffentliche Einrichtungen reichte das Repertoire bürgerlicher Frauenmilitanz. Inhaftierte Aktivistinnen entdeckten den Hungerstreik als spektakuläre Kampfform. Schon damals antwortete der Staat mit Zwangsernährung.
Als sich 1903, einige Jahre zuvor, die Women's Social and Political Union (WSPU) unter Führung der »Suffragettenfamilie« Pankhurst formiert hatte, war die Enttäuschung vieler Frauen über den bisherigen Misserfolg des sanfteren, konstitutionalistischen Ansatzes der National Union of Women Suffrage Societies (NUWSS) groß. Zuvor hatten die von der NUWSS eingesetzten Protestformen - höfliche Versammlungen, Petitionen, friedliche Kundgebungen - kaum gefruchtet.
Die individuelle Militanz der WSPU war, schreibt die Sozialwissenschaftlerin Jana Günther in ihrem Erstlingsbuch über die britische Frauenwahlrechtsbewegung, »ein Novum in der Geschichte der Frauenbewegung«. Günther arbeitet vor allem heraus, wie die Suffragetten Gewalt einsetzten: Es ging, anders als bei den anarchistischen Bomben des 19. Jahrhunderts, nicht um Sabotage, also den Schaden selbst. Es ging auch nicht um individuelle »Bestrafung« in gesinnungsethischer Selbstjustiz. Die Frauen der WSPU »inszenierten« erstmals Militanz als PR-Strategie, auch wenn der einzelne Gewaltakt durchaus spontan erfolgen konnte - und auch dann noch, als sie martialisch von einem »Krieg« zu sprechen begannen.

Wahl der Mittel
Dies macht die Suffragetten auch in der Wahl der Mittel in gewisser Weise zu Vorläuferinnen bestimmter Praktiken in Teilen der späteren »Neuen Sozialen Bewegungen«, auch wenn dort die stets kontrovers diskutierte »Gewalt gegen Sachen« - vom westeuropäischen Terrorismus einmal abgesehen - den Eskalationsgrad der WSPU nie wieder erreichte und die Ziele von Aktionen etwa der Anti-AKW-Bewegung »inhaltlich« oft näher am bekämpften Missstand lagen.
Doch obwohl die Aktionen der Militanten die Aufmerksamkeit von Medien und Politik erregen und über Jahre erhalten konnten, ist es alles andere als ausgemacht, dass es die Militanz war, die zum Erfolg führte. Rückblickend scheint es eher so, dass die 1917 eingeleitete und 1928 vollendete Einführung des Frauenwahlrechtes in Großbritannien Folge einer allgemeinen Modernisierung der Gesellschaft und eines ideologischen Wandels der Eliten war, den man nicht unmittelbar mit der Suffragetten-Militanz in Verbindung bringen kann.

Stramm patriotisch
Ausschlaggebend für den Erfolg war letztlich auch der Erste Weltkrieg. Ab 1914 präsentierten sich weite Teile der Frauenbewegung in Großbritannien - wie auch in Deutschland und anderswo - stramm patriotisch. Auch für die WSPU hatte der Krieg höchste Priorität. Für seine Dauer wurde ein einseitiger »Waffenstillstand« ausgerufen; anschließend entfalteten die Suffragetten eine rabiate Kriegsagitation. Sie riefen bürgerliche Frauen auf, zeitlich begrenzt ins Arbeitsleben einzutreten, um fehlende Männer zu ersetzen oder sich zum militärischen Sanitätsdienst zu melden. Wie oft bei Bürgerrechtsbewegungen diente auch hier ein nationaler Notstand als Motor der Emanzipation. Ähnliches ist auch aus den USA bekannt, wo nach dem Ersten Weltkrieg die Frauen das Wahlrecht erhielten und nach dem Zweiten Weltkrieg die Rassentrennung im Militär fiel - die Armee sorgte für den ersten Meilenstein der späteren Bürgerrechtsbewegung.
Ungeachtet fehlender unmittelbarer Erfolge der Militanz bleibt festzuhalten, dass die militanten Suffragetten mit ihrer Politik der »Taten statt Worte« kulturell zur Emanzipation beitrugen. Besonders mit häufigen Attacken auf Kunstwerke in Museen - die Ikonen der bürgerlichen Welt ihrer Männer - trafen sie den Kern des liberaldemokratischen Selbstbildes.
Dennoch wurden nicht etwa die Pankhursts zu den Ikonen der bürgerlichen Protestwellen der 1960er und 1970er Jahre. Zu stark - und zu erfolgreich - waren die Vorbilder Mahatma Gandhis und Martin Luther Kings. Das Konzept der Militanz blieb stets äußerst umstritten und letztlich den marginalen, superradikalen Kräften vorbehalten. Vor dem aktuellen Hintergrund fast alltäglichen politischen Massenmords durch nichtstaatliche Akteure kann man wohl sagen: Gut so.

Jana Günther: Die politische Inszenierung der Suffragetten in Großbr...

Wenn Sie ein Abo haben, loggen Sie sich ein:

Mit einem Digital-, Digital-Mini- oder Kombi-Abo haben Sie, neben den anderen Abo-Vorteilen, Zugriff auf alle Artikel seit 1990.

Bitte aktivieren Sie Cookies, um sich einloggen zu können.