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Mord als bürokratisches Phänomen

Posthum erschienen: Raul Hilbergs Anatomie des Holocaust. Von Harald Loch

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Der Historiker Raul Hilberg wäre in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass brachte der S. Fischer Verlag posthum ein Buch heraus, das 13 Aufsätze und Vorträge enthält, die bisher nur an entlegenen Publikationsorten auf Englisch zugänglich waren. Die Herausgeber sind Walter H. Pehle, langjähriger Lektor für Geschichte beim renommierten, in Frankfurt am Main ansässigen Editionshaus, und der Zeithistoriker René Schlott.

Die Arbeiten gliedern sich in drei Abschnitte: Forschungen, Kontroversen und Erinnerungen. Der älteste Text stammt aus dem Jahr 1965, der jüngste aus Hilbergs Todesjahr 2007. Die Beiträge bieten einen repräsentativen Querschnitt aus einem reichen Forscherleben. Den ersten Vortrag über »Die Anatomie des Holocaust«, der dem Buch den Titel gab und 1980 vor deutschem Publikum gehalten worden ist, hat Hilberg selbstkritisch als »den harmlosesten Vortrag, den ich je gehalten habe« bezeichnet. Das war keine Koketterie, denn der dereinst mit seinen Eltern aus dem Hitlerdeutschland angeschlossenen Österreich ins Exil Vertriebene zögerte, im Nachfolgestaat des »Dritten Reiches« öffentlich aufzutreten - aus Furcht vor antisemitischen Reaktionen. Und »harmlos« nannte er seinen Vortrag, weil er sich darin vor allem vor seinem akademischen Lehrer verneigte, dem Emigranten Franz Neumann. Der hatte 1942/44 unter dem Titel »Behemoth« die erste Studie über Struktur und Praxis des Naziregimes veröffentlicht. Sein Buch, das von den vier konkurrierenden Akteuren Beamtentum, Militär, Wirtschaft und NSDAP ausging, war maßgebend für Hilbergs 1955 eingereichte Dissertation »Die Vernichtung der europäischen Juden«, die 1961 in den USA verlegt wurde und erst 1982 in einem sehr kleinen deutschen Verlag erschien, bevor sie 1990 in großer Auflage im Verlag S. Fischer einen angemessenen Platz fand.

Hilbergs Grundlagenarbeit fand erst mit erheblicher Verzögerung die verdiente Resonanz in den USA, in der Bundesrepublik und in Israel. Wie kein anderer Historiker betonte Hilberg in allen seinen Arbeiten die herausragende Bedeutung staatlicher und parastaatlicher Bürokratien für die Vorbereitung und Durchsetzung der Vernichtung der europäischen Juden. Diese institutionalisierten Prozesse hielt er für wichtiger bei der Analyse von Tätern, Opfern und Zuschauern als die Berufung auf ideologische Faktoren oder psychologische Dispositionen, weil es »kein organisiertes Element der deutschen Gesellschaft« gab, »das nicht auf irgendeine Weise in den Vernichtungsprozess eingebunden« war. Hilbergs bahnbrechende Studien zur Rolle der Reichsbahn und verschiedener Polizeiorgane belegen, wie diese bürokratisch durchorganisierten Institutionen zu Teilen der »Vernichtungsmaschine« wurden. Alltägliche Verwaltungsfunktionen und wirtschaftliche Rationalitäts- und Effizienzkalküle unterschieden sich nicht von der »Umsetzung der Endlösung«. Exemplarisch untersucht Hilberg in einem Beitrag die Vernichtung »als bürokratisches Phänomen« anhand ausgedehnter Archivstudien zur Arbeitsweise der Reichsbahn bei der logistisch sehr schwierigen Aufgabe, Juden in Güterwagen kreuz und quer durch Europa zu transportieren.

Vier Beiträge drehen sich um kontroverse Deutungen der Ghettos in Polen und deren administrative Mitverwaltung durch Judenräte, aber auch um den gemeinsamen Besuch des Soldatenfriedhofs in Bitburg durch Präsident Ronald Reagan und Kanzler Helmut Kohl. Der »Strategie der Rettung durch Arbeit«, die viele Judenräte verfolgten, entzog Hilberg mit seinen Forschungen ihre oberflächliche Plausibilität, denn »auf diese Art opferte das Judentum mehr und mehr für weniger und weniger, bis es vernichtet war«.

Eine Debatte löste Hilberg nicht nur mit dieser These aus, sondern auch mit seiner Skepsis gegenüber dem Quellenwert der Aussagen von Zeitzeugen. Deren Unzuverlässigkeit wird seiner Ansicht nach nicht verringert durch die hohe Zahl von Berichten Überlebender. Außer strenger empirischer Überprüfbarkeit anhand von Quellen fühlte sich der Historiker einem methodischen Minimalismus bei der Darstellung verpflichtet: »Mit möglichst wenigen Worten viel sagen.« Er berief sich dabei ausdrücklich auf Elie Wiesel, den kürzlich verstorbenen Auschwitz-Überlebenden, der sagte: »Wenn es ein Roman ist, kann er nicht von Auschwitz handeln, und wenn es um Auschwitz geht, ist es kein Roman.«

Raul Hilberg: Anatomie des Holocaust. Essays und Erinnerungen. Hg. v. Walter H. Pehle u. René Schlott. Aus dem Englischen von Petra Post und Andrea Struve. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016. 336 S., geb., 24,99 €.

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