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Gelungenes 
Misslingen

Vor 50 Jahren erschien Theodor W. Adornos 
Hauptwerk, die »Negative Dialektik«.

  • Von Gerhard Schweppenhäuser
  • Lesedauer: 7 Min.

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Adornos »Negative Dialektik« zählt zu den wichtigsten Schriften der neomarxistischen Philosophie im 20. Jahrhundert. Das Verhältnis von Theorie und Praxis, von dem sie ausgeht, ist nach wie vor ein Problem - nicht nur ein philosophisches. Deshalb sollte man sich heute noch oder wieder mit diesem Buch beschäftigen.

Marx hatte den Philosophen vorgeworfen, sie würden dem Gang der Dinge nur zuschauen und ihn immer wieder neu interpretieren. Es käme aber darauf an, ihn zu verändern. Adorno sagt, die Veränderung der Welt sei gründlich misslungen. Die Forderung nach Praxis statt Interpretation kann zum »Defaitismus der Vernunft« führen, kann das Denken entmutigen angesichts der Übermacht bestehender Zustände. Und die waren damals tatsächlich zum Verzweifeln: Kolonialkriege, Atomkriegsgefahr, Tendenzen zur Selbstabschaffung der Demokratie (»Notstandsgesetze«) - und die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit drohte zu misslingen.

Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken gefasst, hatte Marx von Hegel gelernt. Hegel war überzeugt: Die Realität ist verwirklichte Vernunft. Philosophie reflektiert, wie der Geist im Gang durch die Geschichte zu sich selbst kommt. Für Marx war das nur die halbe Wahrheit und deshalb ganz falsch. In heutiger Sprache: Philosophische Begriffe rekonstruieren rationale Elemente des humanen Weltverhältnisses. Die Beherrschung der Naturkräfte durch Arbeit, Technik und Wissenschaft findet auf höchstem Niveau statt. Aber dabei geht es alles andere als rational zu. Denn die Wirklichkeit besteht aus Herrschaftsverhältnissen. Menschen und Natur werden ausgebeutet. Unfreiheit ist die finstere Kehrseite des freien Geistes. Solange Philosophie das nicht auf den Begriff bringt, befindet sie sich im Widerspruch mit selbst. Die Lehre, dass Vernunft wirklich ist und Wirklichkeit vernünftig, wird Ideologie: Rechtfertigung wirklicher Unvernunft.

Das Ziel der Philosophie, sich gleichsam in der bestehenden Wirklichkeit »aufzuheben«, ist legitim. Um in der existierenden Vernunft aufzugehen, meinte Marx, müsste die Philosophie aber, als reine Theorie, »aufgehoben« werden. Bei Hegel bedeutet »aufheben« zugleich beenden und bewahren. Und nach Marx, der hierin Hegelinaner war, kann man die Philosophie nicht aufheben, ohne sie zu »verwirklichen«. Solange es in der Welt nicht vernünftig und gerecht zugeht, wird immer wieder verspürt und artikuliert, dass es einen Widerstreit zwischen den idealen Maßstäben der Vernunft und den realen Missständen gibt, die menschenwürdiges Leben verhindern.

Die »Negative Dialektik« beginnt mit einer Anspielung auf Marx: Der geschichtliche Augenblick, in dem radikale gesellschaftliche Praxis Philosophie durch Verwirklichung hätte aufheben können, sei ungenutzt verstrichen. Adorno nennt den historischen Zeitraum nicht. Aber er meint die Zeit, als Lenins bolschewistische Revolution in Russland siegte und die Versuche scheiterten, im deutschen Reich eine Räterepublik zu installieren.

Nachdem die Ansätze freier Vergesellschaftung in München, Berlin und anderswo brutal niedergeschlagen waren, trat das Besitzbürgertum seine verspätete politische Herrschaft an. Die Führer der Sozialdemokratie wollten sich nicht mehr als vaterlandslose Gesellen beschimpfen lassen. Sie riefen die »Republik der Konterrevolution« (Peter Weiss) aus und gaben die Ermordung radikaler Sozialisten in Auftrag.

Die Universitätsphilosophie resignierte zur Begleitmusik. Sozialkritische Philosophen gingen in den akademischen Untergrund. Bald sahen sie sich vor die Aufgabe gestellt, zu begreifen, warum die Mehrheit sich begeistert einer autoritären Herrschaft unterwirft, die alles in den Schatten stellen sollte, was die Welt bis dahin an Krieg und Terror gesehen hatte. Materialistische Philosophen mussten ins Exil gehen, und der Philosoph Heidegger trug als Freiburger Universitätsrektor seine SA-Uniform zur Schau. Er lieferte Begründungen, warum die Einzelnen sich dem Seinsgeschick zu unterwerfen hätten. »Wer die Gefolgschaft verweigert, ist als geistig vaterlandsloser Geselle verdächtig, ohne Heimat im Sein« - so charakterisiert Adorno die Seinslehre von Heidegger in der »Negativen Dialektik«. Diese Philosophie sei ihrem innersten Gehalt nach »repressiv«. Sie betreibe einen »Seinskult«, dem die Individuen dienen sollen; auf deren besondere Existenz komme es nicht an.

Und wie sah es dort aus, wo marxistisch inspirierte Praxis den Sieg davongetragen hatte? Im Herrschaftsbereich der Sowjets war der »Dialektische Materialismus« Staatsdoktrin, eine Variante von Hegels Weltgeist-Theorie. In der klassenlosen Gesellschaft habe der »objektive Geist« der Gattung seine höchste Verwirklichung erreicht. Reale Widersprüche, Ungerechtigkeit und Leid seien aufgehoben (nicht im hegelschen Doppelsinn, sondern ein für allemal). Herrschaft der kommunistischen Partei plus Naturbeherrschung auf höchstem Stand von Technik und Wissenschaft: die autoritäre Lösung des Theorie-Praxis-Problems.

Hegels philosophischer Friedensschluss mit der »vernünftigen Wirklichkeit«, den Marx bekämpft hatte, wurde mit veränderten politischen Vorzeichen abgesegnet. Die Einzelnen hatten auch hier keinen großen Spielraum. Sie wurden zwar nicht, wie bei Heidegger, einer unverfügbaren Seinsordnung unterworfen. Aber »bürgerliche« Lehren, die dem Individuum Vorrang vor dem sozialen Ganzen zubilligen, galten als überwundene Irrlehren.

Adorno nennt das in der »Negativen Dialektik« die »Vergottung der Geschichte«. Marx sei daran nicht unschuldig gewesen. In der Naherwartung einer »unmittelbar bevorstehenden Revolution« habe er verständlicherweise alles auf eine Karte gesetzt: Die ökonomische Entwicklung selbst würde die kapitalistische Produktionsweise von innen heraus aufsprengen. Der Krisenzyklus wurde als Spirale mit determinierter, aufsteigender Tendenz gedacht. Geschichte laufe mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ab.

Marx und Engels, bemerkt Adorno, hätten heterodoxe Varianten sozialistischer Theorie bekämpft, die nicht »wissenschaftlich«, sondern »utopisch« ansetzen. »Sie waren Feinde der Utopie um deren Verwirklichung willen«, heißt es in der »Negativen Dialektik«. »Sie konnten nicht ahnen, was dann im Misslingen der Revolution auch dort, wo sie gelang, hervortrat: dass Herrschaft die Planwirtschaft, welche die Beiden freilich nicht mit Staatskapitalismus verwechselt hatten, zu überdauern vermag.«

Dies ist der entscheidende Punkt: Grundlage der Kritik der politischen Ökonomie ist Kritik der Herrschaft. Adornos Kritische Theorie ist im Kern Herrschaftskritik. Für heutige Überlegungen zu einer Zukunft des Sozialismus, wie sie beispielsweise Axel Honneth in Frankfurt anstellt, hat dieser Impuls große Bedeutung. Genauer gesagt: die Frage, wie die Herrschaftskritik des Frühsozialismus mit einer aktualisierten Kritik der politischen Ökonomie zu verbinden wäre.

Was lässt sich in diesem Zusammenhang von Adorno lernen? Vor allem, dass Dialektik als Methode zu rehabilitieren ist. Sie reflektiert Gegensätze und bringt sie in Begriffen zum Ausdruck. Nicht-dialektisches Denken ordnet Gegensätze und soziale Antagonismen der logischen Widerspruchsfreiheit unter. Dialektisches Denken versucht sie zu rekonstruieren, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln. Es stellt Gegensätze in der Sache so dar, dass Begriffe, Urteile und Schlüsse sie angemessen nachzeichnen können. So heißt es bei Adorno in zugespitzter Formulierung, dass die Revolution dort, wo sie gelungen ist, zugleich misslinge.

Negative Dialektik versucht, die geistige Erfahrung des Widerspruchs im Sinne eines »Vorrangs des Objekts« zur Geltung zu bringen. Philosophie habe sich bislang nur dafür interessiert, was sich begrifflich bestimmen lässt. Nun gelte es, zu beachten, was sich der Bestimmung durch Begriffe entzieht: das Nicht-Identische, Unwiederholbare, das Einzelne und je Besondere. Adorno nennt diese Denkform »negativ«; er markiert damit den logischen Gegensatz zur »Affirmation«, also zur Bestätigung. Die Dialektik der Kritischen Theorie ist nicht »positiv« wie die Hegels. Sie verweist auf nichts, das in der Wirklichkeit gegeben oder gesetzt ist (der Wortsinn von »positivum«). Begreifen von Leiden und Unrecht ist zwar unverzichtbar, um sie abzuschaffen, aber noch nicht deren wirkliche Überwindung. Negative Dialektik erinnert an (im moralischen Sinne) Negatives, das bestehen bleibt.

Darum kümmern sich in philosophischen Debatten von heute nur wenige. Ein paar Jahre nach Erscheinen von Adornos Hauptwerk begann der Triumphzug der analytischen Philosophie. Die interessiert sich nicht für die Gegenstände des Denkens, sie fühlt sich nur für seine sprachliche Form zuständig. Manfred Frank sprach vor einiger Zeit vom »Gespenst eines Weltsiegs der analytischen Philosophie« (»FAZ«, 24.9.2015). Sozialkritische und dialektische Methoden gelten dort als veraltet. Und die Gegenaufklärer scharen sich um Dunkelmänner wie Peter Sloterdijk. Dieser posthume Heideggerschüler diffamiert die humane kapitalistische Rationalität der Bundeskanzlerin, die Flüchtlinge als Arbeitskräfte ins Land lässt: »Abdankung« sei das und »Souveränitätsverzicht«, der das deutsche Volk der »Überrollung« preisgeben würde (»Cicero«, 28.1.2016). - Vielleicht hilft negative Dialektik gegen Obskurantismus ebenso wie gegen die analytische Resignation der Universitätsphilosophie.

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