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Der walisische Herausforderer

Owen Smith möchte Jeremy Corbyn als Labour-Vorsitzenden ablösen. Von Ian King , London

Erst vor einem Jahr wählten ein halbe Million Mitglieder der Labourpartei Jeremy Corbyn zum neuen Parteichef. Schon jetzt wagt sich jedoch ein Rivale aus der Fraktion hervor: der 21 Jahre jüngere, ebenfalls dem linken Flügel zugerechnete Owen Smith, der seit 2010 im Unterhaus den südwalisischen Wahlkreis Pontypridd vertritt.

Der frühere BBC-Produzent arbeitete als Berater von Labours Wales-Minister Paul Murphy, dann drei Jahre lang als Lobbyist für den US-Pharmariesen Pfizer; in dieser Zeit stand Smith für die positive Wirkung von Privatfirmen im staatlichen Gesundheitsdienst ein. Von dieser in der Partei umstrittenen Haltung hat sich der Herausforderer jedoch längst distanziert: Öffentlich-private Partnerschaften verdammt er heute als teuer und gescheitert. Er sieht sich trotz der Auflehnung gegen Corbyn als getreuen Parteisoldaten, der Labour nicht spalten, sondern retten will.

»Ich teile viele von Jeremys Werten, will sie nur modernisieren«, erklärt Smith. In der Tat. Corbyn verurteilt die konservative Austeritätspolitik sowie die rabiaten Sozialkürzungen, Smith ebenfalls. Als Schattensozialminister zwang dieser den früheren Tory-Finanzminister George Osborne, geplante Kürzungen bei Kombilöhnen fallen zu lassen. Der Waliser betrachtet die Sondersteuer auf angeblich zu große Sozialwohnungen mit Recht als Diskriminierung von Behinderten, lehnt Ermäßigungen der Körperschafts- und Erbschaftssteuer als wirtschaftlich unsinnig und gesellschaftlich ungerecht ab. Stattdessen schlägt er ein 200 Milliarden Pfund teures Investitionsprogramm für den Wohnungsbau und die Verbesserung von Britanniens maroder Infrastruktur vor. Er wettert gegen Kurzarbeit Null und den seit dem Amtsantritt der Tories geltenden Lohnstopp im öffentlichen Dienst, tritt für eine Verstärkung der Arbeitnehmerrechte ein. An dem Vorwurf der Corbyn-Freunde, hier sei ein »Blairite« am Werk, ist nichts dran.

Die wichtigsten politischen Unterschiede zwischen den Kandidaten betreffen die Außen- und Verteidigungspolitik. Corbyn war seit Jahren Gegner der EU-Mitgliedschaft, hat im Abstimmungskampf versagt, denn die Hälfte aller Wähler meinte noch am 23. Juni, die Partei sei für den Brexit. Der Ratschlag des Parteichefs am Tag nach der Abstimmung, den Austrittsprozess durch eine Unterschrift unter Artikel 50 des Lissabon-Vertrages sofort in Gang zu setzen, war ein weiterer Reinfall. Weder das Land noch gar die Brexit-Befürworter waren darauf vorbereitet, Corbyns Missgriff rief in der Fraktion Entsetzen hervor. 81 Prozent der Labour-Abgeordneten sprachen Corbyn ihr Misstrauen aus, der jedoch den Rücktritt verweigerte. Smith trat mit nicht weniger als 64 Kollegen aus dem Schattenteam zurück, verlangte nach den Austrittsverhandlungen eine zweite Volksabstimmung, denn das knappe Brexit-Votum beruhe offenkundig auf Lügen. Labours EU-Freunde - immerhin stimmte eine Mehrheit ihrer Anhänger für den EU-Verbleib - könnten Smiths Politik hier überzeugender finden als die Linie des Vorsitzenden.

Bei der Frage der britischen Atom-U-Boote tritt Smith für die offizielle Parteilinie ein, die multilaterale statt einseitiger Abrüstung fordert. Hier ist der friedensbewegte Corbyn eher der Außenseiter, obwohl ihm viele Mitglieder beipflichten und ein Nachfolgeprogramm für die Trident-Schiffe ebenfalls als teuer und überflüssig betrachten. Aber sonst ist Corbyns und Smiths Politik kaum zu unterscheiden, wie Kevin Maguire, Leitartikler des »Daily Mirror«, feststellt.

Der Kandidat Smith bemängelt bei Corbyn anderes: Der Chef könne nicht führen. Die aus dem Schattenkabinett Zurückgetretenen von Hilary Benn bis Angela Eagle teilen diese Meinung; frühere Parteichefs von Neil Kinnock bis Ed Miliband sowie der Londoner OB Sadiq Khan und die schottische Vorsitzende Kezia Dugdale haben aus ihrer Unterstützung für Smith kein Hehl gemacht. In Interviews, darunter mit seinem wegen Aggressivität gefürchteten Landsmann John Humphrys, hält sich Smith wacker: Statt sich für die Zeit bei Pfizer zu entschuldigen, sagte er gleichmütig: »Meine Arbeit in der Privatindustrie hat mich gelehrt, was dort falsch läuft und wie wir es besser funktionieren lassen können.« Er will die Partei zum Wahlsieg führen, während sich Corbyn vor allem mit dem theoretischen Triumph einer linken Parteilinie und dem Verhältnis zu außerparlamentarischen Bewegungen befassen wolle, so der Herausforderer.

Corbyns Gegner nicht wieder als Labour-Kandidaten aufzustellen, lehnt Smith als überflüssigen Begabtenaderlass ab, aber ohne sich mit der überlebten, mittigen New-Labour-Linie zu solidarisieren. »Eine kollegiale Zusammenarbeit« fordert Smith, der im Falle eines Sieges Corbyn zum Ehrenpräsidenten der Partei machen will.

Der Waliser will sich als Anwalt von sozialer Gerechtigkeit, verbunden mit Effizienz, verkaufen. Die Corbynistas, allen voran Schattenfinanzminister John McDonnell, werfen Smith hingegen übertriebenen Ehrgeiz und mangelnde Treue vor. »Was man auch gegen Jeremy sagt, er wird wiedergewählt«, lautete neulich das Fazit eines Labour-Mitglieds aus Leeds. »Smith mag eine ehrliche Haut sein, aber er ist chancenlos.« Aktuelle Umfragen sehen Smith deutlich hinter Corbyn (38 zu 62 Prozent). Das lässt darauf schließen, dass das Urteil richtig sein dürfte.

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