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Neuer Realismus in Weinrot-Weiß

Folge 100 der nd-Serie »Ostkurve«: Trainer René Rydlewicz führt den BFC Dynamo bodenständig

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 6 Min.

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Die erfolgreiche Vergangenheit kehrte am Sonnabend noch einmal zurück. Seinen 50. Vereinsgeburtstag feierte der BFC Dynamo mit einem Jubiläumsspiel: Eine Fanchoreographie ließ den Block M im Friedrich-Ludwig-Jahnsportpark golden glänzen - mittendrin das alte Emblem des DDR-Rekordmeisters, drum herum all die Wappen der damaligen Gegner von insgesamt 60 Europapokalspielen. Auf dem Rasen ging es gegen den Bundesligisten Hamburger SV, eine Wiederauflage des Duells aus dem Jahr 1982. Damals setzte sich der HSV, der spätere Sieger des Europapokals der Landesmeister, nach Hin- und Rückspiel mit 3:1 durch.

René Rydlewicz genoss den Abend. Er ist selbst Teil der großen Geschichte des Klubs. Am 17. März 1990 gab er sein Debüt im weinrot-weißen Trikot - und ist seitdem mit 16 Jahren der jüngste Spieler der DDR-Oberliga. Als Rydlewicz am 10. Mai 2008 mit dem F.C. Hansa Rostock sein letztes Erstligaspiel machte, war er der letzte Fußballer in der Bundesliga, der bereits in der DDR-Oberliga gespielt hatte. Sein Weg hatte ihn schon im Alter von 17 Jahren nach Leverkusen geführt - bei Bayer, 1860 München, Arminia Bielefeld und Rostock kam er insgesamt auf 278 Bundesligaspiele. In diesem Sommer ist der mittlerweile 43-Jährige als Trainer zum BFC zurückgekehrt.

Nach dem Spiel gegen den HSV stand Rydlewicz mit einem Mikrofon auf dem Rasen und bedankte sich beim Publikum für den schönen Abend. Mehr als 8100 Zuschauer waren in den Prenzlauer Berg gekommen. Normalerweise spielt der BFC vor rund 1000 Zuschauern. Etwas erleichtert wird der Dynamo-Trainer aber auch gewesen sein. Denn fortan kann wieder der Alltag und damit die Zukunft im Vordergrund stehen: die Arbeit mit der Mannschaft, die Spiele in der Regionalliga Nordost.

Beim Besuch im Sportforum in Hohenschönhausen merkt man gleich, dass sich René Rydlewicz hier wohlfühlt. Nur mit einem Handtuch um der Hüfte kommt er aus der Dusche zu seinem Trainerzimmer und sagt freundlich »Hallo«. Fünf Minuten später öffnet sich die Tür wieder: »Jetzt kann’s losgehen.« Es sei schön, wieder hier zu sein, meint er beim Gang durch die altbekannten Gänge des Funktionsgebäudes. »Jetzt darf ich ja auch oben laufen«, erzählt Rydlewicz und lacht, »früher als Spieler waren wir ja nur im unteren Teil.« Dass sich hier seit 26 Jahren nicht wirklich viel verändert hat, stört ihn nicht. »Für mich ist das Wesentliche entscheidend«, sagt Rydlewicz und zählt das Fußballstadion, zwei weitere Rasenplätze, das Leichtathletikstadion, die Laufhalle mit den Krafträumen und das Vereinsheim auf. »Hier kann man perfekt arbeiten.«

Nach dem langersehnten Aufstieg in die Regionalliga im Jahr 2014 spielt der BFC Dynamo jetzt seine dritte Saison in der Viertklassigkeit. René Rydlewicz ist der dritte Trainer. Nachdem die Trennungen von Aufstiegscoach Volkan Uluc, Manager Kevin Meinhardt und einigen Spielern etwas turbulent verliefen, sorgte auch Thomas Stratos für Wirbel. Der Trainer sah die Regionalliga für sich und den Verein nur als kurze Zwischenstation, ein erneuter Aufstieg war in aller Munde.

»Dritte Liga?« Rydlewicz schaut fragend und gibt die Antwort gleich selbst: »Das ist noch nicht unsere Realität«, sagt er vollster Überzeugung. »Wir haben eine Regionalligamannschaft, mehr nicht. Wenn wir ein sehr gutes Spiel machen, dann können wir auch bessere Gegner in der Liga ärgern.« Das Wort Aufstieg tauge aber keinesfalls zur Überschrift. Großspurig finde er solche Gedanken. Die Platzierungen der Vorjahre geben ihm Recht. Als Fünfter und Vierter beendete der BFC die vergangenen beiden Spielzeiten, aktuell ist er nach fünf Spieltagen Achter. An Klubs wie Carl-Zeiss Jena, Energie Cottbus oder Wacker Nordhausen wird er auch in dieser Saison wohl nicht vorbeikommen.

Direkt gegenüber vom Trainerzimmer hat Jörn Lenz sein Büro. Der Teammanager war ebenfalls Spieler beim BFC Dynamo. Im Gegensatz zu Rydlewicz ist er aber immer hier geblieben und hat alle Veränderungen selbst erlebt. Er ist stolz: »Wir sind ein Regionalligist.« Gern erinnert er sich auch an die Aufbruchsstimmung nach dem Aufstieg und steigende Mitgliederzahlen. In dieser Saison hat der Klub endlich den zwölf Jahre alten Dauerkartenrekord gebrochen. 2004, nach dem Aufstieg in die Oberliga, waren es 404, jetzt sind es 471.

Das Funktionsgebäude steht direkt neben dem Fußballstadion im Sportforum. »Das ist unsere Heimstätte, hier trainieren wir, hier sind wir zu Hause«, sagt Lenz. Spielen kann der BFC hier aber nicht. Das Gelände gehört dem Senat, der aber kein Geld für notwendige Sanierungsarbeiten zur Verfügung stellt. Die Heimspiele an der Cantianstraße werden dennoch gut besucht. Nach bislang drei Saisonpartien im Friedrich-Ludwig-Jahnsportpark liegt der Zuschauerschnitt sogar bei 2145, was aber auch an Gegnern wie Energie Cottbus liegt, die viele Fans mitbringen. »Für den nächsten Schritt«, wie Lenz die 3. Liga nennt, war die Entscheidung für den Jahnsportpark sogar notwendig. In zwei Jahren soll das Stadion umgebaut werden. Und wer jetzt schon drin ist, ist es womöglich danach auch. Mehrere Berliner Fußballvereine haben schon ihr Interesse an dieser Spielstätte bekundet.

Über die Rückkehr von Rydlewicz freut sich auch Jörn Lenz, vor allem aus einem Grund. »Jetzt spielt der Nachwuchs wieder eine größere Rolle«, berichtet der Teammanager über eine erfreuliche Veränderung im Vergleich zu den vergangenen Jahren. Rydlewicz selbst formuliert es so: »Ich setze mir nur Ziele, die ich selbst beeinflussen kann.« Das heißt, die Mannschaft und jeden einzelnen Spieler weiterentwickeln - und eben den Verein. Dafür will er den Nachwuchsbereich und das Männerteam enger miteinander verbinden. »Bei uns können die Jungs nicht in der Junioren-Bundesliga spielen, aber sie haben die Chance, in die erste Mannschaft eines Viertligisten zu kommen. Das ist ein großer Anreiz.«

»Ich schaue nicht auf die Tabelle«, unterstreicht Rydlewicz noch mal seinen Ansatz. Insofern war ihm auch das sportliche Ergebnis gegen den Hamburger SV nicht so wichtig. Nach dem 0:4 freute er sich vielmehr über den guten Auftritt des 24-jährigen Außenstürmers Kai Pröger, die souveräne Vorstellung des 19-jährigen Lukas Bache im Mittelfeld und das sehr abgeklärte Verteidigen von David Malembana. Der hoffnungsvolle 20-jährige Neuzugang bestritt nach einer Verletzung erst sein zweites Spiel.

Wirklich wichtig war René Rydlewicz der Sonnabend in anderer Hinsicht. Vor dem Spiel gegen den Erstligisten aus Hamburg gab es noch ein Stadionfest. »Dieser Tag ist eine schöne Möglichkeit zu zeigen, was für ein großer Verein der BFC ist. Wir haben 36 Jugendteams, über 750 Kinder spielen bei uns, um die sich mehr als 100 Trainer und Betreuer kümmern«, zählt er auf und sagt: »Wir brauchen keine Marketingstrategie und müssen uns nichts ausdenken, das ist alles da.«

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