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Wachstum führt nirgendwohin

Miriam Lang über Umweltzerstörung im Süden, Konsum im Norden und die imperiale Lebensweise

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Bei Degrowth geht es vor allem um grüne Themen - Klimagerechtigkeit, Nachhaltigkeit, gutes Essen. Was haben Nord-Süd-Allianzen damit zu tun?
Sehr viel. Im Süden wird die Umwelt zerstört, weil der Norden zu viel konsumiert. Das ist ein wichtiger Teil der Zivilisationskrise, die wir derzeit erleben. Ich finde auch, dass Degrowth mehr ist als nur Umweltpolitik. Es geht auch darum, eine andere Form von Gesellschaft und Sozialität zu organisieren. An dieser Stelle treffen sich Degrowth-Aktivisten mit gewissen Strömungen von Widerstand und alternativem Denken aus dem Süden.

Was kann die Degrowth-Konferenz in Budapest für ein besseres Verständnis zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden leisten?
Dass eine einzige Konferenz so etwas leisten muss, ist zu viel verlangt. Ich beziehe mich da eher auf die Degrowth-Bewegung, begreife diese als permanenten Prozess. Und ich habe große Hoffnungen, dass Degrowth neue Handlungsoptionen eröffnet. Dabei geht es zum einen um einen neuen Internationalismus - also darum, das man tatsächlich wahrnimmt, was im Globalen Süden los ist und nicht nur die Vision von einem ökologischen, energetisch gewendeten Deutschland verfolgt, sondern auf die strukturellen Nord-Süd-Beziehungen einwirkt. Zum anderen geht es um praktische Handlungsmöglichkeiten, die Individuen haben, indem sie zum Beispiel bestimmte Konsumgüter nicht kaufen oder wenigstens weniger kaufen.

Wenn weniger produziert und weniger konsumiert werden soll, müssten logischerweise auch Flugreisen eingeschränkt werden, weil diese die Umwelt zu stark belasten. Wie können sich die Menschen aus dem Norden und dem Süden dann überhaupt kennenlernen?
Man darf ja nicht nur quantitativ, sondern muss auch qualitativ denken. Es gibt so viele unsinnige Flugreisen, die überhaupt nicht stattfinden müssen.

Welche denn?
Ich finde nicht, dass jeder in den Urlaub oder ins Wochenende fliegen muss. Man kann auch Urlaub machen, ohne zu fliegen. Ich zum Beispiel fliege nicht mehr in den Urlaub, aber durchaus noch zu solchen Dialogevents.

Aus dem globalen Süden kommt zudem die Kritik, Degrowth sei eurozentristisch und nicht radikal genug. Was sagen Sie dazu?
Degrowth ist eine notwendige Ergänzung oder Entsprechung zu bestimmten Debatten, die im Globalen Süden stattfinden, wie zum Thema Postextraktivismus, Postkolonialismus und Alternativen zur Entwicklung. Natürlich ist Degrowth im Süden nicht eins-zu-eins umsetzbar. Doch auch im Süden führt Wachstum - wie im Norden - nirgendwohin. Man sollte im Süden die Schrumpfung der Wirtschaft nicht in den Vordergrund stellen, wenn man über Degrowth spricht, das wäre nicht produktiv. Aber es gibt den Begriff der imperialen Lebensweise, den ich sehr gut finde.

Was steckt dahinter?
Dieser Begriff beschreibt, wie eine kleine Minderheit der Weltbevölkerung für ihre Produktions- und Lebensweise die gesamten Ressourcen des Planeten beansprucht, natürlich auf Kosten der anderen. Unbegrenzter Konsum wird ja sowohl vom Norden als auch von den herrschenden Klassen im Süden als Idealbild gesehen, das es zu erreichen gilt, zum Beispiel durch nachholende Entwicklung. Dieses Idealbild stellt ein Bindeglied dar, das man kritisieren muss auf beiden Seiten - auf jeweils unterschiedliche Art und Weise. Denn es führt nur zu immer mehr Ungleichheit und vertieft die ökologische Krise.

Ist es nicht aber so, dass man erst eine bestimmte Ebene an gesellschaftlicher Entwicklung erreicht haben muss, um zu erkennen, dass übermäßiger Konsum ein Irrweg ist?
Das mit der Ebene entspricht einer bestimmten Fortschrittslogik, der ich widersprechen möchte. Ich bin gegen das linke lineare Verständnis von Fortschritt und glaube, dass man anderen, nicht gänzlich kapitalistisch organisierten Lebensweisen mit mehr Respekt begegnen muss. Man muss begreifen, dass das andere wirklich anders ist. Das Konsumniveau ist nämlich in vielen anderen Lebensweisen überhaupt keine Messlatte. Die Messlatte müsste also sein: Haben die Leute das, was nach ihrer Definition für ihre Bedürfnisse wichtig ist? Wir aber fragen: Habt ihr denn schon alles das, von dem wir denken, dass es für euch wichtig ist?

Trotzdem, sagen Sie, muss Degrowth im Globalen Süden unter anderen Vorzeichen umgesetzt werden.
Nein, ich sage nicht, dass Degrowth umgesetzt werden muss. Sondern der Wachstumswahnsinn muss auch im globalen Süden kritisiert und gestoppt werden. Ob das aber dasselbe ist, was hier als Degrowth bezeichnet wird, würde ich infrage stellen. Ich halte zum Beispiel nichts davon, wenn in Indien Degrowth-Konferenzen stattfinden.

Warum?
Eine Degrowth-Konferenz in Indien würde ja wieder einem imperialen Prinzip folgen. Degrowth darf aber dem Globalen Süden nicht übergestülpt werden. Und: Degrowth sollte im Globalen Norden vor allem eine Praxis sein, nicht nur eine politische Forderung. Die Expansion von Initiativen, die Degrowth praktisch umsetzen, müsste hier stattfinden.

Nun gibt es auch das Weltsozialforum, das sich für ein Allianzen zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden einsetzt, das aber zunehmend kritisiert wird und an Bedeutung verliert. Ist Degrowth das bessere Weltsozialforum?
Wir brauchen Orte des kontinuierlichen internationalen Dialogs mit einer Perspektive auf tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Unter welchem Namen diese Dialoge stattfinden, ist zweitrangig.

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