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Imposante Gesamtkomposition

Berlins 28. »Tanz im August«: die beste Festivalausgabe seit langem

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Es gehörte fraglos zu den am meisten mit Spannung erwarteten Gastspielen beim 28. »Tanz im August«: das Cullberg Ballett aus Schweden. Von seiner Gründerin und Namensgeberin Birgit Cullberg war es über mehr als zwei Jahrzehnte mit literarisch-dramatischen Sujets gefüttert worden, und auch ihr Sohn und Nachfolger Mats Ek konnte durch seine international Maßstäbe setzenden Kreationen, moderne Lesarten von Klassikern etwa oder psychologisch tiefschürfende Miniaturen, den Erfolg der Compagnie noch steigern. Seit 2014 leitet Gabriel Smeets die nach wie vor in Stockholm ansässige Truppe, hat jedoch durch Hinwendung zu zeitgenössischen Techniken ihr Profil gründlich verändert. So ließ vor Kurzem der gebürtige Niederländer Jefta van Dinther mit einer skulpturalen Choreografie mit Seilen aufhorchen und arbeitet weiter mit der Gruppe. Beim »August«-Festival zeigte sie im Haus der Berliner Festspiele eine neue Arbeit, die weit zurückgreift und doch ganz auf Brückenschlag abonniert ist. Für das einstündige »Figure a Sea« engagierte man mit der Mittsiebzigern Deborah Hay eine Choreografin der amerikanischen Postmoderne und mit der Endsechzigerin Laurie Anderson eine Vertreterin der elektronischen Musik. Tänzer seien, so erklärten die beiden übereinstimmend, ein »Meer der Möglichkeiten«.

Weiß ist der mittig liegende Tanzteppich, der sich farblich in die Rückwand fortsetzt: Die teilt sich in eine beleuchtete und eine matte Hälfte. Schon vor Beginn sind die 17 Tänzer auf der Szene, proben ihre Sequenzen. Eine Stunde lang fluten die Akteure in sanftem Tanz über das Weiß als Ort der Aussage, ohne indes etwas anderes mitzuteilen als sich selbst: bewegte Teilchen einer Gesamtkomposition. Dehnung und Torsion stehen neben klassischem Exercice, Körper kippen ab, flache Hände erheben sich, Soli wechseln mit Gruppenaktion. Selten ist sie synchron, bietet vielmehr der Individualität Raum und erzeugt so einen steten Fluss, den Augenblicke des Verharrens unterbrechen, als speise sich aus zeitweiliger Ratlosigkeit der nächste Bewegungsschub.

Was bisweilen wie ein Requiem anmutet, selbst groteske Posen nicht scheut und Armführungen zu einem der Themen erhebt, ist ein harmonischer, liebenswürdig anmutiger Versuch, jene Stile in Einklang zu bringen, die einander lange erbittert bekämpft haben: Klassik und Moderne. Trägt die Musik mit ihrem oft spärischen Klang zur meditativen Wirkung bei, gibt sie ihre Zurückhaltung erst am Ende auf: Der Tanz ist bereits verebbt, als sie bei erlöschendem Licht kurz anschwillt.

Auch weitere Gastspiele forschten dem Formenreichtum und der Ausdruckskraft des Tanzes nach. Die Belgierin Lisbeth Gruwez unterzog die fünf Tänzer ihrer 2006 gebildeten Gruppe Voetvolk einem Dauerzittern, bei dem sich die Formation fast unmerklich verändert und im Tremorzustand den Raum durchwandert: Lachen ist in »AH|HA« eine Vorstufe zur Ekstase. Nicole Beutler aus München gelang mit »6: The Square«, dem zweiten Teil ihrer Bauhaus-Tilogie, eine Abfolge choreografisch brillanter Teile zum Thema Quadrat, nicht aber ein stringentes Stück: Zu sehr verselbstständigt sich der aufdringliche Text. Gesprochen wird auch in »Everyness«, aber Honji Wang und Sébastien Ramirez aus Frankreich wissen das Wort so dosiert einzusetzen, dass es vom hochakrobatisch aufgeladenen Dauerkampf zwischen Begehren und Abgelehntsein nicht ablenkt. Mit imposantem Furor und ebenso viel Witz changieren hier fünf formidable Tänzer unter der Last einer aufblasbaren Erde von HipHop zu Artistik und Spiel: einer der besten Festival-Beiträge.

Einige Gastspiele verhandelten die Diskriminierung von Schwarzen und Schwulen, konnten dabei aber nicht überzeugen; Behinderung und Alter waren nicht unbedingt bewältigte Anliegen. Meg Stuarts zu lang geratenes Solo »Blessed« von 2007, Zusammenbruch einer paradiesischen Scheinwelt unter sintflutartigem Regen, bekam angesichts von Emigranten in Massencontainern auf schlammigem Grund eine unerwartet aktuelle Lesart. Den nachwirkenden Punkt unter den Gastspielreigen setzte der Syrer Mithkal Alzghair: In »Displacement« visualisiert er formstreng und reduziert das Trauma des Krieges selbst im Tanz.

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