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Die irre Welt der Twitternazis

Über die sozialen Medien bildet sich eine rechte Kultur heraus, von der linke und liberale Nutzer nichts mitbekommen

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Noch 2011 wurden die sozialen Netzwerke als Instrument der Revolte gefeiert. »Facebook-Revolution« wurde die Arabellion im Nahen Osten genannt, weil das Netzwerk für die Mobilisierungen und die schnelle Verbreitung von Informationen über politische Ereignisse eine zentrale Rolle spielte. Doch längst hat auch die Rechte die neuen Medien für sich erobert.

Eine neue Studie in den USA hat ergeben, dass die Zahl der Accounts von Neonazis und Weißen Nationalisten in den letzten vier Jahren um 600 Prozent angestiegen sind. Die schöne neue Nazi-Welt dreht sich hier hauptsächlich um einen neuen Helden: Donald Trump. Der konservative US-Präsidentschaftskandidat ist unter den fünf meistgetweeteten Themen der US-Neonazi-Nutzer*innen und löst damit David Duke ab, einen Ex-Anführer des Ku-Klux-Klans.

In der Studie der George Washington Universität untersuchten Wissenschaftler 18 Accounts der größten Gruppen der ultrarechten »White Nationalist«-Bewegung, darunter die »American Nazi Party« und das »National Socialist Movement«. Sie verzeichneten ein großes Wachstum, die Follower nahmen von 3.500 im Jahr 2012 auf 22.000 im Jahr 2016 zu.

Faktenresistente rassistische Erzählungen made by Facebook

Einen größeren Einfluss auf die politische Polarisierung hat jedoch nicht nur das rein quantitative Wachstum extrem rechter Accounts, sondern auch die Intensivierung rechter Erzählungen, die die verstärkte Nutzung der Sozialen Medien mit sich bringt. »Über die sozialen Netzwerke wird eine faktenresistente, rassistische Erzählung verbreitet. Durch die Facebook-Filterblase wird sie gegen Informationen abgedichtet, die ihr widersprechen. Das stärkt den Rassismus«, erklärt etwa der Protestforscher Simon Teune die neue Stärke der Rechten auch in Deutschland.

Wie die Welt durch die braunen Gläser einer rechten Filterblase aussieht, kann man sich derzeit auf einer neuen Internetplattform des Wall Street Journal anschauen. Unter dem Titel »Blue Feed, Red Feed« zeigt sie aktuelle Facebook-Timelines sowohl konservativer, als auch liberaler US-Nutzer nebeneinander an – und stellt damit zwei völlig unterschiedliche Realitäten nebeneinander.

»Das ist Rosa Parks & Muhammed Ali mit Donald Trump«, steht da auf einem Foto, das einen jungen Trump mit den Schwarzen Freiheitskämpfern zeigt. Darunter in fetten Lettern: »Er wurde nie des Rassismus beschuldigt, bis er sich mit Hillary und den Demokraten anlegte!«. 543 Likes. Switch auf die blaue Seite der Welt: »Ja, du bist ein Rassist, wenn du Donald Trump unterstützt!«, steht da in ebenso fetten Lettern, ein Foto mit Trump, installiert vor einem Hakenkreuz im Hintergrund. 512 Likes.

Möglich macht diesen Blick in rechte und linke Welten eine Studie, die der Facebook-Konzern 2015 veröffentlichte: »Der Umgang mit ideologisch unterschiedlichen News und Meinungen auf Facebook«. Sechs Monate lang verfolgten und analysierten die Wissenschaftler geteilte Inhalte bei 10,1 Millionen anonymisierten Nutzern, die ihre politische Einstellungen auf ihrem Profil preisgegeben hatten. Sie wurden in die Kategorien sehr liberal, liberal, neutral, konservativ und sehr konservativ eingeteilt. Auf diese Weise wurden politische Quellen aufgelistet, die ihrerseits politisch kategorisiert wurden. Das Ergebnis eröffnet Einblicke in Konservative und Demokratische Accounts – und offenbart, schön aufgegliedert in die Themen Abtreibung, Trump, Clinton und Transgender: Facebook macht uns die Welt, widdewidde wie sie uns gefällt.

Filterblasen machen’s möglich

Geprägt hat den Begriff der Filterbubble der US-Autor Eli Pariser. Er bezeichnet das »persönliche Informationsuniversum, das Sie online bewohnen - einzigartig und nur für Sie aufgebaut von den personalisierten Filtern, die das Web jetzt antreiben.«

Anders gesagt: »Ein Eichhörnchen, das vor deinem Haus stirbt, könnte für dich in diesen Augenblick wichtiger sein als Menschen, die in Afrika sterben.« So beschrieb den Filtereffekt der Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg in dem Buch »The Facebook Effect«. Technisch funktioniert die Blasenbildung über den »Edge-Rank«, einen speziell von Facebook generierten Algorithmus für die geposteten Nachrichten, der die Interaktionen der einzelnen Nutzer auswertet, also Kommentare, Chats, Teilungen, Likes. Das ist praktisch: Wer die Kaninchenzucht zum Hobby hat, bekommt weniger Katzenfotos angezeigt, und wer viele linke Freunde hat, kennt immer die neuesten Beiträge zu linken Debatten.

Ultrarechte Sängerin battled mit Jennifer Rostock

Das Problem: Die politische Polarisierung wird durch diese Filtermechanismen gestärkt, mit Widersprüchen wird das eigene Denken so gut wie nicht mehr konfrontiert. Im Ergebnis sehen rechts ausgerichtete Nutzer den ganzen Tag nur noch Gewalttaten von Flüchtlingen gepostet: Jede Polizeimeldung, in der das Verbrechen nicht von weißen Deutschen begangen wurde, wird akribisch aufgelistet. Wie solch eine Welt aussieht, kann man auf Seiten wie »Bündnis Deutscher Patrioten« oder »Wir für Deutschland« erahnen. Hier wird das Wahldebakel der Grünen im Nordosten mit einem Foto bejubelt, auf dem ein blauer AfD-Panzer einen grünen Kleinwagen platt macht. Während linke Facebook-Profile mit Reisewarnungen für das Rechtsaußen wählende Usedom überquellen, wird die Insel im neuen AfD-Header als »Urlaubsparadies« gefeiert. Während Linke deutschlandweit den Youtube-Song von Jennifer Rostock gegen die AfD teilten, singt auf ultrarechten Pages die rechte Sängerin Melanie Halle darüber, dass gegen diese Invasion »nur eins« helfe: »Remigration.«

Eine Bloggerin hat für das Internetportal Bento aufgeschrieben, wie die neurechte Welt im Netz funktioniert. Unter einem Fake-Namen registrierte sie sich, Deutschlandfahne als Header, Katze als Profilbild. Innerhalb eines Tages hatte sie 103 neue rechte Freunde. In Facebook-Gruppen wie »Heimatliebe« oder »Merkel muss weg« las sie, wie toll die AfD ist, dass es keine Meinungsfreiheit mehr gibt, und wie man Hunde zum Schutz gegen gewalttätige Flüchtlinge abrichtet. Schnell wurden die Freunde persönlich, erzählten von ihren privaten Problemen. Nach innen hin eine solidarische Community – für Weiße, mit Informationen und News nur für Rassisten. »Melanie« flüchtete nach wenigen Tagen aus ihrem Experiment, mit dem Fazit: »Ich möchte zurück in meine Welt, in meine Filterbubble aus toleranten, weltoffenen Menschen, eine Filterbubble aus Künstlern, Politikern und meinen Freunden.« Eben schnell zurück in unsere Welt: widdewidde sie uns gefällt.

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