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Spiele gegen Barrieren

Rio veranstaltet die ersten Paralympics in Lateinamerika und hofft auf eine verstärkte Behindertenförderung

  • Von Ronny Blaschke, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 4 Min.

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Gegenüber dem Copacabana Palace, dem bekanntesten Luxushotel Rio de Janeiros, mustern Passanten eine Skulptur mit drei Sicheln in Rot, Blau und Grün und schauen einander fragend an. Eine Helferin im kanariengelben T-Shirt erklärt ihnen, dass die Skulptur »Agitos« darstelle, der lateinische Begriff für Bewegung. Es ist das Symbol der Paralympics, mit den drei weltweit häufigsten Farben in Nationalflaggen. Para, das griechische Wort für »neben«, soll die Nähe zu Olympia verdeutlichen, erzählt die Helferin. Dass die Paralympier bis 1987 die fünf olympischen Ringe als ihr Logo führten, sagt die Frau nicht. Erst auf Druck des IOC mussten sie sich ein neues Symbol suchen.

Die Weltspiele des Behindertensports erschließen eine neue Zielgruppe. Fünf Mal fanden sie bereits in Nordamerika statt, nun steht die lateinamerikanische Premiere an. An diesem Mittwoch beginnen die 15. Sommerspiele, mit rund 4350 Athleten aus mehr als 170 Ländern. Aufgrund der schlechten Finanzlage der Stadt ist sie aber von massiven Kürzungen betroffen. Einige olympische Sportstätten werden entgegen ursprünglicher Planungen nicht genutzt, der Transfer von Delegationen und Journalisten ist eingeschränkt. Um die Spiele zu retten, brachten die Stadt Rio und die Bundesregierung nun rund 68 Millionen Euro auf, die von halbstaatlichen Einrichtung wie dem Ölkonzern Petrobras gesponsert wurden. In die Hochhäuser des Paralympischen Dorfes sind nunmehr fast alle Sportler und Betreuer eingezogen. Alles habe gut funktioniert.

Die Organisatoren interpretieren die Spiele als Symbol für den Fortschritt, vor allem für die fast 30 Millionen Menschen, die in Brasilien mit einer Behinderung leben. Die Lage ist zwiespältig: Die moderne Verfassung Brasiliens von 1988 benennt zwei Amtssprachen: Portugiesisch und die Gebärdensprache Libras. Brasilien gehörte zu den ersten Unterzeichnern der UN-Behindertenrechtskonvention. Viele Details wurden 2015 in einem nationalen Gesetz verabschiedet: Barrierefreiheit, Behindertenquoten auf dem Arbeitsmarkt und das Zutrittsrecht mit Blindenführhunden. Doch diese Papiere haben mit der Wirklichkeit wenig zu tun, sagt Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch in Deutschland: »In den Favelas können Millionen Menschen von Barrierefreiheit nur träumen.«

Für behinderte Menschen in den Armenvierteln sind Bildung, Medizin oder gute Rollstühle unerreichbar. In einer Studie gaben 80 Prozent von ihnen an, dass sie sich nicht respektiert fühlen. Und diese Zahl dürfte weiter wachsen, denn die Ungleichheit in Brasilien wird größer. »Wir möchten mit den Paralympics eine Zeitenwende einleiten«, sagt Andrew Parsons. Der ehemalige Journalist ist seit 2009 Präsident des Paralympischen Komitees in Brasilien. »Wir wollen die Sichtbarkeit von behinderten Menschen stärken und die Infrastruktur langfristig verbessern. Für uns ist das eine Revolution.«

Parsons verweist auf die technische Entwicklung in Rio, von der künftig auch Touristen mit Behinderung oder ältere Menschen mit Gehhilfen profitieren sollen. Viele Hotels und Touristenattraktionen sind schon lange barrierefrei, doch inzwischen sind auch zwei Drittel der Busse in Rio für Rollstuhlfahrer zugänglich.

Im Behindertensport zählen die Brasilianer zu den Aufsteigern. Ihr Paralympisches Komitee wurde 1998 von der Regierung anerkannt und erhielt 2001 erstmals Geld aus der Lotterie. Talentsichtung und Trainingslehre wurden professionalisiert. Seit 2004 überträgt das brasilianische Fernsehen die Paralympics. Und so stellte sich schnell Erfolg ein: Platz 14 im Medaillenspiegel 2004 in Athen, Rang neun 2008 in Peking, Platz sieben in London 2012. Die Brasilianer verfügen über den einträglichsten Sponsorenvertrag aller Paralympischen Komitees weltweit. Eine Bank überweist umgerechnet mehr als acht Millionen Euro im Jahr.

Stets wurden die Spiele als Anstoßgeber gefeiert, aber was ist danach tatsächlich passiert? Nach den Spielen 2000 in Sydney erweiterte die australische Regierung die Bauvorgaben für Barrierefreiheit, aber die Sportförderung wurde zurückgefahren. In Athen profitieren Besucher noch heute von der Infrastruktur für die Wettkämpfe, aber der Behindertensport führt ein Schattendasein. In Sotschi wurden für die Winterspiele 2014 Musterbauten geschaffen, aber die werden kaum noch genutzt.

Oder Peking 2008. »Ich höre immer wieder, dass Menschen mit einer Behinderung in China weniger versteckt werden als früher«, sagt die frühere Biathletin und zwölffache Paralympicssiegerin Verena Bentele. »Doch es wäre gut, diese Entwicklung genauer zu dokumentieren. Die Sportverbände sollten mit den Austragungsorten im Austausch bleiben. Davon profitieren dann künftige Gastgeber.« Bentele ist seit 2014 Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Als eine von wenigen Städten hat London die Wirkung seiner Spiele 2012 erforschen lassen: Bei drei Vierteln der Briten habe sich die Einstellung zu Menschen mit Behinderung laut einer Umfrage verbessert.

Brasilien ist von solchen Werten weit entfernt. Es gibt Stimmen, die hohe Ausgaben für die Paralympics kritisieren, wenn zeitgleich behinderte Menschen in Favelas ihre Wohnungen nicht verlassen können. Andrew Parsons sieht das anders und verweist auf das neue Behindertensportzentrum in São Paulo, errichtet für 15 Sportarten, aber auch für die Entwicklung des Rehabilitationssports von Unfallopfern: »Wir möchten dieses Zentrum auch für Sportler aus anderen Ländern Lateinamerikas öffnen.« In den vergangenen Monaten wurden zudem Dutzende Sportlehrer, Trainer und Physiotherapeuten im Umgang mit Behinderungen geschult, gefördert von der Sporthochschule Köln. Maßnahmen, die es ohne die Paralympics kaum gegeben hätte.

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