Werbung

Ex-Bürgermeister von Tröglitz kritisiert Schweigen der Mitte

»Brandgefährlich«: Anderthalb Jahre nach dem Brandanschlag nennt es Nierth »schockierend«, dass AfD »einen wirklichen Rechtsruck« bewirkt hat

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Berlin. Knapp eineinhalb Jahre nach dem Brandanschlag auf eine bezugsfertige Asylunterkunft in Tröglitz hat der frühere Ortsbürgermeister Markus Nierth seine Erlebnisse in einem Buch verarbeitet. In »Brandgefährlich - Wie das Schweigen der Mitte die Rechten stark macht« rekapituliert er seine Gedanken und Lehren rund um die NPD-geführten Aufmärsche, seinen Rücktritt und den Anschlag. »Mit meinem heutigen Wissen würde ich deutlich eher klare Grenzen benennen«, sagte der 47-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Es sei zwar wichtig, verständnisvoll zu sein und alle Menschen abzuholen. »Aber gerade gegenüber denen, die unbelehrbar sind und die Hass streuen wollen, muss man früh Kante zeigen und widersprechen.«

Diese Einsicht passe auch in die aktuelle politische Debatte nach den Wahlerfolgen der Rechtsaußen-Partei AfD. »Es ist schockierend, dass es die AfD geschafft hat, einen wirklichen Rechtsruck in der politischen Diskussion zu erreichen. Man läuft denen nach, die laut schreien, obwohl sie letztlich nur etwa 20 Prozent hinter sich vereinen und vergisst die anderen 80 Prozent.«

Er selbst wünsche sich eine neue Vermittlung von Werten, sagte der Theologe, der heute als Trauerredner arbeitet. Weil humanistische Werte fehlten und viele Menschen unzufrieden und orientierungslos seien, gelinge es der AfD, sich auszubreiten. Die Partei führe in ihrer Logik den Zeitgeist aus Egoismus und Verantwortungsscheu fort. »Von dem Gefühl eines egozentrischen «Ich zuerst» ist es dann nicht mehr weit zu «Mein Volk zuerst».«

Der Gedanke der Mitmenschlichkeit werde immer weiter zurückgedrängt, weil sich jeder selbst der nächste sein solle. »Und in dem Schweigen der Mehrheit, diesem Instinkt des Ruhehabenwollens, darin sehe ich eine große Gefahr.« Nicht nur die Parteien, auch die Zivilgesellschaft müssten aktiv werden und Positionen beziehen.

In seinem seit Mittwoch erhältlichen Buch beschreibt Nierth zusammen mit der Journalistin Juliane Streich, wie sich lange vor dem ereignisreichen Frühjahr 2015 die Stimmung in dem kleinen Ort im Burgenlandkreis aufheizte. Gerüchte verbreiteten sich, lange bevor es offizielle Informationen gab. Die neonazistische NPD engagierte sich und konnte die Stimmung nutzen. Nierth beschreibt, wie er versuchte, die Wogen zu glätten, Berufspolitiker dazu zu bewegen, mit Informationen gegen die Gerüchte anzugehen.

Er habe sich alleingelassen gefühlt, klagt er noch heute. Als der Landkreis im März vorigen Jahres eine Aufmarschroute direkt an seiner Haustür entlang erlaubte, angeführt von der NPD, trat Nierth zurück. Einen Monat später brannte das Haus, das für 40 Geflüchtete vorgesehen war. Der Ex-Bürgermeister erhob weiter die Stimme, engagierte sich für die ersten eintreffenden Flüchtlinge.

Bei diesem Engagement will er es belassen. In Tröglitz. Der Familienrat habe nach all strapaziösen Monaten über einen Umzug nach Leipzig abgestimmt, erzählte Nierth. Die Familie habe sich für das Bleiben entschieden. »Wir halten es aus und wir kämpfen«, sagte er. Deshalb habe er auch das Buch geschrieben. Er wolle nicht schweigen. »Mir wurde auch eine politische Kandidatur angetragen«, ergänzte der 47-Jährige. »Aber das kommt für mich im Moment nicht infrage.« dpa/nd

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen