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Die Rote Reihe lebt

Band 20 der Edition »Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus« der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist erschienen

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Ihr Name wird fortleben und so auch ihr Werk. Zugegeben: Diese von Engels mutatis mutandis geliehene Weissagung für einen Säulenheiligen muss für gewöhnlich Sterbliche und ihre Leistung als unangemessene hyperbolische Rhetorik anmuten. Doch ist sie wirklich maßlos übertrieben? Die Edition »Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus«, genannt die Rote Reihe und gerade auf 20 Bände angewachsen, dürfte noch als authentische Quelle einer abgelebten epochalen Erscheinung sprudeln, wenn deren Autoren die eigene Lebensbühne längst verlassen haben.

Es wird deren originäres Verdienst bleiben, das Bild des deutschen Kommunismus historisch-konkret umrissen zu haben: in seiner humanistischen Verheißung, seinen theoretischen und real-politischen Entwicklungsetappen, seinen Erfolgen und Niederlagen, seinem mitverschuldeten staatlichen Untergang. Jenseits von »Hosianna!« und »Kreuzigt ihn!« haben der Herausgeber Klaus Kinner und der Verleger Jörn Schütrumpf sowie ihre Mitstreiter ein rotes Zeitalter besichtigt, beschrieben und bewertet, das das 20. Jahrhundert so maßgeblich beeinflusste und in dessen konstruktiv-kritischer Tradition die heutige entschiedene Linke steht.

Als einzigartige, fortwirkende Publikation ragt die Rote Reihe auch aus anderen Gründen aus der Flut unzähliger Geschichtsbücher heraus. Ihre Schöpfer trotzen dem populistisch-kommerziellen Buchmarkt dieser Tage, indem sie mit viel Idealismus die Kontinuität der Serie sichern, wie sie mit profanem Gewinnstreben nicht zu haben wäre. Beispiellos zudem: In der Roten Reihe finden auch Autoren ihre Heimstatt, die im »real existierenden« sozialistischen Deutschland keine Chance hatten, ihre Ideen im öffentlichen Raum zur Diskussion zu stellen. Ein editorisches Konzept, das für ein demokratisch-plurales Geschichtsbild steht. Und so dem Rosa-Luxemburg-Vermächtnis von der Freiheit als Freiheit der Andersdenkenden faktischen Ausdruck verleiht.

Die 20 Bände sind seit 1999 in kurzer Folge erschienen, noch ein Alleinstellungsmerkmal für Serienproduktionen in der Buchbranche. Der jüngste Titel von 2016 dokumentiert revolutionäre und private Facetten Rosa Luxemburgs im Brieftagebuch von Käte und Hermann Duncker. Sehr zur Freude Klaus Kinners, der die Rote Reihe begründet und sich ihr bis heute als Autor und Herausgeber verschrieben hat.

Nun ist der Leipziger Historiker am 1. September 70 geworden. Doppelter Anlass, just an diesem Tag Werk und Jubilar mit einem Kolloqium in der Rosa-Luxemburg-Stiftung am Berliner Franz-Mehring-Platz zu würdigen, zumal Kinner sich als langjähriger Geschäftsführer der sächsischen Dependance in Leipzig auch um die Entwicklung der Stiftung verdient gemacht hat. Seit 2015 leitet er hier zudem das von ihm initiierte Ständige Rosa-Luxemburg-Seminar.

Unter dem Generalthema »Rosa Luxemburg ante portas. Zur Luxemburg-Rezeption im 20. Jahrhundert«, moderiert von Monika Runge und Manfred Neuhaus (beide Leipzig), früheren Vorsitzenden der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, begaben sich also langjährige Weggefährten auf eine »Gratulationscour« nach Rosas Art: wahrhaftig und akribisch in der Argumentation, kritisch und kühn im Denken. Jörn Schütrumpf (Berlin), Leiter des Karl Dietz Verlages, skizzierte die nicht stolperfreie editorische Karriere der Roten Reihe. Heinz Deutschland (Graal-Müritz) charakterisierte als Herausgeber den Band 20, das Brieftagebuch der Dunckers, als wichtiges Quellenwerk Luxemburgischer Kommunikation.

Wladislaw Hedeler (Berlin) umriss die spärliche Luxemburg-Rezeption in der Sowjetunion und Russland. Über den Anti-Luxemburgismus Karl Korschs referierte Michael Buckmiller (Hannover). Klaus Kinner selbst rühmte Paul Frölichs Luxemburg-Biografie wider das Verdikt der Komintern. Werner Abel (Oberschöna) beleuchtete das ambivalente Verhältnis von Rosa Luxemburg und Hannah Arendt, während Elke Reuter (Berlin) dies für die SED neuen Typs nachzeichnete. Die widersprüchliche Situation aktueller Traditionspflege um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erörterte Jürgen Hofmann (Berlin).

Mit innovativ-kühnen Überlegungen bejahten Volker Caysa (Leipzig) und Michael Brie (Berlin) die Frage nach aktueller Opportunität des Luxemburgischen theoretischen Erbes. Caysa entwickelte in einer theoretisch dichten Argumentation, dass und warum die landläufige Interpretation ihrer Demokratieauffassung notwendig einer Erweiterung bedürfe. Seiner Ansicht nach gründet sich Luxemburgs Demokratieverständnis, auch von Lukacs verkannt, »in der Rücksichtnahme auf die Volksstimmung und die Gewährung öffentlicher Freiheit«. Nur so scheine es ihm möglich, den Antagonismus zwischen ökonomisch-funktionaler Ratio der politischen Elite und den stimmungsinhärenten Energien der Massen zu überwinden.

Brie interpretierte Rosa Luxemburgs Akkumulationstheorie, die das orthodox-marxistische Verständnis sprengte, als Ausgangspunkt einer radikalen Reformulierung der Kapitalismuskritik. Das Dogma von einst, alles werde durchkapitalisiert, löse sich in der Erkenntnis auf, wonach sich der Kapitalismus langfristig nur über Nichtkapitalistisches reproduzieren könne. Rosa Luxemburg habe den Kapitalismus nicht einseitig als Ausbeutungssystem, sondern auch als Zivilisationsmodell begriffen. Ihre Ideen - und da trafen sich Caysas und Bries Überlegungen - orientierten auf ein gewandeltes Bild von Kapitalismus und Sozialismus, von Sozialismus im 21. Jahrhundert und auf die strategische Aufgabe für die heutige demokratische Linke.

Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus. 20 Bände. Hg. von Klaus Kinner im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. Karl Dietz Verlag, Berlin. Infos unter dietzberlin.org/Rote-Reihe

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