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Stimme der Unsichtbaren

Lagarder Danciu ist in kürzester Zeit einer der wohl bekanntesten Aktivisten Spaniens geworden. Ein junger Mann mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Von Carmela Negrete

  • Von Carmela Negrete
  • Lesedauer: 8 Min.

Ihr seid die Mafia! Die Partido Popular ist die Mafia!« Ein junger Mann schreit den spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy und seine Minister an, die sich für ein Foto im vergangenen Juni in Madrid vor einem Wahlplakat der Partei aufgestellt haben. Zwei Sicherheitskräfte drücken den Mann zu Boden und greifen ihn aus der Menge heraus. Das Bild war in allen Nachrichtensendern und Tageszeitungen in Spanien die Spitzenmeldung. Das ganze Land lernte zum ersten Mal Lagarder Danciu kennen.

Einen Rucksack, eine Hose, T-Shirt und Sportschuhe. Mehr braucht er nicht. Die Sachen sind nicht neu und Flecken haben sie auch. Immerhin lebt Lagarder seit einem Jahr freiwillig auf der Straße. »Jeden zweiten Tag stirbt ein Obdachloser in Spanien«, wiederholt er unermüdlich. Lagarder setzt sich für Obdachlose, für Roma, für Homosexuelle und für Migranten ein. Er gehört selbst zu jeder dieser Minderheiten in Spanien. Lagarder ist außergewöhnlich hübsch und charmant. Er spricht mittlerweile ein fast akzentfreies Spanisch.

»Die Leute werden krank und sterben auf der Straße. Das sind institutionelle Ermordungen«, hat er kürzlich auf ein Plakat geschrieben und sich damit fotografiert. Dann postete er das Bild bei Facebook und Hunderte von Menschen teilten es. Viele kennen ihn inzwischen, weil er seit Monaten als eine Art Reporter auf den Straßen von Sevilla, Madrid und Barcelona unterwegs ist. Mit seinem Handy dokumentiert er das Leben von Wohnungslosen. Sie erzählen ihm, dass sie Arbeit hatten, eine Wohnung, ein Auto - bis die Krise kam und ihnen alles nahm.

Lagarder wuchs in der Ceaucescu-Zeit in einem Kinderheim in Rumänien auf. Später erfuhr er, dass seine Mutter ihn in einem Krankenhaus abgegeben hatte. »In der Schule haben mich meine Lehrerinnen vor den anderen Schülern erniedrigt und, obwohl ich weinte, machten sie immer weiter«, erzählt er und isst dabei sein Hähnchen mit Curry. Er hat Hunger und wurde eingeladen, also muss er zugreifen. Für zwei der Betreuerinnen im Heim war seine Bildung verschwendete Zeit, sie schickten ihn deshalb oft nach draußen, um die Hunde zu füttern. »Ich konnte kaum lernen. Aber die Hunde verstanden meine Trauer.« Dort im Heim begann sie zu wachsen, Lagarders Empörung über die Situation der Roma in Rumänien. »Die Erzieher haben immer mit Verachtung über das Volk der Roma geredet.« Schon kleine Kinder fingen an, sich dafür zu schämen, Roma zu sein.

Als Lagarder neun Jahre alt war, endete der Sozialismus in Rumänien gewaltsam. »Wir guckten im Fernsehen mit an, wie der Diktator erschossen wurde«, sagt er. Brutal sei es gewesen, das zu sehen und mit Sicherheit sei das Ceaucescu-Regime das falsche gewesen, aber den Kommunismus hält er trotzdem für ein System, das am nächsten dran ist an einer Gesellschaft der wahren Chancengleichheit. Der Kapitalismus, findet Lagarder, steht im Gegensatz nur für Konsumismus und Konkurrenz. »Wenn du kaufen kannst, dann bist du ein fähiges Mitglied der Gesellschaft. Wenn nicht, dann zählst du so viel wie Müll.«

Traurigkeit strahlt Lagarder trotzdem nicht aus. Selbst dann nicht, wenn er von den härtesten Kapiteln seines Lebens erzählt. Da ist die Mutter, die er nie kennenlernte. Seinen Vater suchte er und fand ihn in einem Hüttendorf in der Nähe der Stadt Slatina, 100 Kilometer westlich von Bukarest. »Es war toll zu sehen, wie er für die Roma und gegen den Hunger dort kämpfte. Er wollte nicht, dass die Menschen auswanderten.« Die Arbeiter hatten eine Stahlfabrik besetzt und sein Vater war mitten drin im Protest, erzählt er. Auch seinen Bruder, der den Namen Kennedy trägt, lernte er kennen. Mehr aber möchte er nicht erzählen, sonst werde er doch melancholisch.

Lagarder trinkt gegen den Durst Bier mit Zitronenbrause und erzählt weiter, wie er, trotz aller Schwierigkeiten, ein Universitätsstudium in Bukarest absolvierte. Er wurde Sozialarbeiter und Erzieher. »Im Sommer habe ich auf dem Bau gearbeitet. Mit dem Geld und den mageren Stipendien konnte ich das Studium finanzieren.« Auf der Universität versuchte Lagarder in Debatten immer, die Roma-Problematik zu thematisieren, erzählt er. »Meine Generation war die erste, die studierte Roma kennengelernt hat.«

Nach der Uni bewarb sich Lagarder auf eine Stelle in dem Heim, in dem er selbst bis zum 18. Lebensjahr gelebt hatte. Damals gab es nur eine Erzieherin, der er vertraute, die brachte ihm bei, mutig zu sein und dasselbe wollte er nun den Kindern mitgeben. »Dann habe ich mich aber mit dem Bischof der Region angelegt, weil er Geld veruntreut hat. Geld, das eigentlich von der EU kam, um den Roma zu helfen.« Die Direktorin des Heimes zeigte er aus ähnlichen Gründen auch an. Sie war die Tochter eines bekannten Politikers. Der Fall ging durch die Presse und am Ende musste Lagarder seinen Job als Erzieher aufgeben, sagt er.

»So wie die Gesellschaft in Rumänien ist, dachte ich, dass ich dort mein ganzes Leben mit dem Kampf ums Überleben verbringen, aber nie frei sein werde.« Er träumte von der Ferne und aus Liebe entschied er sich, nach Portugal zu gehen. »Ich hatte mich in einen Jungen verguckt und wir beschlossen, zusammen auszuwandern.«

Kaum in Santa Marta im Norden Portugals angekommen, lernte Lagarder, dass seine rumänischen Landsleute auch hier unter miserablen Bedingungen leben. Sie arbeiteten als Tagelöhner auf den Feldern. Zusammen mit seinem Freund erntete er tagein, tagaus Trauben. Sie lebten in einem verlassenen Haus mit 40 anderen Migranten. »Der Chef hat uns ab und zu sogar mit einer Peitsche geschlagen«, sagt er. In seinen Augen kann man die Wut sehen.

Er hätte gehen können. Nur wohin? Als Rom und Rumäne, ohne Geld und Sprachkenntnisse. Und so hoffte er zumindest auf die Bezahlung. Die kam aber nicht. Erst nach einiger Zeit und Protest zahlte man den Arbeitern 30 Euro aus. Das Essen kauften die Chefs für sie, weshalb sie auch gleich den Rest des Geldes einbehielten. »Am meisten haben mir die alten Menschen leidgetan«, sagt Lagarder. Sie waren in den 1990er Jahren in Rumänien arbeitslos geworden und wollten ihr Geld für die Familie im Ausland verdienen.

Lagarder zog dann doch weiter und es verschlug ihn nach Aracena im Südwesten Spaniens, wo er wieder als Tagelöhner arbeitete - und wieder um seinen Lohn geprellt wurde. Eines Tages traf er eine Frau, die sein Leben verändern würde. Sie war Lehrerin im Dorf und brachte Lagarder Spanisch bei, half ihm, seinen Uniabschluss anerkennen zu lassen. Es zog ihn in die andalusische Hauptstadt Sevilla, wo er als Dolmetscher für die Polizei, am Gericht und in verschiedenen Schulen arbeitete. Er hätte ein normales, ruhiges Leben führen können. »Dann aber musste ich erleben, wie die Polizei die Roma behandelte.« Als Übersetzer am Gericht empfand er viele Urteile gegen Roma aus Osteuropa unverhältnismäßig hart. Er schmiss den Job nach einigen Jahren hin. »Ich konnte das nicht länger tatenlos mit ansehen«. Auch seine Stelle als Erzieher gab er auf: »Die Schulen in Sevilla trennten die Kinder dort, wo sie genau das Gegenteil brauchen«, sagt er. So etwas wie Integration erlebte er nicht. Anstatt sich Zeit zu nehmen, um alle gleich zu fördern, sortierten viele Schulen die Kinder, weil sie dachten, dass die Guten so schneller vorankämen. Für die sozial Benachteiligten gab es Sonderunterricht.

In seinem Job als Erzieher kooperierte Lagarder eine Zeit lang mit der NGO Union Romani in Sevilla. Auch dort gab es Unregelmäßigkeiten mit der Finanzierung und am Ende zeigte Lagarder auch diese Organisation an. Ihr wird vorgeworfen, Hunderttausende Euro veruntreut zu haben, die die NGO vom spanischen Gesundheitsministerium bekam. Dank Lagarder begannen vor zwei Jahren die Ermittlungen. Ein Urteil ist noch nicht gefällt.

Lagarder fing an, sich für lokale Politik zu interessieren. Er war Teil der sogenannten 15.-Mai-Bewegung. Die Proteste der »Empörten« vor fünf Jahren gingen um die Welt. Später gründete er die Partei Podemos in Sevilla mit. Er wurde ihr Kandidat für den Stadtrat. Kurz danach aber schmiss er wieder hin. Die Partei habe eine zu große Distanz »zur Straße«, sagt er.

Im letzten Jahr gab Lagarder seine Wohnung auf, um sich für die Rechte der Obdachlosen einzusetzen. In Sevilla organisierte er einen kleinen Aufstand. Obdachlose kampierten und protestierten. Dann wurden sie geräumt. »Das Camp der Würde« fand dann noch einmal im Juli in Madrid statt. Für beide Proteste gab es wenig Aufmerksamkeit in der Presse.

Lagarder hat seine Berufung gefunden. »Ich habe nichts zu verlieren, ich muss weitermachen«, sagt er. Wie lange, weiß er nicht. Lagarder kennt keine Hemmungen. Das ist seine Stärke, aber auch sein größtes Manko. Er sagt, was er denkt, selbst wenn seine Existenz bedroht ist und wenn er Freunde anzeigen muss. »Das System gab mir diese Ausbildung und ich möchte sie nutzen, um für mein Volk zu kämpfen«, sagt er und lächelt.

Lagarder schreibt gerade an seiner Autobiografie. Man wird nicht alles nachprüfen können, was er erzählt. Aber der Teil seiner Geschichte, der mit dem bloßen Überlebenskampf zu tun hat, der hätte jedem Jungen wie ihm passieren können. Seine Entschlossenheit, seine Art, Menschen zu überzeugen unterscheiden ihn aber von anderen. Der Titel seines Buches, so wünscht er es sich, soll etwas sehr Kitschiges sein: »Träumen in einer Welt, die Träume verbietet«.

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