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Nicht pröbeln, sondern rechnen!

Vor 200 Jahren wurde der deutsche Mechaniker und Unternehmer Carl Zeiß geboren. Von Martin Koch

Er habe oft »mit Bewunderung und Dankbarkeit der Zeißschen optischen Werkstätten gedacht«, schrieb kein Geringerer als der Bakteriologe und Medizin-Nobelpreisträger Robert Koch. Denn er verdanke einen großen Teil der Erfolge, welche für die Wissenschaft zu erringen ihm vergönnt gewesen sei, den dort hergestellten »ausgezeichneten Mikroskopen«.

Carl Zeiß, der Gründer und Namensgeber der von Koch so gelobten Werkstätten, wurde am 11. September 1816 als fünftes von zwölf Kindern eines Drechslermeisters in Weimar geboren. Er besuchte das Gymnasium bis zur vorletzten Klasse und legte eine besondere Abiturprüfung ab, die es ihm erlaubte, einige naturwissenschaftliche Fächer an der Universität zu studieren. Da er sich aber mehr noch für technische Dinge interessierte, begann Zeiß 1834 eine Mechanikerlehre bei Friedrich Körner, dem Hofmechanikus der Universität Jena, dessen Dienste bereits Goethe in Anspruch genommen hatte.

Ab dem zweiten Lehrjahr durfte Zeiß pro Semester eine mathematische oder naturwissenschaftliche Vorlesung an der Jenaer Universität besuchen. Als er 1838 seine Lehre beendet hatte, erhielt er von Körner eine treffliche Beurteilung sowie ein Abgangszeugnis über die von ihm belegten Vorlesungen. Anschließend ging Zeiß für sieben Jahre auf Wanderschaft und sammelte berufliche Erfahrungen, unter anderem in Berlin und Wien, wo er Vorlesungen über populäre Mechanik hörte. Was ihn seinerzeit besonders fesselte, waren Dampfmaschinen und Lokomotiven, für Probleme der Optik interessierte er sich nur am Rande.

Nachdem sein Vorhaben, sich in Weimar als Mechaniker niederzulassen, gescheitert war, versuchte Zeiß sein Glück in Jena. Weil er für die Stadt eine Aufenthaltsgenehmigung brauchte, schrieb er sich erneut als Student an der Universität ein, bevor er im Mai 1846 eine Konzession zur Errichtung eines mechanischen Ateliers beantragte. Doch erst ein halbes Jahr später erhielt er grünes Licht von den Behörden. Mit einem Startkapital von 100 Talern, die er sich von seinem Bruder geliehen hatte, eröffnete Zeiß am 17. November 1846 seine Werkstatt. Darin baute und reparierte er zunächst physikalische und chemische Instrumente und verkaufte in einem kleinen Laden zudem Brillen, Fernrohre und Mikroskope von anderen Herstellern.

Einer, der als Berater von Zeiß oft stundenlang in dessen Werkstatt weilte, war der Botaniker und Universitätsprofessor Matthias Jacob Schleiden. Als Mitbegründer der Zellenlehre hatte dieser ein besonders Interesse an der Verbesserung des Mikroskops. Denn die Anordnung der darin befindlichen Linsen wurde damals nicht berechnet, sondern lediglich »erpröbelt«, so dass es kaum möglich war, Mikroskope mit reproduzierbarer Qualität zu fertigen.

Auf Schleidens Anregung begann Zeiß im Sommer 1847 mit dem Bau eigener Mikroskope, die rasch zum Verkaufsschlager wurden. Denn sie waren nicht nur besser, sondern auch billiger als die Produkte der Konkurrenz. Die Geschäfte liefen so gut, dass Zeiß alsbald seinen ersten Lehrling einstellen konnte. Da sich die namentlich von Wissenschaftlern gewünschten höheren Vergrößerungen nur mit zusammengesetzten Mikroskopen erreichen ließen, stellte Zeiß ab 1857 auch solche Geräte her. In seiner Werkstatt achtete er von Anfang an auf höchste Präzision. Und so geschah es gelegentlich, dass er dort produzierte Mikroskope, die nicht seinen Vorstellungen entsprachen, auf einem Amboss eigenhändig zertrümmerte.

Um bei der Konstruktion der mikroskopischen Optik nicht mehr »pröbeln« zu müssen, arbeitete Zeiss ab 1866 mit dem Physiker Ernst Abbe zusammen und machte diesen später sogar zu seinem Teilhaber. Der Erfolg gab ihm Recht. Ab 1872 verkaufte Zeiß nur noch Objektive, die nach Abbes Berechnungen hergestellt worden waren. 1875 beschäftigte die Firma bereits 60 Mitarbeiter, die im darauffolgenden Jahr das 3000. Mikroskop fertigten. Von unzureichender Qualität war dagegen das aus England, Frankreich und der Schweiz importierte optische Glas. Zeiß und Abbe holten deshalb 1882 den Chemiker Otto Schott nach Jena und richteten ihm ein glastechnisches Labor ein. Hier wurden Gläser entwickelt, die höchsten optischen Ansprüchen genügten und die Vorzüge der von Abbe entwickelten Theorie in den Zeiß-Geräten voll zur Geltung brachten.

Als Zeiß am 3. Dezember 1888 in Jena starb, hinterließ er ein florierendes Unternehmen, das 327 Mitarbeiter zählte und einen Teil seiner Produkte exportierte. In der Firmenbezeichnung wurde deshalb irgendwann das deutsche »ß« aus dem ursprünglichen Familiennamen durch ein Doppel-s ersetzt. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg gehörte die Firma Carl Zeiss zu den wichtigsten deutschen Herstellern von rüstungswichtiger Optik und beschäftigte während der Nazizeit Tausende von Zwangsarbeitern.

Nachdem sowjetische Truppen im Jahr 1945 Thüringen besetzt und Teile des Unternehmens demontiert hatten, wurde dieses 1948 verstaatlicht und später als VEB Carl Zeiss Jena in die Volkswirtschaft der DDR integriert. Daraus entstand 1965 das gleichnamige Kombinat, dem weitere Betriebe der optisch-feinmechanischen und Elektronik-Industrie angegliedert wurden, darunter 1985 das Kombinat VEB Pentacon Dresden. In den 80er Jahren umfasste das Zeiss-Kombinat 25 Betriebe und beschäftigte rund 70 000 Mitarbeiter. Zu den technologischen Spitzenleistungen des Unternehmens wird heute der Bau des ersten arbeitsfähigen DDR-Computers OPREMA (1955) gezählt. 1976 folgte die Entwicklung der Multispektralkamera MKF 6, deren Einsatz an Bord des Raumschiffes Sojus 22 in der DDR ein mitunter skurriles mediales Echo fand.

Doch blicken wir noch einmal zurück in den Sommer des Jahres 1945. Bei ihrem Abzug aus Thüringen hatten die US-Truppen zahlreiche Spezialisten sowie die Zeiss-Geschäftsleitung mit nach Württemberg genommen. Im Jahr darauf entstand in Oberkochen ein neuer Produktionsstandort. Die hier gegründete Firma führte ab dem 1. Oktober 1947 ebenfalls den Namen Carl Zeiss und lieferte die Objektive, mit denen 1969 die Fotografien der ersten Mondlandung gemacht wurden.

Das letzte Kapitel in der Geschichte von Zeiss Jena leitete nach der Wende die Treuhandanstalt ein, die das Unternehmen aufspaltete: in die Jenoptik GmbH und die Carl Zeiss Jena GmbH, die weiter das optische Kerngeschäft betrieb. 1991 erfolgte die formelle Vereinigung der Zeiss-Betriebe in Ost und West, vier Jahre später erwarb Carl Zeiss Oberkochen die noch im Besitz des Freistaates Thüringen befindlichen Anteile an der Carl Zeiss Jena GmbH. 2004 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, als deren einzige Eigentümerin die bereits von Ernst Abbe gegründete Zeiss-Stiftung fungiert. Mit weltweit über 24 000 Beschäftigten gehört die Carl Zeiss AG heute zu den international führenden Konzernen auf den Gebieten der Optik und Optoelektronik. Sitz der Konzernleitung ist Oberkochen.

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