Werbung

Mehr als ein kurzer Sommer

Die Kollektivierungen in Volksfrontspanien vor 80 Jahren. Von Paul Michel

Dort, wo der Putsch der spanischen Militärs um General Franco am 17./18. Juli 1936 gegen die spanische Volksfrontrepublik unterlag, war das zumeist nicht das Werk staatlicher Behörden. Bedeutende Teile des alten Staatsapparats, Polizei, Guardia Civil, Armee oder örtliche und regionale Verwaltung, hatten entweder mit der Rechten sympathisiert oder auf einen Kompromiss mit den Putschisten gehofft. Sie zogen es zunächst vor, von der Bildfläche zu verschwinden. Das galt auch für viele Industrielle und Großgrundbesitzer. Der Machtbereich der im Februar des Jahres gewählten Volksfrontregierung unter dem Universitätsprofessor José Giral reichte kaum über die Umgebung von Madrid hinaus. Die Macht lag praktisch auf der Straße. So löste der Putsch genau das aus, was er eigentlich verhindern sollte: eine Öffnung der Schleusen der sozialen Revolution.

Bewaffnete Arbeiterorganisationen und ihrer sich nun überall bildenden lokalen und regionalen Komitees richteten Patroullien zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und zur Bekämpfung der Konterrevolution ein. Sie rekrutierten und rüsteten Milizen aus, um sie an die Front in Aragon zu schicken. Sie übernahmen aber auch zivile Funktionen. In den Wohnbezirken größerer Städte bildeten sie Nachbarschafts- und Versorgungskomitees, die die Verpflegung der Stadtbevölkerung aus den Lagerhäusern, Geschäften und Dörfern der Umgebung organisierten. Luxusvillen und Paläste wurden in Krankenhäuser, Kindergärten und ähnliche allgemeinnützige Anstalten umgewandelt.

Vor allem in dem traditionell von der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT dominierten Katalonien kam es zu einer spontanen Kollektivierungsbewegung in Industrie und Dienstleistungsunternehmen. Circa 40 Prozent der Fabriken und Dienstleistungsbetriebe in Katalonien wurden kollektiviert. Fabrikkomitees übernahmen ab dem 20. Juli für die durch Abwesenheit glänzenden alten Chefs und Besitzer die Betriebe. In manchen wurde der Einheitslohn eingeführt, in anderen wehrten sich Teile der Belegschaft dagegen. Gemeinsam war allen kollektivierten Betrieben, dass die Einkommensunterschiede zwischen den verschiedenen Beschäftigtengruppen deutlich verringert wurden. Auffällig ist allerdings, dass sich an der grundlegenden Benachteiligung von Frauen wenig änderte. Sie waren kaum in den Selbstverwaltungsgremien vertreten und ihre Löhne lagen weiterhin zumeist deutlich unter denen der männlichen Kollegen.

Die Übernahme der großen Industrieunternehmungen vollzog sich auf lokaler Ebene mit erstaunenswerter Leichtigkeit und ohne Produktionsstörungen. Bereits zwei Tage nach dem Putsch fuhren in Barcelona wieder Straßenbahnen, Autobusse und U-Bahn. Gas und Strom wurden ohne Pannen geliefert. Die Arbeiter scheuten vor den größten Anstrengungen nicht zurück, um die Produktion in Gang zu bringen und sie trotz erheblicher Schwierigkeiten ständig zu steigern. Vor den 800 katalanischen Metallbetrieben stand die Aufgabe der Umstellung auf Waffenproduktion. »Die Kriegsindustrie-Kommission erzielte innerhalb eines Jahres Produktionsziffern, die selbst optimistische Schätzungen für unerreichbar gehalten hatten«, schreibt der Historiker Walter Bernecker. In Branchen wie der Textilindustrie, der optischen und Holzindustrie, die in viele kleine, wenig produktive Betriebseinheiten zersplittert waren, leiteten die Arbeiterräte Rationalisierungsmaßnahmen ein. Kleine, unrentable Schwitzbuden, in denen die Beschäftigten oft unter gesundheitsschädlichen Bedingungen schufteten, wurden von den Selbstverwaltungsgremien geschlossen und zu größeren Einheiten zusammengefasst.

Den kollektivierten Betrieben stellten sich ganz grundsätzliche Probleme: zum einen mangelhafte Finanzierung der Betriebe über Bankkredite und Probleme beim Absatz der produzierten Güter durch den Wegfall der von den Putschisten eroberten Gebiete, zum anderen die Beschaffung von Devisen für den Außenhandel oder die Suche nach Ersatz für jene Rohstoffe, die ursprünglich aus jenem Teil Spaniens bezogen wurden, der jetzt von Franco kontrolliert wurde. Diese Probleme konnten nicht auf einzelbetrieblicher Ebene, sondern nur im Rahmen einer umfassenden Koordinierung und Sozialisierung der Produktion gelöst werden.

Der Notwendigkeit einer branchenweiten und regionalen bzw. landesweiten Koordination waren sich die Anarchosyndikalisten durchaus bewusst. Sie auch praktisch in Angriff zu nehmen, wurde aber mit der Reorganisation des zentralen und regionalen Staatsapparats erschwert. Insbesondere die KP, die in den reorganisierten zentralen staatlichen Apparaten eine immer wichtigere Rolle spielte, war mit Hinweis auf die Existenzbedrohung durch den von den Putschisten ausgelösten Krieg darauf bedacht, die Kollektivierung zu stoppen und wieder rückgängig zu machen. Nach der Ausschaltung der trotzkistischen POUM und entscheidenden Schwächung der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT und der anarchistischen Föderation FAI im Mai 1937 und der Regierungsübernahme durch den Sozialisten Juan Negrin wurde die Kollektivierungsbewegung de facto abgewürgt. Insofern ist aus heutiger Sicht ein abschließendes Urteil schwierig, ob die Sozialisierung an den Unzulänglichkeiten der Konzeption seitens der Anarchisten oder der systematischen Destruktionspolitik der KP scheiterte.

Festzuhalten bleib: Die von Hans-Magnus Enzensberger als »kurzer Sommer der Anarchie« benannte - und leider in Vergessenheit geratene - spontane Kollektivierungsbewegung in Industrie und Landwirtschaft in Katalonien zur Zeit der spanischen Volksfrontrepublik verdient es, ins kollektive Gedächtnis der gesamten Linken zurückgeholt zu werden.

Am 17./18. September findet im Haus der Jugend in Frankfurt am Main ein Wochenendseminar zum Thema »Spanien 1936 bis 1939: Revolution und Konterrevolution« statt, organisiert von der »internationalen sozialistischen linke« ( isl) und dem »Revolutionär Sozialistischen Bund« (RSB); Infos unter www.islinke.de/pdf/spanienseminar oder unter der Tel. 0221/9231196. Unser Autor referiert neben Werner Abel, Vera Bianchi und Rainer Tosstorff.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
Mehr aus: