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Poolhaus der Extraklasse

Der Bund förderte das »Transrapid«-Projekt einst mit mindestens 1,2 Milliarden, nun wird der Zug für den Privatgebrauch versteigert

Ein bunter Zirkuswagen als Spielhaus für die Kinder oder ein Traktor aus den 1950ern neben dem Erdbeerbeet sind längst keine aufsehenerregenden Besonderheiten mehr in privaten Gärten. Wie aber können sich Menschen, die über viel Geld und Platz verfügen, von solchen Fahrzeug-Banalitäten abgrenzen und etwas ganz Exklusives neben der Villa platzieren? Die Antwort gibt eine Ausschreibung der Vebeg, der Verwertungsgesellschaft des Bundes. Sie versteigert am 15. Oktober einen Magnetschwebezug »Transrapid 09«. Ein Mindestgebot ist nicht genannt.

Wer das 76 Meter lange, mit 176 Sitzplätzen ausgestattete Mobil haben möchte, kann es - wohl auf eigene Kosten - auf das heimische Grundstück stellen lassen, »zu Präsentationszwecken«, wie die Vebeg als Verwendungszweck vorschlägt. Dann darf sich der Käufer hineinsetzen, die Augen schließen und losrasen. Jedenfalls im Traum. Denn der Zug wird »ohne Fahrweg« verhökert.

Der Fahrweg steht im Norden Niedersachsens, in Lathen, einer Gemeinde im Emsland. Auf Stahlpfeilern verläuft dort die 1987 erbaute, 2011 stillgelegte Transrapid-Teststrecke. Ein 32 Kilometer langer Betonweg, in den der Bund seinerzeit 860 Millionen Euro investiert hatte. Dort können Interessierte auch den zur Versteigerung anstehenden »TR 09« besichtigen.

Nicht nur besichtigten, sondern selbst mitfahren durften früher täglich bis zu 1000 Besucher des Testgeländes, das extra mit einem Aussichtshügel und einem Infozentrum ausgestattet worden war. Zehn Minuten dauerte die für jeden Passagier 18 Euro teure Tour.

Am 22. September 2006 endete eine solche Kurzreise tragisch. Ein Transrapid raste mit 162 Stundenkilometern gegen einen Werkstattwagen, der die Strecke noch nicht verlassen hatte. Bei dem Unglück starben 23 Menschen, zehn kamen mit Verletzungen davon. Bis 2008 wurde die Strecke daraufhin vorübergehend außer Betrieb gesetzt. In jener Zeit kündigte sich auch das Ende der Magnetbahn-Höhenflüge an, die zeitweise das Projekt begleitet hatten.

Zum Transrapid gab es schon 1969 erste Planungen. Die Siemens AG und die ThyssenKrupp-Transrapid GmbH entwickelten Prototypen, 1991 hieß es: Der erste Transrapid ist fahrfähig. Hoch klangen die Lobeshymnen auf einen Hochgeschwindigkeitszug, der ohne Räder auskommt und der allein durch elektrisch erzeugte Magnetfelder bewegt wird - mit Geschwindigkeiten bis zu 500 Kilometer in der Stunde.

Anwohner würden nicht durch rollende Räder gestört, nur ein Windgeräusch werde zu hören sein, hieß es damals. Und erstaunlich kurz sollten die Fahrzeiten werden. Vom Münchner Flughafen sollte das Zentrum der bayrischen Landeshauptstadt in zehn Minuten erreichbar werden, statt einer knappen Stunde mit der S-Bahn. Zu denen, die das Konzept für diese Strecke bejubelten, gehörte Bayerns damaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber. Beim CSU-Neujahrsempfang 2002 brachte er in seinem Transrapid-Plädoyer jedoch nur Gestammel heraus. Die verstümmelten Satzgebilde errangen als »Stoibers Stotterrede« Berühmtheit und sorgen noch heute im Internet für Lacher.

Aus der München-Strecke wurde nichts. Zu erwartende hohe Kosten besiegelten ihr Aus. Ähnliches widerfuhr den Plänen für die Transrapid-Strecke zwischen Hamburg und Berlin. Nicht nur für die Investoren wäre die Sache teuer geworden, auch für die Passagiere. Eine Hin- und Rückfahrt sollte pro Nase 250 Euro kosten.

Billiger ist es in China: Nur sechs Euro werden für die einfache Fahrt zwischen Shanghai und dem Flughafen Pudong kassiert. Die 30 Kilometer lange Magnetbahn-Strecke ist weltweit die einzige, auf der ein Transrapid verkehrt. In Deutschland dürfte das Projekt hingegen begraben sein. Das Transrapid-Werk in Kassel ist bereits seit 2010 geschlossen, die Teststrecke bei Lathen soll abgerissen werden, sobald Unstimmigkeiten zwischen einer Firma und dem Bund über die Kosten - rund 40 Millionen Euro - ausgeräumt sind.

Und nun wird auch der Testzug verschwinden, sofern ihn jemand ersteigert. Für den Fall, dass ihn niemand in den Garten stellt, hat die Vebeg einen weiteren Vorschlag: »Verwertung«. Also: ab in den Schrott.

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