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Hessen schließt Schwimmbäder

Sparkurs hat negative Folgen für Schulunterricht

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

Eigentlich sollte in einem reichen Land jedes Grundschulkind im Sportunterricht schwimmen lernen. Doch wo kein Schwimmbad ist, kann notgedrungen auch kein Schulschwimmen angeboten werden. »Jedes dritte Kind kann nach Abschluss der Grundschule nicht oder nur unsicher schwimmen«, so Michael Hohmann von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Hessen gegenüber »nd«. Wenn in diesen Spätsommertagen viele von ihnen zur Erfrischung in natürliche Gewässer eintauchen, drohen tödliche Badeunfälle.

Vom Notstand besonders betroffen sind laut Hessischem Rundfunk (HR) 15 schwimmbadlose Kommunen im Land, die sich in ländlichen Regionen auf einer relativ großen Fläche über viele kleine Ortsteile erstrecken. Eine interaktive Karte auf der Website des HR stellt diese Lücken dar. So müssten die Schüler in Teilen von Odenwald, Taunus, Wetterau, Westerwald, Vogelsberg, Spessart und nordhessischem Hügelland lange Anfahrtswege auf sich nehmen, um zu einem ganzjährig geöffneten Hallenbad zu gelangen. Der HR zitiert eine Schulleiterin aus Wald-Michelbach im Kreis Bergstraße mit den Worten: »Wir würden das sehr gerne anbieten, wenn es eine Möglichkeit gäbe.« Allein in diesem südlichsten Landkreis des Landes liegen sechs Gemeinden, in denen Schulschwimmen notgedrungen nicht zum Lehrplan gehören kann.

Betroffen ist auch die zwischen Fulda und Frankfurt gelegene 12 000-Enwohner-Stadt Wächtersbach. In der ehemaligen Kreisstadt Weilburg an der Lahn wird das kreiseigene Hallenbad derzeit komplett abgerissen und neu gebaut. Weil andere Bäder im Umkreis schon ausgelastet sind, können die Grundschulen im Raum Weilburg derzeit keinen Schwimmunterricht anbieten. Auch anderswo im Lande häufen sich Klagen über eine hohe Auslastung und Überfüllung von Bädern. So wird das Hallenbad in Gedern (Wetteraukreis) dem Vernehmen nach von 18 verschiedenen Schulen aus drei Landkreisen von insgesamt 25 000 Schülern frequentiert, die vormittags für eine komplette Auslastung sorgen. Solche Szenarien steigern zwangsläufig auch den Unmut anderer Badegäste, die sich mitunter an den Rand gedrängt sehen.

Zumindest in den Sommermonaten bringen nach HR-Angaben die Sportlehrer in rund 60 hessischen Gemeinden den Schülern in Freibädern das Schwimmen bei. Wenn der für die Kinderschwimmkurse notwendige feste Rhythmus allerdings durch kühle Temperaturen oder gar Regen gestört werde, »dann klappt es nicht«, warnt Michael Hohmann.

Der Notstand ist vor allem eine Folge von Schwimmbadschließungen. Mit der Schuldenbremse gingen Einsparungen in kommunalen Haushaltender einher. So wurden nach HR-Recherchen seit der Jahrtausendwende hessenweit 44 Schwimmbäder geschlossen. Für gut die Hälfte sei kein Ersatz in Planung. In vielen Bädern sei der Betrieb ohne ehrenamtliche Mitarbeit aus Förder- oder Trägervereinen oder Zweckverbände mehrerer Kommunen nicht aufrechtzuerhalten, so der Sender.

»Der stetige Rückgang der Schwimmbäderzahlen in Hessen muss gestoppt werden«, fordert Linksfraktionschef Willi van Ooyen, der für die Kommunen »eine dauerhafte und ausreichende Finanzierung statt Spardiktate und Gängelung durch die schwarz-grüne Landesregierung« verlangt. Die DLRG habe schon 2014 Alarm geschlagen, sei damit jedoch bei der Landesregierung auf taube Ohren gestoßen. »Allen Beteuerungen zum Trotz hat sich die Situation weiter verschärft«, so van Ooyen.

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