Werbung

Professor Grzimek des Wedding

Eine Nachbarin aus dem Vorderhaus stand abends vor der Tür. Im Vorderhaus säße eine Taube, erklärte sie mir. Nur weil ich mich mit Reptilien beschäftige, glauben alle, ich sei für jedes tierische Leben im Umkreis von fünf Kilometern zuständig. Katzen, Hunde, Hamster, Eichhörnchen, Vogelspinnen, flügge Jungvögel. Ich bin der Professor Grzimek des Wedding.

Ich ließ mir den Pechvogel zeigen. Die Taube saß auf dem Boden und sah eigentlich ganz normal aus. Abgesehen davon, dass ihr Kopf um etwa 90 Grad nach links gedreht war, der Hals dafür aber um 180 Grad nach unten, sodass die Schädeldecke des Tieres auf dem Holzboden auflag.

Ich betrachtete die Taube eingehend, dann teilte ich der Nachbarin meine Fachdiagnose mit: »Die ruht sich nur ein bisschen aus. Morgen früh ist die wieder weg.«

Das stimmte vermutlich sogar. Ich setzte auf die hier herumstreunende Katze. Die Nachbarin aber wirkte nicht überzeugt. Sie beugte sich über den Vogel, der sich darob erschreckte, ins Torkeln geriet, umfiel und auf dem Rücken landete. »Siehst du«, sagte ich, »die will sich nur ein bisschen hinlegen.«

Die Nachbarin sah mich vorwurfsvoll an. Verdammt, dachte ich, denn ich mochte sie wirklich gerne. »Die schafft es nicht«, stellte die Nachbarin zutreffend fest, und setzte hinzu: »Wir müssen sie erlösen. Soll ich ihr einfach auf den Kopf treten?« Das wäre das Beste, dachte ich, aber erst, wenn ich wieder weg bin. Ihr Blick verriet, dass diese Variante nicht ihrer Erwartungshaltung entsprach.

Ich seufzte. »Ich glaube, Kopfzertreten ist nicht ganz state of the art. Ich geh mal gucken, wie man das macht.« Sie fragte: »Und wie guckt man so was nach? Einfach googlen nach ›Wie mache ich eine Taube tot?‹«

»Ach was«, wehrte ich ab, »das ist im Tierschutzgesetz vorgeschrieben.« Ich ging in meine Wohnung, setzte mich an den Computer und googelte: »Wie mache ich eine Taube tot?« Kurz darauf war es traurige Gewissheit: »Geflügel muss man den Kopf abschlagen«, hieß es unmissverständlich. Als ich zurückkam, fragte die Nachbarin: »Und?« Ich sagte: »Kopf ab.« Sie sagte: »Oh.«

Während sie oben wartete, ging ich mit der zappelnden Taube in den Keller. Das Folgende erspare ich uns hier. Als Resultat hatte ich aber eine kopflose Taube in einer Plastiktüte und eine Gartenschere sowie ein Messer in meinen Händen. Ach was, Professor Bernhard Grzimek - ich bin der Dennis Cuspert der Seestraße.

Die Nachbarin schaute mich mit großen Augen an. Ich wollte schon den großen Restmüllcontainer öffnen, aber da schüttelte sie mit dem Kopf und hob den Deckel der Bio-Tonne an. »Das sind wir ihr schuldig«, flüsterte sie.

Ist sie das jetzt, die Gentrifizierung?

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!