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Neuanfang

Tag 11: Der letzte Tag an Bord

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 4 Min.

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Marco, der Fotograf von »SOS Méditerranée«, spaziert am Dienstagnachmittag auf der Brücke herum. Das Boot ist restlos überfüllt, jeder freie Meter wird von der Crew mit Genugtuung in Anspruch genommen. Er lässt seinen Blick nach Backbord, Westen, schweifen und entdeckt die Umrisse der italienischen Küste. Die »MS Aquarius« hat in den vergangenen Tagen einen weiten Weg zurückgelegt, der südliche Zipfel des europäischen Kontinents ist erreicht. Mittwochmorgen wird voraussichtlich der Zielhafen Brindisi auf dem Festland angelaufen. Ganz Sizilien hat angeblich keine Kapazitäten mehr für weitere Aufnahmen. Marco weist einen der neben ihm stehenden Flüchtlinge beiläufig auf die neue Aussicht hin. Dieser folgt mit einem wachsenden Grinsen der Hand des italienischen Fotografen.

Die Kunde verbreitet sich wie ein Lauffeuer an Bord. Ungläubig versammeln sich immer mehr Schutzsuchende verschiedener Nationalitäten an der Reling und überprüfen den Tratsch mit eigenen Augen. Als sie die Bestätigung erblicken, gibt es kein Halten mehr. Menschen jubeln, lachen und klatschen in die Hände. Von allen Seiten und Treppen kommen sie an den Rand des Schiffes gelaufen. Die Projektion ihrer Sehnsüchte ist Realität geworden, die Träume, die sie auf ihrer entbehrungsreichen Reise am Leben hielten, haben sich endlich manifestiert.

Für einen Moment herrscht Stille. Als sich im Schutzraum der Frauen die Nachricht herumspricht, kommen auch sie heraus gerannt. Sie beginnen vor Glück zu kreischen, und fallen sich in die Arme. Dutzende von ihnen beginnen wie in Ekstase zu tanzen, die restlichen Flüchtlinge halten inne und lauschen. Christliche Gebetslieder werden angestimmt und verschmelzen zu einer hypnotisierenden Melodie. Schneller, lauter, erregter, Mütter tanzen lachend mit ihren kleinen Kindern, ein jeder umarmt sich gegenseitig. Sie zelebrieren mit allen verbliebenen Kräften einen Neuanfang, ihr Stampfen schüttelt rhythmisch das alte Leben ab. Sogar ein paar Delfine zeigen sich kurz im Wasser.

Der Kreis der umherspringenden Frauen dehnt sich aus, und zieht sich wieder zusammen. Unzählige Arme fliegen durch die Luft. »Wir sind so glücklich«, sagt mir die Nigerianerin Joy mit einem Lachen im Gesicht. Auch die Journalisten und Crew-Mitglieder werden in den Bahn gezogen. Wir sind ein Teil der glücklichen Masse, Komplizen der Feiernden. »Ich bin dankbar, dass ich diesen Moment erleben darf«, sagt der französische Freiwillige Edouard. Mir geht es genauso. Später tanzen die Frauen im Schutzraum nochmal für sich. Dann zu »Billy Jean«, von Michael Jackson.

Mit der Freude steigt auch Verbitterung in mir auf. Die Flüchtlinge haben keine reale Vorstellung, von dem, was in Europa auf sie wartet. Sie glauben an ein Abziehbild, dass sich aus Gerüchten, Schmugglergeschichten und Fernsehbeiträgen zusammensetzt. Sie wissen nichts von der Lega Nord, der AfD, Pegida oder dem Front National. Nichts von der anhaltenden Wirtschaftskrise, dem menschenunwürdigen Asylsystem oder einer politischen Ethik, die den Wert des Menschen über seine vermeintliche Kulturangehörigkeit und Leistungsfähigkeit bestimmt. Wissen kann manchmal wie eine Bürde lasten, speziell in glücklichen Momenten wie diesem. »Ich will ihnen nicht sagen, dass sie jetzt in Sicherheit sind«, sagt die »SAR«-Verantwortliche Ani. »Sie sind es einfach nicht.«

Deutschland ist besonders beliebt bei den Flüchtlingen. Viele wollen hier arbeiten und fragen mich, wie sie das Land erreichen können. Ich weiß nicht, was ich ihnen antworten soll. Die meisten von ihnen werden die nächsten Monate in Italien stranden. Sollen sie den offiziellen Weg gehen? Oder die Fingerabdrücke verweigern, und versuchen, sich ohne Sprache, Geld und Hilfe durchzuschlagen? Die Verantwortung ist hoch, Konsequenzen bei einer fehlerhaften Information wahrscheinlich. Viele wollen meinen Facebook-oder Whatsapp-Kontakt, ein Smartphone besitzt fast keiner.

»Unsere Aufgabe, ist es nur, sie bis zur nächsten Etappe zu bringen«, meint die britische Freiwillige Mary. »Dort gibt es dann andere Hilfsorganisationen wie das 'Rote Kreuz', die sich um sie kümmern und Aufklärung betreiben.« Asma von »Ärzte ohne Grenzen« versucht trotzdem, ein wenig der auf dem Schiff herumkriechenden Angst zu vertreiben. Mit einer großen Europakarte geht sie selbstbewusst von Gruppe zu Gruppe und zeigt, wo wir uns befinden. Sie klärt die Flüchtlinge über ihre wichtigsten Rechte auf, bleibt aber vage. »Es ist eine rechtliche Grauzone, wir müssen vorsichtig sein.«

Auf dem Deck herrscht auch noch am Abend eine Stimmung wie auf einem Marktplatz. Je mehr die Flüchtlinge von der Küste sehen, desto aufgeregter werden sie. Die Kinder haben bereits alle Luftballons zum Platzen gebracht. Nun gehen sie dazu über, die Hygiene-Handschuhe der Crew aufzublasen. Die Überbelegung, die Langeweile und die Ungewissheit zerren an den Nerven. Streitereien brechen kurzzeitig auf, bei einem Mann wird ein Messer entdeckt. Nur langsam legt sich die Masse von Körpern auf den Boden zum Schlafen, schleppend wird sich unter die grauen Decken gemurmelt. Ich drehe eine letzte Runde, vertraute Gesichter lächeln mich an und sagen »Danke«. »Nach zwei Tagen müssen wir aufpassen, sonst wird es zu emotional«, sagt »Ärzte ohne Grenzen«-Mitarbeiterin Viktoria. Ich denke an morgen früh und fürchte mich ein bisschen.

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